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Jacques Chessex: Der Schädel des Marquis de Sade : Wie sind wir wandermüde

Bild: Verlag

Über Sade schreiben und sterben: Der 2009 verstorbene Schweizer Schriftsteller Jacques Chessex holt in seinem letzten Roman den Marquis de Sade zurück in die Literatur.

          Er war der bedeutendste Gegenwartsschriftsteller der französischsprachigen Schweiz. Für seinen Roman „Der Kinderfresser“ hatte Jacques Chessex einst als erster Ausländer den Prix Goncourt bekommen. Seine Geschichten handeln vom Leben, Sterben und Schreiben in seiner Heimat, dem Waadtland. Von den gesellschaftlichen Konventionen und den unheimlichen sexuellen Sehnsüchten. Sie sind Sittenbilder aus der Provinz und haben regelmäßig Anstoß erregt.

          Jürg     Altwegg

          Kulturkorrespondent mit Sitz in Genf.

          Sein letzter Roman wurde sogar in einer verschweißten Plastikhülle verkauft. Gewidmet ist er dem Marquis de Sade und erschienen nach dem brüsken Hinschied des Verfassers: Anlässlich einer öffentlichen Diskussion war der Schriftsteller tot zusammengebrochen, nachdem ihn ein Arzt aus dem Publikum wegen seiner Unterstützung für den verhafteten Roman Polanski der Pädophilie bezichtigt hatte. Am Tag seines Todes, unmittelbar vor der abendlichen Veranstaltung, habe er das Manuskript abgeschlossen, erklärte seine junge Witwe, die im Gymnasium in Lausanne seine Schülerin gewesen war, der Schweizerischen Nachrichtenagentur SDA, da war es 17 Uhr. Zwei Stunden später war er tot. Sade und Chessex wurden beide 74 Jahre alt.

          Geschichten über unerklärbare Grausamkeit

          Mit seinem letzten Roman vollendete der Flaubert des Waadtlandes – er pflegte seinen Kult des Stils und trug den Schnauz wie das Vorbild, bevor er sich für einen Bart entschied – eine Trilogie kurzer Geschichten über unerklärbare Grausamkeit und Gewalt. Sie steht nun am Ende seines Werks. Ihr erster Teil ist dem „Vampir von Ropraz“ gewidmet. In diesem Dorf baute der Schriftsteller dank dem Goncourt-Preisgeld ein Haus mit Sicht auf den Friedhof, in dem der Leichenschänder seinen Lüsten frönte. Er lebte zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts und endet in der Literatur – bei Chessex – als unbekannter Soldat unter dem Pariser Triumphbogen.

          Dem Vampir folgte „Ein Jude als Exempel“ (2009 bei Nagel & Kimche), die ebenso wahre Geschichte der bestialischen Ermordung eines jüdischen Viehhändlers durch Schweizer Nationalsozialisten 1941 in Payerne, seiner Heimatstadt. Chessex war mit einem der Mörder aus ideologischen Motiven zur Schule gegangen. Das Verbrechen war aufgeklärt worden und blieb nicht unbekannt, aber in Payerne hat die Erinnerung durch den Dichter mehr Empörung über den Nestbeschmutzer ausgelöst als zur Echtzeit der Mord selbst. Beim Karneval wurden plakatgroße Karikaturen, die Chessex als zerstückelten Juden zeigen, durch die Straßen getragen.

          Eine Nachdichtung ohne falsche Scham

          Nach den Verbrechen in Ropraz und Payerne, wo Chessex die längste Zeit seines Lebens wohnte, erkundet er in „Der letzte Schädel des Marquis de Sade“ gewissermaßen seine geistige Heimat. Er erzählt die letzten Wochen im Leben des blasphemischen Dichters in der Irrenanstalt von Charenton. Sade ist fett, müde, krank. Koliken, Blutungen, Asthmaanfälle hindern ihn zumindest nicht daran, seinen Ausschweifungen zu frönen. Die junge Geliebte ist die Tochter einer Angestellten des Hauses, deren mageres Gehalt die Zuwendungen des Marquis aufbessern. Man entwendet ihm die Manuskripte, die er schreibt. Die Medizin und die Kirche interessieren sich für seinen Fall – der Arzt schwört ihm, dass man auf ein Kreuz an seinem Grab verzichten werde.

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