02.08.2008 · Politik und Privates kann man nicht trennen. Ingo Schulze erzählt eine Liebesgeschichte in der DDR, die ohne den Sozialismus nicht funktionieren würde: Adam hat Evelyn betrogen und Evelyn träumt vom Westen, auch irgendwie Betrug. Sie feiern Wiedervereinigung.
Von Eberhard RathgebWenn einem langweilig wird, sucht man Kontakt. Kommunikation stopft die schwarzen Löcher des Alltags. Die meisten wissen aus Erfahrung, was ihnen am besten hilft. Eine probate Möglichkeit, für die keine großen Mittel aufgewandt werden müssen und die sich auch Schriftstellern anbietet, besteht darin, mit anderen zu reden. Die dreihundert Seiten des neuen Romans „Adam und Evelyn“ von Ingo Schulze lassen sich in einem Zug durchlesen. In dem Buch wird fast nur gesprochen. Mit einfachen Worten über einfache Dinge.
Schriftsteller, die ihre Mitmenschen verachten, reden nur von sich oder klagen. Schriftsteller, die ihre Mitmenschen mögen, kommen mit ihnen ins Gespräch. Schulze ist menschenfreundlich. Seinen Figuren geht es bei ihm gut. Sie werden von ihm nicht auseinandergenommen, sie können so bleiben, wie sie sind. Er überfordert weder die Helden noch die Leser. Man kann das literarischen Sozialismus nennen.
Der Roman hat 55 Kapitel. Der erzählökonomische Sinn liegt auf der Hand: Die Kapitel sind durchschnittlich kurz - und hoffentlich durchschnittlich kurzweilig, das heißt, sie sind nicht lang und deshalb nicht, möglicherweise, langweilig. Die Gesprächssituationen wechseln rasch. Manche Buchseiten sind fast weiß, weil Fragen und Antworten knapp sind. Die Handlung ist auf eine Lösung hin angelegt. Mit einem nahen Ende vor Augen (es dauert ja nicht lange, sagen die Eltern), sind sogar Kinder bereit, einen Spaziergang zu machen. Das alles hat zur Folge, dass der Leser an der Geschichte dranbleibt. Man muss ergänzen: Er bleibt an der Geschichte dran, obwohl sie in Deutschland spielt.
Im Laubenparadies
Seine Erzählungen kommen meistens aus der Provinz. Schulze lesen heißt, die deutschen Größenverhältnisse kennenzulernen. Deutschland ist mehr als die Hauptstadt. Die alles fressende Langeweile der Provinz zähmt Schulze durch formale Mittel, die einen weltläufigen Eindruck machen. Das ist ungefähr so, wie wenn junge Berliner, die mit allen urbanen Wassern gewaschen sind, am Wochenende in einem Mecklenburger See baden gehen: Sie können nicht untergehen. Schulze wird wegen dieser Form-Inhalt- und das heißt Welt-Provinz-Dialektik als Short-Storys-Erzähler gelobt. Die amerikanische Erzählform hat die deutsche Enge seiner Geschichten erträglich gemacht. Jetzt hat sich Schulze auf das Gespräch konzentriert, um in Bewegung zu bringen, was schwer in Bewegung zu bringen ist.
Es geht um ein junges Paar. Der Held ist Damenschneider. Selbständig. Er heißt Adam, eigentlich Lutz Frenzel, was erst zum Schluss erwähnt wird. Er ist 33 Jahre alt und lebt auch im Jahr 1989 in der DDR, im Haus seiner verstorbenen Eltern. Zusammen mit Evelyn, 21 Jahre jung. Sie soll sehr hübsch sein (ihre Mutter ist eine Deutsche, ihr Vater ein Türke aus West-Berlin, der bald seiner Wege gegangen ist). Sie wird Evi genannt und arbeitet als Kellnerin. Kunstgeschichte durfte sie nicht studieren.
Eines Tages geht Evi früher als gewöhnlich von ihrer Arbeit im Ratskeller nach Hause. Dort erwischt sie ihren Adam im (dieses Wort wie die Bibel liegen nahe): Adamskostüm mit einer fremden, in ihren Augen zu dicken Eva, die versucht, ihre Unterhose hochzuziehen. In der DDR stieß der Sozialismus, der Sozialismus der Arbeiter und Bauern, nicht der Liebenden, vor der Burg der Zweierbeziehung offensichtlich an seine Grenzen. Wie im Westen.
Evi kann sich lebhaft vorstellen, was hier los gewesen ist. Die fremde Frau heißt Lilli. Adam hat ihr ein Kleidungsstück angepasst, bevor er ihr den Rock nach oben schob. Evelyn rennt in ihr Zimmer. Als sie die Treppe wieder runterkommt, hat sie eine Tasche in der Hand. Sie zieht die Konsequenzen, zieht aus.
