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James Baldwins Debütroman : Den nächsten Sturm abwarten

  • -Aktualisiert am

Tee trinken im Exil: Baldwin in Istanbul. Bild: Picture-Alliance

Der afroamerikanische Autor James Baldwin hat mein Denken und Schreiben geprägt. Jetzt erscheint sein autobiographischer Debütroman „Von dieser Welt“ in neuer Übersetzung.

          Ich arbeitete an meinem ersten Roman – ich dachte, ich werde ihn nie zu Ende schreiben können – bis ich endlich verstand, dass einer der Gründe dafür war, dass ich mich dafür schämte, wo ich herkam und wo ich war. Ich schämte mich für das Leben in der Schwarzen Kirche, schämte mich meines Vaters, schämte mich des Blues. Ich verstand, dass ich mich begraben hatte unter dem kompletten Phantasma über mich, das nicht meins war, sondern das der weißen Leute.“ Der Roman, von dem hier die Rede ist, veröffentlichte James Baldwin 1953, da war er noch keine dreißig. Heute steht das Werk auf der Liste der hundert besten englischsprachigen Romane des zwanzigsten Jahrhunderts („The Modern Library“). In Deutschland erschien es erstmals 1966 unter dem Titel „Gehe hin und verkünde es vom Berge“ bei Rowohlt. Nun legt dtv eine Neuübersetzung von Miriam Mandelkow mit geändertem Titel vor.

          „Von dieser Welt“ porträtiert eine zerrissene Familie, die in ihrer Harlemer Kirche vor den Altar tritt, um gemeinsam zu beten. Bereits in seinem Debüt ist Baldwins Talent zu bestaunen, auch noch den letzten Winkel der menschlichen Seele auszuleuchten. Kompromisslos und beklemmend zeigt er, was seine Charaktere der lange Weg an den Altar gekostet hat. Zunächst glaubt man, den gerade vierzehn Jahre alt gewordenen John dabei zu begleiten, wie er durch das New York der fünfziger Jahre streunt und am Ende seines Spaziergangs damit hadert, dass er in seine strenggläubige Gemeinde und damit auch in die Arme des gewalttätigen Vaters zurückkehren soll. Doch bald schon findet man sich in einem Strom aus Familiengeschichten wieder, die über mehrere Generationen in den amerikanischen Süden reichen.

          Man liest wie im Rausch, aber man spürt den Schmerz: James Baldwin.
          Man liest wie im Rausch, aber man spürt den Schmerz: James Baldwin. : Bild: Picture-Alliance

          Die Anstrengung des jungen Autors, ehrlich mit seinem Stoff umzugehen, merkt man dem Roman nicht an, man liest ihn wie im Rausch. Aber man spürt den Schmerz, den es bedeutete, niederzuschreiben, was er zu sagen hatte. Benannt nach dem gleichnamigen Spiritual, ist „Go Tell It On The Mountain“ das Klagelied eines Mannes, der erst anfängt, sein literarisches und politisches Denken zu formen, und doch schon weiß, dass große Literatur nicht daher kommt, für jemanden Partei zu ergreifen. Bei Baldwin rettet sich niemand vor dem Fall.

          Es ist kein Geheimnis, dass es sich hier um ein semiautobiographisches Werk handelt: Auch James Baldwin war, wie sein junger Protagonist, ein uneheliches Kind und wuchs ohne leiblichen Vater auf. Seine Mutter kam mit dem dreijährigen „Jimmy“ 1927 aus dem amerikanischen Süden nach New York und heiratete einen Reverend, mit dem sie weitere Kinder bekam, die James Arthur Baldwin großzuziehen half. New York steckte in dem, was wir heute „The Great Depression“ nennen. Die Familie hatte kaum Geld, der Stiefvater arbeitete in Fabriken, wenn er denn Arbeit bekam, die Mutter putzte die Häuser weißer Leute. „Jimmy“ war und blieb klein, schmächtig. In „Go Tell It On The Mountain“ erwähnt der Erzähler an mehreren Stellen, wie John immer wieder eingetrichtert wurde, dass er hässlich sei.

          Eine Freundschaft mit Marlon Brando

          Mit dreiundzwanzig Jahren lebt James Baldwin im Greenwich Village. Er arbeitet als Kellner und hat kein Geld fürs College, aber Freunde wie Beauford Delaney, der ihm, wie Baldwin es ausdrückt, „eine ungewöhnliche Tür öffnet“. Im Village trifft er Marlon Brando, die Freundschaft hält ein Leben lang. 1968 werden sie Arm in Arm hinter dem Sarg von Martin Luther King marschieren.

          Der Verlag bewirbt die Neuübersetzung von „Go Tell It On The Mountain“ mit einem Zitat aus dem „Time Magazine“: „James Baldwin ist überall.“ Nun, wo überall? Auf den Plakaten der Menschenrechtsbewegungen, vor allem des „Black Lives Matter“ in Amerika. In den Kinos, die den Dokumentarfilm „I Am Not Your Negro“ in der Regie von Raoul Pecks zeigen. Hip-Hop-Superstars wie Jay Z und Beyoncé zitieren ihn in ihren Musikvideos. Der 2017 für seinen Film „Moonlight“ mit dem Oscar ausgezeichnete Regisseur Barry Jenkins arbeitet an der Kinoadaption von Baldwins „If Beale Street Could Talk“. Schon „Moonlight“ wirkt, mit seinem jungen schwarzen, schwulen Protagonisten, der nach Halt sucht in einer für ihn nicht geschaffenen Welt, wie eine Adaption eines von Baldwins Romanen.

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