Home
http://www.faz.net/-gr4-6u4vd
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Isaac Rosa: Im Reich der Angst Folgen Sie der behördlichen Empfehlung

05.10.2011 ·  Wenn Jugendliche sich auflehnen, ist das vielleicht eine gute Geschichte, aber noch kein gelungener Roman: Der Spanier Isaac Rosa malt eine angstbesetzte Gesellschaft.

Von Paul Ingendaay
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Wer im Menschen den Wolf des Menschen sieht, kann aus diesem Roman eine Menge lernen. Etwa über die zahlreichen Ängste, mit denen Schwache so leben müssen. „Manche Ängste“, heißt es zum Beispiel, „sind immer da, andere treten punktuell auf, zyklisch. Manche sind intensiv, andere blass, zwischen allen gibt es Berührungspunkte, sie summieren sich, jede ist für sich genommen erträglich, und letztlich bleiben sie stets gegenwärtig, wenn auch nur am Rande, wie ein Hintergrundrauschen, mit dem man nach und nach zu leben lernt.“

So klingt die Prosa von Isaac Rosa, einem der interessantesten Autoren der jüngeren spanischen Generation. In „Das Reich der Angst“ malt der 1974 geborene Rosa mit bösem Blick eine kleinbürgerliche Mausefalle, und sein sprachmächtiger Übersetzer Luis Ruby zeigt sich ganz auf der Höhe seiner erbarmungslosen Logik. Ein Ehepaar feuert das marokkanische Hausmädchen, weil Geld und Gegenstände aus der Wohnung verschwinden. Doch die Unregelmäßigkeiten hören mit der Kündigung nicht auf. Da stellt sich heraus, dass der zwölfjährige Sohn Pablo von einem Mitschüler schikaniert und geschlagen wird; die verschwundenen Dinge sind Erpressungsgeld. Als Carlos, der Papa, dem frechen Bengel mal Bescheid sagen will, knickt die väterliche Autorität ein und wird ihrerseits bedroht. Es kommt zu Schlägen des Halbwüchsigen gegen den Erwachsenen. Das Jugendstrafrecht lässt dem Vater wenig Spielraum. Mut hat er auch nicht. Die Schule: überfordert. Die Ehefrau: streng und tendenziell maulig. Wo soll das enden? Es endet schrecklich. Dreihundert Seiten sind dafür allerdings auch schrecklich lang.

Wir sind Angstmanager des eigenen Lebens

Als Edmund Burke vor zweihundertfünfzig Jahren seine Theorie über das Erhabene entfaltete, war mit der Vorstellung des „lustvollen Schreckens“, dem sich der Betrachter etwa eines sublimen Gemäldes überlasse, ein zur Kontemplation einladender Mindestabstand zum ästhetischen Objekt verbunden. Den schönen Schauder, verkürzt gesagt, erlebt man besser im Ohrensessel als im Auge des Orkans.

Isaac Rosa unterschreitet diese Distanz zu seinem Gegenstand mit diabolischer Absicht. Der Spanier will die sich ausbreitende Angst wie einen körperlichen Angriff auf den Leser spürbar machen, und deshalb sitzt die erzählende Instanz dieses Buches nicht nur im hasenhaften Bewusstsein des gepeinigten Familienvaters, sondern schleppt jede Menge Beweisstücke herbei, die den Befund vom Kleinen ins Allgemeine erweitern sollen. Über große Strecken des Romans wechselt sich also die eigentliche Handlung mit soziologischen Exkursen ab - etwa über Orte der Angst, Typen der Angst, über Angst vor der Polizei, Waffengattungen und den Schmerz als solchen, über Vergewaltigungen (und warum Männer sie weniger fürchten müssen als Frauen) bis hin zu seitenlangen Sicherheitsempfehlungen des spanischen Innenministeriums. Ja, mag man daraus schließen, hier läuft zwar eine persönliche Geschichte mit all ihren Zufällen und Wendepunkten ab, wie Romane sie nun einmal erzählen. Doch ist sie eingebettet in einen größeren Kontext, der uns alle betrifft: Es gibt ein weitläufiges Reich gesellschaftlicher Debatten und Übereinkünfte (sagt dieses Buch), die jeden von uns im Handumdrehen zum Opfer machen könnten, zum Angstmanager des eigenen Lebens.

