09.02.2010 · Der südafrikanische Literaturnobelpreisträger J. M. Coetzee begeht heute seinen siebzigsten Geburtstag. In seinem neuen Roman nimmt er sich das eigene Nachleben vor: ein autobiographisches Virtuosenstück.
Von Richard KämmerlingsEines Nachts, so erinnert sich die Geliebte, brachte John Coetzee zum Rendezvous einen kleinen Kassettenrecorder mit und verlangte, dass man zu den Klängen von Schuberts Streichquintett zur Sache ging. Die Musik war nicht einfach als romantische Untermalung oder Stimmungsmacher gedacht, nein, der Geschlechtsakt sollte im Rhythmus der Geigen vollzogen werden, "Lieben nach Zahlen", wie sich Julia gut fünfunddreißig Jahre später halb amüsiert, halb immer noch empört erinnert. "Das - scheint mir - sagt Ihnen alles, was Sie über John Coetzee wissen müssen." Für die inzwischen als Psychotherapeutin arbeitende Frau kristallisiert sich in dieser skurrilen Episode das ganze Wesen eines verkopften und verquälten Mannes, der damals, in den frühen Siebzigern, zwar zum Katalysator für ihren Aufbruch aus einer spießigen und patriarchalen Ehe diente, keineswegs aber das Zeug zum "Märchenprinzen" hatte: "Weil er kein Prinz war, sondern ein Frosch. Weil er kein richtiger Mensch war, kein vollwertiger Mensch."
Wer erinnert sich hier? Zum siebzigsten Geburtstag des Schriftstellers erscheint auf Deutsch ein merkwürdiges, verstörendes, ein eben auf typisch Coetzeesche Art und Weise verkopftes und verquältes Buch: "Sommer des Lebens", im Original noch unbestimmter "Summertime", ist eine experimentelle, sich als biographische Recherche ausgebende Autobiographie in Bruchstücken. Ein Literaturwissenschaftler arbeitet über den Coetzee der siebziger Jahre und führt zu diesem Zweck fünf ausführliche Interviews mit Menschen, die damals für ihn von Bedeutung waren: mit einer Cousine, mit Universitätskollegen, Freunden und Geliebten.
Ein Meisterstück des Genres
Das scheint auf den ersten Blick ein künstlich verkompliziertes Verfahren zu sein. Doch in diesem erzähltechnischen Spiel und der Demonstration konstruktiver und stilistischer Virtuosität verbirgt sich eine radikale, im Wortsinne an die Wurzel des eigenen Werks gehende Selbstbefragung, die bitterer und peinlicher kaum sein könnte. Wenn Autobiographie immer eine Operation am offenen, ungeschützten Herzen ist, so hat Coetzee mit diesem Buch ein Meisterstück des Genres vorgelegt. Viele seiner bekannten Motive und Themen werden hier zusammengeführt, doch gerade deswegen ist diese Selbstbetrachtung geeignet, die Fundamente eines Lebenswerks zu unterspülen. Denn wie in der Schubert-Episode stehen mit Coetzees Charakter all seine Ideen und Phantasien, all die Früchte seiner Bemühungen im Verdacht, als überintellektualisierte, ausgedachte, sterile und lebensferne Konstrukte zu erscheinen - als ein auf Sand gebautes Schloss, ein verzweifeltes Trockenschwimmen neben dem Ozean des Lebens, in den vorbehaltlos einzutauchen er sich nicht traut.
"Bedenken Sie. Hier haben wir einen Mann, der in der intimsten menschlichen Beziehung keine Verbindung eingehen kann ... Doch wie verdient er seinen Lebensunterhalt? Indem er Berichte schreibt, fachmännische Berichte, über intime menschliche Erfahrungen ... Kommt Ihnen das nicht seltsam vor?" Coetzee geht volles Risiko.
Es ist nicht sein erstes autobiographisches Buch. "Sommer des Lebens" ist der dritte Band einer Trilogie nach den Kindheitserinnerungen "Der Junge" (1998) und "Die jungen Jahre" (2002), der Beschreibung seiner Zeit in England Anfang der sechziger Jahre. Dorthin war der 1940 in Kapstadt geborene Coetzee vor den bürgerkriegsähnlichen Zuständen in seiner Heimat und der deprimierenden familiären Situation (sein Vater war ein Bankrotteur) geflohen, dort arbeitete er als Programmierer und hing seinen noch naiven Träumen vom Künstlertum nach.
Auszüge aus den Notizbüchern
Doch nur mit Einschränkungen kann man sagen, dass das neue Buch dort "anknüpft", selbst wenn es mit "Der Junge" sogar den hinterhältig-harmlosen Untertitel "Scenes from Provincial Life" teilt. Zwischen den Büchern klaffen zeitlich große Lücken. Ausgelassen sind etwa seine erste Ehe sowie die gesamte Zeit in Amerika nach 1965 - die Beteiligung an Protesten gegen den Vietnam-Krieg prägte seine Vorstellungen von politischem und moralischem Engagement nachdrücklich.
