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J. R. R. Tolkien: The Fall of Arthur : Herrn Gawain schreckt weder Adlerschrei noch Wolfsgeheul

Bild: Verlag

Eine Sensation aus dem Nachlass: Der „Hobbit“-Autor J. R. R. Tolkien besingt den Untergang von König Artus.

          Was er im Eisenbahnabteil auf der Reise nach Cambridge gelesen hatte, ließ den Londoner Anglistikprofessor Raymond Wilson Chambers nicht mehr los. Also schrieb er gleich auf der Rückfahrt am 9. Dezember 1934 an den Autor, wie begeistert er von dem Manuskript sei: Das ihm anvertraute, noch unvollendete Werk über den Untergang von König Artus sei wahrhaft groß und heroisch - und zeige außerdem, wie das Metrum des angelsächsischen „Beowulf“-Epos im modernen Englisch verwendet werden könne.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Das Lob aus berufenem Mund - Chambers hatte 1921 eine vielgelesene Einführung zum „Beowulf“ veröffentlicht - offenbart nicht nur die Bereitschaft des Philologen, sich auf einen spielerischen Umgang mit seinem Forschungsgegenstand einzulassen, denn wie anders sollte man eine Stabreimdichtung für die Gegenwart sonst nennen? Es zeigt aber umgekehrt auch, mit welcher Versiertheit der Dichter des Manuskripts sich offenbar die Versform des Stabreims angeeignet hat. Wäre es anders, wäre das moderne Werk in der „Beowulf“-Nachfolge formal weniger überzeugend, es hätte kaum die Zustimmung von Chambers gefunden. Aber auch das verwundert kaum: Schließlich stammt es von einem weiteren Fachmann für angelsächsische Literatur, dem Dichter und Literaturwissenschaftler John Ronald Reuel Tolkien.

          Tolkiens einzige Artus-Dichtung

          Jetzt ist „The Fall of Arthur“ als Buch erschienen, begleitet von einem üppigen Nachwort- und Kommentarteil, den wiederum Tolkiens 1924 geborener Sohn Christopher erstellt hat. Von ihm rühren bereits zahlreiche Nachlasseditionen seines Vaters her, allen voran das „Silmarillion“ und die zwölfbändige „History of Middle-earth“. Zuletzt gab er „Die Legende von Sigurd und Gudrún“ heraus, eine wohl in den dreißiger Jahren ebenfalls in Stabreimen verfasste Dichtung auf der Basis des altnordischen „Wölsungenliedes“.

          “The Fall of Arthur“ aber nimmt unter diesen Nachlasseditionen eine Sonderstellung ein. Es handelt sich, soweit bekannt, um Tolkiens einzige Nachdichtung aus dem Umfeld der Artussage. Der Philologe, der 1924 zwar eine Übersetzung des mittelalterlichen Epos’ „Sir Gawain and the Green Knight“ fertigte, für den „Hobbit“ und den „Herrn der Ringe“ aber aus anderen literarischen Quellen schöpfte, brach leider „The Fall of Arthur“ bereits nach vierzig Seiten ab. Den Rest des 234 Seiten starken Bandes füllen Anmerkungen und Anhänge des Herausgebers, der von der komplizierten Genese des gedruckten Textes (zu dem es zahlreiche Entwürfe und Notizen gibt) berichtet.

          Stabreimverse in faszinierender Fremdheit

          Inhaltlich erzählt Tolkien ganz traditionell von den letzten Tagen des arturischen Reichs. Der König bricht zu einem großen Feldzug auf den Kontinent auf und übergibt seinem Neffen Mordred die Herrschaft für die Zeit seiner Abwesenheit. Mordred aber begehrt die Königin Ginover und stellt sich gegen Artus, der nun, unterstützt von seinem Neffen Gawain, zurückeilt. Damit endet das Fragment, das sich vor allem an der angelsächsischen Tradition der Sage orientiert und keinen Einfluss von Chretien des Troyes, Hartmann von Aue oder Wolfram von Eschenbach erkennen lässt.

          Nun zeigt sich die Arbeit des Philologen vor allem an der Form dieser Dichtung: „True to Mordred / faithful in falsehood / foes of Arthur“, so fallen die Stabreimverse in faszinierender Fremdheit. In den Beschreibungen der Landschaft aber und mehr noch der Witterung scheint der moderne Autor durch: „Dark and dreary / were the deep valleys, / where limbs gigantic / of lowering trees / in endles aisles / were arched o’er rivers / flowing down afar / from fells of ice.“

          In dieser sparsam, effizient vor dem Leser ausgebreiteten Umgebung findet Tolkien nun die zugehörigen Geräusche, die auf das kommende Unheil einstimmen: „Among ruinous rocks / ravens croaking / eagles answered / in the air wheeling; / wolves were howling / on the woods border.“ Es hilft nichts: Tolkiens Stabreimverse sind von einer derart wuchtigen Schönheit, dass man sie beim Lesen mitsprechen oder besser gleich hören möchte. Das Werk ist in hohem Maß akustisch strukturiert, und der gewiefte Autor weist gleich zu Beginn des Fragments darauf hin, indem er von einer lauten Ansprache Gawains erzählt, die in den Nebel hineintönt und deren letztes Wort als Echo von den Bergen zurückkommt: „Arthur“.

          All dies hat mit den bekannten Texten Tolkiens nur sehr vermittelt zu tun. Allerdings scheint der Autor, so legt es der Herausgeber nahe, offenbar die in einem Teil der übrigen Artus-Dichtung beschriebene Überfahrt des Königs zur Feeninsel Avalon in Analogie zu den Atlantis-Anklängen in Tolkiens Privatmythologie von Mittelerde geplant zu haben. So wie am Ende des „Herrn der Ringe“ die Hobbits Bilbo, Frodo und Sam jeweils auf einem Schiff nach Westen in eine Art Jenseits fahren, so sollte im weiteren Verlauf von „The Fall of Arthur“ der mythische König diese Reise antreten.

          Dazu kam es jedoch nicht. Tolkien arbeitete in den dreißiger Jahren am „Hobbit“, der im Jahr 1937 publiziert wurde, und dann an einem neuen Werk, aus dem dann der „Herr der Ringe“ werden sollte. In gewisser Weise wurde Artus so zum Opfer Bilbo Beutlins.Chambers, der 1942 starb, hätte das nicht gutgeheißen. In seinem Eisenbahnbrief beschwor er Tolkien mit den Worten: „Sie müssen es einfach vollenden!“ Hätte er gemusst, ja.

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