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Ismail Kadare: Der Raub des königlichen Schlafs : Blicke ins offene Hirn

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Kadares Welt ist ein ungemütliches Universum. Trotzdem gehört zu seinem Stil nicht nur der schwarze Humor, sondern auch die Heiterkeit des Epikers, die in den bewährten Übersetzungen von Joachim Röhm nicht auf der Strecke bleibt. So erzählt eine der Geschichten von einem „Wettprangen“ unter Männern – einem volkstümlichen Schönheitswettbewerb im albanischen Hochland. Weil bei solcher Gelegenheit schon mal ein ausgesprochen pockennarbiger und krummnasiger Mann die Palme davontrug, vermuten die Behörden, es könnte sich in Wahrheit um eine subversive Veranstaltung handeln, bei welcher der Anführer des Untergrunds erkoren wird. Bald wimmelt es vor Spionen, die den prangenden Männern dicht auf den Fersen bleiben.

Die beste Erzählung des Bandes ist „Der Blendferman“. Ein Ferman ist ein Dekret des Sultans, und in diesem Fall geht es darum, gewisse staatsgefährliche Personen zu blenden: alle diejenigen nämlich, die über die Gabe des „bösen Blicks“ verfügen. Eine aufwendige Kampagne macht mit den absolut praktikablen Maßnahmen vertraut. An die Staatsbürger ergeht die Aufforderung, verdächtige „Bösäugler“ sofort anzuzeigen. Niemand, der Augen hat, soll sich sicher fühlen. Wer etwa den Arbeitern beim Errichten einer neuen Brücke zusieht, hat sich womöglich schon verdächtig gemacht, auch wenn das Bauwerk erst einmal nicht einstürzt. Denunziation wird zum Volkssport. „Gelegentlich wurde das festliche Treiben durch Menschentrauben gestört, die schnaubend und keuchend aus einer Gasse quollen, irgendeinen auf frischer Tat ertappten Böseblicker mit sich schleppend . . .“

Blendung für die Privilegierten

Enthusiasmus ist selbstverständlich. Und weil die Verdachtsfälle ins Unendliche tendieren, entwickelt sich ein gewaltiger bürokratischer Apparat, zuständig für Verhaftungen, Prozesse und die „Entfunktionalisierung der Sehorgane“. Es gibt verschiedene traditionsreiche Verfahren, Menschen zu Blinden zu machen – vom ungeschützten Starren in die südliche Sonne (die milde Drei-Minuten-Variante für „Freiwillige und Angehörige höherer Kasten“) über das monatelange Einsperren in lichtlosen Verliesen bis zur „byzantinischen“ Methode, die Augen mit einem zweizackigen Eisen herauszureißen. Über all diese osmanisch-stalinistischen Vorgänge in einem komplett der Logik des Wahns verfallenen Gemeinwesen berichtet der Erzähler im Fabulierton von tausendundeiner Albtraumnacht. Und amalgamiert das Ganze noch mit einer anrührenden Liebesgeschichte unter erschwerten Bedingungen. Der realsozialistische Horror des „Sabotage“-Vorwurfs, dem zahllose Menschen zum Opfer fielen, erfährt in dieser grandiosen Erzählung eine beklemmende literarische Ausformung.

Zwischen Realismus, historischer Einkleidung, Legende, Parabel und Phantastik wechselt Kadare die Erzählweisen, dass man nur staunen kann über soviel Können und Ideenreichtum; auch wenn nicht alle Ausführungen restlos überzeugen. Leider schweigt sich der Band über die Daten der einzelnen Erzählungen aus – wo es doch gerade bei literarischen Werken, die sich mit dem Innenleben von Diktaturen beschäftigen, nicht unwichtig ist, ob sie unter dem Regime oder erst nach dessen Ende entstanden sind.

Räderwerk der Schuld

So wurde der Kurzroman „Agamemnons Tochter“ wohl erst nach der Wende von 1990 verfasst. Ein Journalist erzählt hier davon, wie er auf dem Weg zur Ehrentribüne der staatlichen Maikundgebung im Gedränge auf alte Freunde und Bekannte stößt – und sich mit jeder dieser Begegnungen düstere Erinnerungen an Opportunismus, Denunziation und Verrat einstellen. Kadare formuliert in diesem Text ein Resümee: „Wir merkten, dass wir täglich mehr in ein Räderwerk hineingezogen wurden . . . Wir verfielen in eine Art morbiden Rausch, das Delirium des Zugrunderichtens, des In-den-Dreck-Ziehens. Verkauf mich ruhig, Bruder, das ist egal, ich habe dich schon zehnmal verkauft. Schuld fesselte uns aneinander.“

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