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Irène Némirovsky: Die Familie Hardelot : Schaut auf diese Welt von gestern

Bild: Knaus

Jedes Jahr erscheint postum ein Werk von Irène Némirovsky. Man sollte jedes einzelne lesen. Denn Romane wie „Die Familie Hardelot“ sind seltene literarische Zeugnisse einer verlorenen Zeit.

          Im Moment des Verlusts betrachtete Pierre die Schlote mit einem Gefühl aus Groll und Mitleid. Schließlich hatte seine Familie über Generationen für die Fabrik gelebt. Die Hardelots hatten hässliche Frauen geheiratet, mit jedem Sou geknausert, sie waren reich gewesen und hatten weniger Freuden gehabt als die armen Leute von Saint-Elme. Die Wünsche ihrer Kinder und ihre eigene Liebe hatten sie erstickt. Und das nur, weil ihnen der Besitz einer Papierfabrik beständiger und teurer erschien als alles andere. Und trotzdem war sie nun perdu.

          Sandra  Kegel

          Redakteurin im Feuilleton.

          Erst vor sechs Jahren bekamen die Leser Gelegenheit, die außergewöhnliche Erzählerin Irène Némirovksy kennenzulernen - und nahmen jedes ihrer Werke begeistert an. Es ist tatsächlich ein Geschenk, dass Jahr für Jahr aufs Neue aus dem Nachlass der 1942 im Konzentrationslager Auschwitz ermordeten Pariser Schriftstellerin russisch-jüdischer Herkunft ein Roman oder ein Erzählband veröffentlicht wird. Und ihre Fans haben noch immer nicht genug. Seit dem Welterfolg „Suite franaise“, für den die Autorin 2004 postum den Prix Goncourt erhielt, was es in der Geschichte des renommierten Literaturpreises nie gegeben hat, setzt sich in Deutschland der Knaus Verlag so unermüdlich wie verdienstvoll für das uvre Némirovskys ein.
          Aufstieg und Fall der „Familie Hardelot“ aus der nordfranzösischen Provinz schrieb die im Paris der dreißiger Jahre gefeierte Autorin um 1940/41.

          Ironisch und bissig über die Provinz

          Zu diesem Zeitpunkt war sie selbst bereits auf der Flucht vor den deutschen Besatzern, Frankreich hatte ihr bis zuletzt die französische Staatsbürgerschaft verweigert. Wie schon in früheren Werken bestechen auch in diesem Familienroman die ironisch-beißenden Beschreibungen der französischen Provinz und ihrer Bewohner, die so sehr von dem trügerischen Gefühl der Beständigkeit und der Sicherheit erfüllt sind, dass sie die Zeichen der Katastrophe übersehen. Zugleich beschreibt Irène Némirovsky die aufziehende Bedrohung und die täglich wachsende Angst so eindringlich, dass bei der Lektüre fast greifbar wird, wie nah die Autorin selbst dem Schrecken war.

          Die Geschichte des Provinz-Clans geht zurück bis in die Anfänge des zwanzigsten Jahrhunderts. Zu dieser Zeit sind die Hardelots noch erste Adresse im beschaulichen Saint-Elme und tun alles dafür, um den eigenen Besitz wie auch die Distanz zu anderen zu wahren. In ihrem jahrhundertealten System ist es nicht vorgesehen, dass der Sohn des Hauses seine große Liebe heiratet, statt die vom Großvater bestimmte „gute Partie“. Als der Filius sich dennoch gegen den Patriarchen durchsetzt und die Mesalliance mit der Tochter des örtlichen Bierbrauers eingeht, wird er verstoßen. Doch was für eine Lappalie ist der Familienzwist gegen die heraufziehende Katastrophe, die nur wenig später nicht nur die Hardelots und Saint-Elme, sondern ganz Frankreich und schließlich die Welt erfasst.

          Mit dem Ersten Weltkrieg wird alles Glück und alle Ruhe, werden alle Gewissheiten und alle Güter dieser Welt in den Abgrund der Schützengräben von Verdun gerissen. „Les biens de ce monde“ lautet deshalb der Titel im Original.

          Verknüpft mit der Montagetechnik des Films
          Irène Némirovsky zeichnet in ihrem Porträt einer Gesellschaft, die gleich zwei Weltkriege erdulden muss, auf wenigen Seiten ein opulentes Panorama. Dabei verknüpft sie das literarische Erbe des neunzehnten Jahrhunderts geschickt mit der noch neuen Montagetechnik des Films. Mal erzählt sie in großen Zeitsprüngen, dann wieder beschreibt sie eine Szene oder einen Moment mit besonderer Liebe zum Detail. Eva Moldenhauer hat diesen illusionslosen Abgesang auf das Bürgertum klug übersetzt. Zu Recht hat der Verlag die vielfach ausgezeichnete Übersetzerin seit „Suite franaise“ mit sämtlichen Némirovsky-Titeln betraut, von „Jesabel“ über „Die Hunde und die Wölfe“ und „Herr der Seelen“ bis zu „Feuer im Herbst“, „Herbstfliegen“ und „Leidenschaft“.

          Wie hier atmosphärisch dicht ein Zeitraum von fast vierzig Jahren eingefangen wird - es brauchte nur eine Generation, um diese Welt zu vernichten -, macht die Autorin zuletzt auch zur Chronistin. Denn aus dieser dunklen Epoche Frankreichs gibt es kaum literarische Zeugnisse. Noch bis zum 8. März gibt eine Ausstellung im Pariser Schoa-Museum Einblicke in Leben und Werk dieser hochbegabten Autorin.

          Als Irène Némirovsky die „Hardelots“ schrieb, ahnte sie wohl, dass sie selbst den Krieg nicht überleben würde. Den Geschöpfen ihrer Phantasie gönnte sie ein glücklicheres Schicksal.

          Irène Némirovsky: „Die Familie Hardelot“. Roman. Aus dem Französischen von Eva Moldenhauer. Albrecht Knaus Verlag, München 2010. 256 S., geb., 19,99 €

          Quelle: F.A.Z.

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