"Sommer des Lebens" setzt nach der Rückkehr Coetzees nach Kapstadt 1972 ein, als er nach dem Tod der Mutter mit seinem zunehmend gebrechlichen Vater in einer Notgemeinschaft lebt, sich als Aushilfslehrer durchschlägt und die Veröffentlichung seiner ersten Bücher erlebt. Sein Debüt "Dusklands", zwei Novellen, erschien 1974. Wie ein Prolog sind den fünf Interviews Auszüge aus den Notizbüchern jener Jahre vorangestellt, die von einer schweren Krise zeugen. Seine amateurhafte Sisyphos-Arbeit am feuchten, zerbröselnden Haus lässt ihn über die vielen anonymen Schöpfer dauerhafter Werke - "Straßen, Mauern, Masten" - nachsinnen und Vanitas-Motive anschlagen: "Warum besteht er dann darauf, Zeichen auf Papier zu setzen, in der schwachen Hoffnung, dass jetzt noch Ungeborene sich die Mühe machen werden, sie zu entziffern?"
Die Verwendung der dritten Person dient der Selbstobjektivierung; in Kombination mit dem grammatischen Präsens (beides für eine Autobiographie ungewöhnliche Verfahren) entsteht der besondere, distanzierte Ton, so, als würde man an sich selbst unter Narkose herumoperieren. Es scheint, dass diese erprobte Form ursprünglich für das ganze Buch vorgesehen war. Die vorliegende fiktive Außenbetrachtung nun ist eine Verschärfung der Form; nämlich eine Lizenz zur schonungslosen Selbstabrechnung.
Kein Glück im brasilianischen Tanz
Während etwa die sich selbst als erotische Spitzenkraft einstufende Julia Coetzees Qualitäten als Liebhaber in Frage stellt ("Dem Sex mit ihm fehlte das Prickelnde", lacked all thrill heißt es fieser im Original), nimmt die Cousine Margot seine charakterlichen Defizite aufs Korn. Das von ihr angeprangerte Ehrgeiz- und Antriebslose, das Dilettantische, das Infantile des bereits weit über Dreißigjährigen nimmt die Verwandte deshalb besonders klar wahr, weil sie einst so große Hoffnungen in ihn setzte. Bei einem Familientreffen auf der abgelegenen großväterlichen Farm machen beide einen Ausflug in Coetzees klapprigem Pick-up und bleiben in the middle of nowhere stecken - ohne Nahrung, Wasser, Licht. Als Coetzee erklärt, dass er seinen Wagen deswegen immer selbst repariere, um das auf dem ganzen Land liegende Tabu körperlicher Arbeit von Weißen zu brechen, verzweifelt Margot endgültig an ihrem einstigen Lieblingscousin: "Das also ist der Grund dafür, dass sie hier in der Kälte und Dunkelheit sitzen und auf einen Vorbeifahrenden warten, der ihnen zur Hilfe kommt. Um auf etwas hinzuweisen, nämlich dass die Weißen ihre Autos selbst reparieren sollten. Wie komisch."
Coetzee als lächerlicher Lover ohne Sexappeal, als chronischer Versager, als stümpernder Maurer, als Möchtegern-Handwerker, als tragischer Verehrer, der, wiewohl grotesk unbegabt und buchstäblich taktlos, einen Kurs in brasilianischem Tanz belegt, der im regnerischen Winter zu einem Picknick einlädt und nicht einmal Feuer machen kann. Der Künstler entpuppt sich als vergeistigter Schwächling, fremd im eigenen Körper, fasziniert von Tieren, die ihn gleichwohl instinktiv meiden, ja als eine schlichte Fehlbesetzung als Mensch von Fleisch und Blut, dessen angemessene Existenzweise vielmehr die Papierform wäre. Die geballte Ladung menschlich-maskulinen Versagens gipfelt in der Pointe, dass dieser Coetzee nie so sehr eins mit sich selbst scheint wie eben zwischen zwei Buchdeckeln.
Über die Zuverlässigkeit von Erinnerungen
Aber natürlich ist der John Coetzee dieser Parade von Peinlichkeiten nicht identisch mit dem Autor "J. M. Coetzee". Julia nimmt die Einwürfe des Biographen gleich vorweg, der sich über die Genauigkeit wundern müsste, mit der sie nach so langer Zeit komplette Dialoge wiedergeben kann: "Ich will also offen sein: Was die betreffenden Gespräche angeht, so erfinde ich sie beim Erzählen. Das dürfte wohl gestattet sein, da wir von einem Schriftsteller reden." (Der deutsche Verlag schreibt gleich "Roman" darunter.)
