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James Fenimore Cooper: Der letzte Mohikaner : In diesen Adern fließt Chlorophyll

Bild: Hanser Verlag

Vergesst Winnetou! Coopers „Der letzte Mohikaner“, der vor knapp zweihundert Jahren erschien, liegt nun in guter deutscher Übersetzung vor. Alles, was den Roman im konkreten Damals verankert, kann man jetzt zum ersten Mal vollständig entdecken.

          Natürlich muss man auch im Wald, wenn man gerade mit dem einen Indianerclan gegen den anderen kämpft, strategisch denken. Und es ist ja ehrenwert, dass „Falkenauge“, der alte Trapper, seinen jungen Freund und Mitkämpfer Heyward in einem kurzen Augenblick der Ruhe über die „Philosophie eines indianischen Kampfes“ aufklärt (flinke Hand, scharfes Auge, gute Deckung). Aber dass der Veteran zahlreicher Schlachten dann nahtlos auf die Rolle von Bajonett und Kavallerie übergeht (“Die Reiterei muss früher oder später diese Scharmützel entscheiden“) und aus dem Schwadronieren gar nicht mehr herauskommt, ist zu viel des Guten.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          “Darüber sollten wir lieber ein anderes Mal reden“, sagt dann auch sein Kriegskamerad Heyward, „greifen wir an?“ Und erhält eine denkwürdige Antwort durch den Kugelhagel: „Ich glaub nicht, dass es wider irgendeines Menschen Gaben ist, seine Atempausen mit nützlichen Betrachtungen zu verbringen.“

          So steht es in James Fenimore Coopers Roman „Der letzte Mohikaner“ (1826), den jeder zu kennen glaubt, weil das Buch vieldutzendfach auf Deutsch erschienen ist. Und das eigentlich kaum einer kennt, weil die bisherigen Übersetzungen, wo sie nicht direkt als „Bearbeitungen für die Jugend“ daherkommen, doch im Zweifel auf alles verzichteten, was für verzichtbar gehalten wurde, und da standen langwierige Beschreibungen von Land und Leuten an erster Stelle.

          Im konkreten Damals und Dort

          Wer nun zum „Letzten Mohikaner“ greift, wie er seit kurzem in neuer Übersetzung von Karen Lauer bei Hanser vorliegt, dem gehen die Augen über. Nicht dass man es nicht auch hier mit dem gewohnten Gemetzel zu tun hätte, wie es die Fabel verlangt. Denn die Geschichte aus dem in Nordamerika ausgetragenen britisch-französischen Krieg, hier fokussiert auf den Sommer 1757, ist blutig genug: Ein britischer Kommandant, dessen Fort von den Franzosen belagert wird, soll mit der angeforderten Verstärkung auch den Besuch seiner Töchter Cora und Alice erhalten. Doch die machen sich auf eigene Faust auf den Weg durch die Wildnis, begleitet von Heyward, geführt und verraten von dem Huronen Magua, immer wieder gerettet schließlich vom Trapper Falkenauge und seinen beiden Begleitern, den Mohicanern Chingachgook und Uncas.

          Die Schauplätze wechseln zwischen Wald und Fluss, Insel und Höhle, Bergland und Ebene, die Reisegruppe muss sich ständig marodierender Irokesen und anderer Indianerstämme erwehren, und auch Falkenauges legendäre Treffsicherheit stößt an ihre Grenzen, wenn der Gegner den Pulver- und Bleivorrat entwendet. Und wenn dann etwa auf der Mitte des Bandes die Indianer den abziehenden Tross attackieren, die Frauen und Kinder wundeten, dann möchte man die Szenen am liebsten überblättern.

          All das ist so oder so ähnlich auch in den bisherigen deutschen Ausgaben zu finden. Das andere aber, die langen, retardierenden Elemente, die Schilderungen von Wald und Tieren, die erläuternden Fußnoten des Autors, im Grunde also alles, was den Roman im konkreten Damals und Dort verankert, wird man in dieser Ausgabe zum ersten Mal vollständig entdecken.

          Falkenauges Plädoyer

          Und damit auch einen ungeahnt realistischen Roman, der als Gegengewicht zu den unbestreitbar schnellen Kampfschilderungen ein Fest der Langsamkeit feiert. So entsteht ein Kontrast, der die Dinge aufs schönste wieder zurechtrückt: Coopers Gestalten, die oft genug überraschend kaltblütig ihr Gewehr gebrauchen oder höchst konzentriert im Birkenrindenboot ihr Paddel benutzen, um den Verfolgern zu entkommen, erscheinen immer wieder als Verlorene zwischen den Fronten, als Verirrte im Nebel, aus dem plötzlich Bewaffnete auftauchen, ob Freund oder Feind. Kaum einmal weitet sich der Blick zum Panorama, fast immer wird der Krieg in den amerikanischen Wäldern aus der Froschperspektive beschrieben, und der ständige Wechsel der Bundesgenossen, die andauernde Unsicherheit darüber, wer es gut mit einem meint und wer nicht, lässt ein bedrückend präzises Bild davon entstehen, wie der einzelne Soldat diesen diffusen Krieg erleben konnte.

          Insofern sollte man Falkenauges Plädoyer für die „nützlichen Betrachtungen in Atempausen“ zwischen den Kampfhandlungen als angemessene Reaktion auf ein Dasein betrachten, das ständig auf der Kippe steht. Und Cooper, der große Grenzgänger zwischen Wildnis und Zivilisation, zwischen Alter und Neuer Welt, der emsig Archivstudien betrieb und - nach einem Wort Arno Schmidts - „Chlorophyll in den Adern“ hatte, wusste natürlich, was er tat, als er seinem alten Trapper den jungen, verliebten Heißsporn Heyward an die Seite stellte und dabei das Kunststück fertigbrachte, beiden recht zu geben.

          Der Amerikaner nimmt sich Zeit

          Denn Falkenauges oft fragwürdiges Reden, das hinsichtlich einzelner Indianerstämme geradezu rassistische Züge annehmen kann, wird immer wieder durch sein Handeln relativiert. Niemand pocht so sehr auf seine europäische Herkunft, auf sein „reines Blut“ wie er. Und kein anderer Weißer ist so sehr mit den Ureinwohnern verschmolzen, durch tiefe Freundschaft ebenso wie durch die Übernahme ihrer Sitten und Überlebensstrategien.

          Karl May, auch dies lehrt die Lektüre des ungekürzten „Letzten Mohikaner“, hat viel von Cooper übernommen und nichts von ihm gelernt. Wo sich der Amerikaner Zeit nimmt, differenziert und literarisch in die Moderne aufbricht, reiht der Deutsche ein Klischee ans andere. Auch deshalb wünscht man sich nach dem „Letzten Mohikaner“ eine ebenso sorgfältige Neuübersetzung der übrigen „Lederstrumpf“-Romane. Es geht immerhin um die Neuentdeckung eines kompletten literarischen Genres.

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