Unter den Teppich gekehrt, quillt das Böse wieder hervor

Dieser Ansatz hat Folgen für das Erzählen selbst. Denn Isaac Rosa betrachtet weniger Figuren als die Systeme, in denen sie sich bewegen, was seinerseits zur Reduzierung von Individualität führt. Schrullen? Kennen seine Leute nicht. Etwas Verrücktes machen, den Vertrag kündigen, das Muster verlassen? Nicht vorgesehen. „Erst war er ein feiger Junge, dann ein vorsichtiger Heranwachsender, und nun ist er ein friedfertiger Erwachsener, der im Streit auf eine Lösung durchs Gespräch setzt, aufs Einlenken oder, wenn keines von beiden genügt, auf den mehr oder weniger ehrenhaften Rückzug, die Flucht.“ Das ist gut gesagt und trifft Wort für Wort auf den Protagonisten dieses Romans zu. Carlos würde uns allerdings mehr interessieren, wenn er nicht so ein Monster der Nichtkommunikation wäre. Wie übrigens auch seine Frau. Und der Sohn.

Die Neigung des Autors zur Metafiktion ist nicht neu. Man kennt sie aus seinem bemerkenswerten Roman „Das Leben in Rot“ (deutsch 2008), der zusammen mit der Geschichte von Repressionsopfern im Franco-Staat auch eine Typologie der Folter, ja eine veritable Analyse der traumatisierten postfranquistischen Gesellschaft liefert. Dem reinen Geschichtenerzählen scheint Rosa jedenfalls nicht mehr zu trauen, es wirkt, als sähe er in der umstandslosen Versenkung in Fiktionen eine Form ästhetischer Betäubung. In diesem Sinn sind seine beiden Romane eng verwandt, denn die Beobachtungsmethode für eine bestimmte Etappe des damaligen spanischen Unrechtsregimes überträgt der Autor nun auf den Bereich von Schule, Elternsein und bürgerlichem Sicherheitsempfinden in der Metropole. Und es wird offenbar: Der angeblich behütete Mensch ist mitnichten sicher. Er ist schutzlos, wenn es einem hartgesottenen Halbwüchsigen gefällt. Das Böse, sei es eingeredet oder real, quillt unter allen Teppichen hervor, unter die man es kehren will.

Wehe, wer der Feigheit nachgibt

Es ist hier, wo Isaac Rosas neuer Roman zwar nicht scheitert, aber sich ziemlich wundscheuert. Denn die Figuren entwickeln sich nicht, sondern gehorchen einem Welterklärungsprogramm und handeln wie Automaten. Diese Überraschungslosigkeit ist bei der Lektüre ebenso traurig wie lähmend. Von Anfang bis Ende des Romans ist Carlos der Vater, der Angst hat und sie nicht abschütteln kann. Nie. Nicht im Kleinen, nicht im Großen. Deshalb macht er sich erpressbar, verheimlicht seiner Frau den immer bedrohlicher werdenden Konflikt, systematisiert das Lügen und schließt mit seinem Sohn eine befremdliche, an feinen Details beobachtete Leidenskomplizenschaft.

Einmal ins Rollen gekommen, kennt die Kugel, die Isaac Rosa für uns auf den Tisch legt, nur noch Beschleunigung. Die Erpressung wird unverschämter, die Gewalt offener, das Verhältnis zwischen Opfer und Täter zementiert sich. Als sich ein Ausweg andeutet, scheint er geradewegs der Klischeekiste zu entstammen: Wer nämlich dem gequälten Vater zu Hilfe kommt, ist ausgerechnet sein Schwager, ein gleichsam prototypisch primitiver Polizist, der mit Toleranz oder Erziehung zur Gewaltlosigkeit noch nie etwas anfangen konnte. Müßig zu sagen, dass sich die wahren Schrecken dieser Geschichte erst auf den letzten Seiten enthüllen, und es kommt schlimmer als erwartet.

Nur zum Weiterdenken gibt es in diesem Buch nicht so viel. Ein Bausatz aus würdigen Beobachtungen, geschliffenen Formulierungen und ernstzunehmenden Besorgnissen, dafür lesen wir doch keine Romane. Die mahnende Schlussfolgerung aus diesem Buch - wehe, wer der Feigheit nachgibt und die Vorboten der Gewalt nicht erkennt! -, diese Erkenntnis gehört in einen Leitartikel.

Issac Rosa: „Im Reich der Angst“. Roman. Aus dem Spanischen von Luis Ruby. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2011. 316 S., geb., 21,95 €.

Quelle: F.A.Z.
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1961, Feuilletonkorrespondent für Spanien und Portugal mit Sitz in Madrid.

Jüngste Beiträge