Margots Interviewäußerungen hingegen hat der Coetzee-Forscher gleich selbst in eine dramatisierte Erzählung verwandelt, deren dreiste Freiheiten auf Widerspruch stoßen. Was der Leser vor sich hat, ist eine von den Figuren der Story noch nicht autorisierte, vorläufige Fassung. Doch wie zuverlässig ist die Erinnerung selbst? Wollen wir der resoluten Brasilianerin Adriana Nascimento glauben, die beteuert, Coetzees verhementem und wortgewaltigem Werben nie nachgegeben zu haben? Und war Coetzee für Sophie, die französische Kollegin an der Universität, die immerhin ihren Mann verließ, wirklich nur eine Episode? Schließlich liegt, bei so viel Metafiktion, die Frage nahe, ob es all diese Menschen im Leben von Coetzee überhaupt gegeben hat.
Am Ende des Gesprächs mit Adriana enthüllt der Biograph, dass sie seinen Nachlassstudien zufolge das Vorbild für die Mrs. Barton aus Coetzees Roman "Foe" (1986) gewesen sei, einer raffinierten postkolonialen Umschrift von Defoes "Robinson Crusoe", in der der später aus dem Plot getilgten Frau und dem sprachlosen Freitag die Hauptrollen zufallen. Dass die Sieger die Geschichte schreiben und der Überlieferung niemals zu trauen ist, ist eine frühe Einsicht Coetzees. Dem Kapitän, der Mrs. Barton drängt, ihr Abenteuer aufzuschreiben, antwortet sie: "So wie ich sie Ihnen berichte, mag die Geschichte ein recht guter Zeitvertreib sein, aber das wenige, das ich vom Bücherschreiben weiß, sagt mir, dass ihr Zauber schwindet, wenn sie in nackter Druckerschwärze zu Papier gebracht wird. Beim Aufschreiben geht etwas Lebendiges verloren, das durch Kunst ausgeglichen werden muss, und Kunst habe ich keine."
Fingierte Mündlichkeit
In einem der "Lehrstücke" aus "Elisabeth Costello" (2004) entwickelt der afrikanische Dichter Emmanuel Egudu eine Theorie der Oralität, die ebenfalls das Misstrauen gegen das geschriebene Wort und damit die klassische Romanform offenbart. Im Hintergrund steht dort eine auf die "Négritude" Aimé Césaires zurückgreifende Vorstellung einer besonderen Körperlichkeit der Afrikaner. Auch das findet in "Sommer des Lebens" wieder ein Echo in der Entfremdung des - tänzerisch und sexuell unbegabten - weißen Südafrikaners von seinem Körper. So gerät der Leser, wieder einmal, in eine für diesen Autor charakteristische Kippfigur: Coetzees masochistisches Selbstporträt ist zugleich die Parodie eines Klischee-Bilds europäischer Intellektualität, dessen literaturhistorisches Vorbild die Gelehrtensatire ist.
Die fingierte Mündlichkeit dieses Buches (und auch schon von "Costello" mit seinen Vorlesungs- und Redemitschriften) ist ebenso eine - zutiefst ironische - Reaktion auf die Defizite eines intellektualisierten, kopf- und schriftlastigen "weißen" Schreibens und damit eine Arbeit am Dauersteinbruch schriftstellerischer Identität. Die damalige Unfähigkeit zur Einfühlung wird überkompensiert, indem Coetzee nachträglich seinen Mitmenschen Stimme verleiht und - scheinbar - ganz hinter sie zurücktritt. Abermals schlägt das moralische Prinzip von Schuld und Sühne, das auch Coetzees Meisterwerk "Schande" (2000) bestimmt, auf die Erzählform durch. Die weltliterarisch wichtigsten Vorbilder für diesen Autor sind wohl doch die russischen Meister des neunzehnten Jahrhunderts, Tolstoi und Dostojewski.
Das Feuer der Vernunft
Coetzee hat sein jüngstes Buch als Jüngstes Gericht angelegt, bei dem nichts Geringeres als die Tauglichkeit von Person und Werk für die Ewigkeit verhandelt wird. Zum Zeitpunkt der Interviews ist "John Coetzee" bereits gestorben. "Sommer des Lebens" spielt mit der frivolen Vorstellung, ein Nachruf zu Lebzeiten zu sein, ein Testament, in dem der Autor sich selbst enterbt. Der zentrale Straftatbestand, Kapitalverbrechen für einen Schriftsteller, lautet: Vortäuschung falscher Leidenschaft. "Ich weiß", fragt Adriana, "dass er später richtig berühmt geworden ist; aber war er wirklich ein großer Schriftsteller? Denn meiner Ansicht nach reicht eine Begabung für Worte nicht aus, um ein großer Schriftsteller zu sein. Man muss auch ein großer Mann sein. Und er war kein großer Mann." So hart urteilt also die Romanfigur über ihren eigenen Autor.
Ist Coetzee also ein "großer" Autor? Die Frage sich selbst zu stellen, sie so zu stellen, ohne jede Koketterie, heißt sie zu beantworten. Coetzees Feuer brennt für die Vernunft, seine Leidenschaft, eine wahre Passion, zielt auf das "Gegenglück, den Geist", um Benn zu zitieren. Einsamer nie als im Sommer des Lebens. Und nie größer.