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Isaac Rosa: Im Reich der Angst : Folgen Sie der behördlichen Empfehlung

Bild: Klett-Cotta Verlag

Wenn Jugendliche sich auflehnen, ist das vielleicht eine gute Geschichte, aber noch kein gelungener Roman: Der Spanier Isaac Rosa malt eine angstbesetzte Gesellschaft.

          Wer im Menschen den Wolf des Menschen sieht, kann aus diesem Roman eine Menge lernen. Etwa über die zahlreichen Ängste, mit denen Schwache so leben müssen. „Manche Ängste“, heißt es zum Beispiel, „sind immer da, andere treten punktuell auf, zyklisch. Manche sind intensiv, andere blass, zwischen allen gibt es Berührungspunkte, sie summieren sich, jede ist für sich genommen erträglich, und letztlich bleiben sie stets gegenwärtig, wenn auch nur am Rande, wie ein Hintergrundrauschen, mit dem man nach und nach zu leben lernt.“

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          So klingt die Prosa von Isaac Rosa, einem der interessantesten Autoren der jüngeren spanischen Generation. In „Das Reich der Angst“ malt der 1974 geborene Rosa mit bösem Blick eine kleinbürgerliche Mausefalle, und sein sprachmächtiger Übersetzer Luis Ruby zeigt sich ganz auf der Höhe seiner erbarmungslosen Logik. Ein Ehepaar feuert das marokkanische Hausmädchen, weil Geld und Gegenstände aus der Wohnung verschwinden. Doch die Unregelmäßigkeiten hören mit der Kündigung nicht auf. Da stellt sich heraus, dass der zwölfjährige Sohn Pablo von einem Mitschüler schikaniert und geschlagen wird; die verschwundenen Dinge sind Erpressungsgeld. Als Carlos, der Papa, dem frechen Bengel mal Bescheid sagen will, knickt die väterliche Autorität ein und wird ihrerseits bedroht. Es kommt zu Schlägen des Halbwüchsigen gegen den Erwachsenen. Das Jugendstrafrecht lässt dem Vater wenig Spielraum. Mut hat er auch nicht. Die Schule: überfordert. Die Ehefrau: streng und tendenziell maulig. Wo soll das enden? Es endet schrecklich. Dreihundert Seiten sind dafür allerdings auch schrecklich lang.

          Wir sind Angstmanager des eigenen Lebens

          Als Edmund Burke vor zweihundertfünfzig Jahren seine Theorie über das Erhabene entfaltete, war mit der Vorstellung des „lustvollen Schreckens“, dem sich der Betrachter etwa eines sublimen Gemäldes überlasse, ein zur Kontemplation einladender Mindestabstand zum ästhetischen Objekt verbunden. Den schönen Schauder, verkürzt gesagt, erlebt man besser im Ohrensessel als im Auge des Orkans.

          Isaac Rosa unterschreitet diese Distanz zu seinem Gegenstand mit diabolischer Absicht. Der Spanier will die sich ausbreitende Angst wie einen körperlichen Angriff auf den Leser spürbar machen, und deshalb sitzt die erzählende Instanz dieses Buches nicht nur im hasenhaften Bewusstsein des gepeinigten Familienvaters, sondern schleppt jede Menge Beweisstücke herbei, die den Befund vom Kleinen ins Allgemeine erweitern sollen. Über große Strecken des Romans wechselt sich also die eigentliche Handlung mit soziologischen Exkursen ab - etwa über Orte der Angst, Typen der Angst, über Angst vor der Polizei, Waffengattungen und den Schmerz als solchen, über Vergewaltigungen (und warum Männer sie weniger fürchten müssen als Frauen) bis hin zu seitenlangen Sicherheitsempfehlungen des spanischen Innenministeriums. Ja, mag man daraus schließen, hier läuft zwar eine persönliche Geschichte mit all ihren Zufällen und Wendepunkten ab, wie Romane sie nun einmal erzählen. Doch ist sie eingebettet in einen größeren Kontext, der uns alle betrifft: Es gibt ein weitläufiges Reich gesellschaftlicher Debatten und Übereinkünfte (sagt dieses Buch), die jeden von uns im Handumdrehen zum Opfer machen könnten, zum Angstmanager des eigenen Lebens.

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