Nicht irgendwie, sondern so
Das ist ein sinnenfroher Anfang, der mehr die Lust in der DDR statt die Last der LPG in den Mittelpunkt rückt. Ein wenig klingt das wie beim jungen heineverliebten Wolf Biermann. Adam und Evi im sozialistischen Laubensinnenparadies.
Für Evi war es kein richtiges Paradies. Sie wurde von Adam ja nicht zum ersten Mal betrogen. Betrog sie ihn nicht auch? Immerhin liebäugelt sie mit dem Gedanken, in den Westen zu gehen, um dort endlich das Leben zu genießen, als wäre das Leben im Lande Adams nicht genießbar. Wahrscheinlich darf sie deswegen auch nicht Eva heißen. Sie fährt mit Freunden nach Ungarn. Das sieht auf den ersten Blick so aus, als würden sie dort Ferien machen wollen. Sie denkt aber an Flucht. Es ist August 1989.
Adam folgt ihr bis Ungarn. Sein Auto ist alt, aber es hält durch. Adam ist ein Handwerker, ein Handwerkskünstler. Er kann noch den Wert der Dinge schätzen. Im Westen hat man dafür keinen Sinn mehr, weder für den Wert der Dinge noch für die Handarbeit. Sein Auto hat deswegen auch einen Namen wie ein Mensch. Es heißt Heinrich. Wer mag, der kann an den Froschkönig denken (“,Heinrich, der Wagen bricht.' ,Nein, mein Herr, der Wagen nicht, es ist ein Band von meinem Herzen'“).
Bekommt Adam seine Evi wieder? Und schaffen es die beiden in den Westen? Die Geschichte, die kleine, private und die große, politische, hat die Antwort parat. Das Private und das Politische kann man nicht trennen. Es kommt zur Wiedervereinigung. Besser gesagt: Es kommt zu einer Wiedervereinigung.
Der Damenschneider Adam hat immer eine ruhige Kugel geschoben, er raucht gerne Zigarre, nicht nur vor und nach dem Beischlaf. Er macht auf Westleser einen älteren Eindruck, um die 45 würde man ihn schätzen (ein Typ wie Manfred Krug als Fernsehanwalt). Vielleicht waren die jungen Männer in der DDR irgendwie gediegener. Das Wort „irgendwie“, das Evi ständig im Munde führt, mag Adam nicht. Für ihn gibt es kein Irgendwie, sondern nur ein So. Man kann sagen, dass das sozialistischer Realismus ist.
Zu Hause, in der Provinz
Die Ungarn in Ungarn sind wie die Ungarn in Ungarn: Sie sind über die Maßen gastfreundlich, backen, kochen, essen und trinken morgens, mittags, abends. Egal wie heiß es ist. Die ganze Geschichte hat wegen solcher dick belegten Vorstellungsstullen einen Bauch. Mental gesehen hat auch Adam einen Bauch, mit dem er die Lage peilt. Möglicherweise ist das lebensweltlicher Materialismus. Große Sprünge, zum Beispiel in andere Länder, möchte Adam nicht machen. Er ist konstitutionell provinziell, genügsam. Die Liebe zu den Frauen und die Liebe zu Evi halten ihn bei Laune. Die offizielle DDR kann ihn kreuzweise. Das heißt nicht, dass er in den Westen gehen möchte.
Mit Adam kann man in der Küche sitzen. Niemals würde er einen Designer-Anzug anziehen, einen BMW fahren. Mit Adam kann man einen Roman durchhalten - vorausgesetzt, er redet. In den Gesprächen wird die zähe deutsche Provinz geschmeidig und lebendig geknetet, sie rückt einem nahe, bis aus dem Damenschneider Lutz Frenzel ein DDR-Adam geworden ist. Herr Frenzel - das letzte Aufgebot eines biblischen Kommunismus.
Das kann Schulze aus dem Effeff: eine Nähe zu den Figuren herstellen, die das schnelle, selbstgerechte Urteil über sie suspendiert. Man könnte sagen, Ingo Schulze habe die Prosa der Geschichte, den Beschreibungsmonolog des Allgemeinen, durch das Gespräch zwischen Menschen suspendiert - um zu hören, um hören zu lassen, ob nicht alles, was geschehen und zu den Akten gelegt worden ist, etwas anders klingt.
Daraus entsteht kein Sound der Väter. Man muss nach diesem leichten Roman die Register der Wahrnehmung nicht umstellen. Was man hier hört, sind nur Klingeltöne, eine Fahrradklingel, eine Haustürklingel, ein klingelnder Wecker. Diese Alltagstöne deuten darauf hin, dass man achtgeben, nichts übersehen soll. Da fährt einer, da steht einer, der noch ins Bild muss, das man sich von den letzten deutschen Jahrzehnten gemacht hat. Der fährt einen nun nicht um, sondern der fährt vorbei, der steht nur da und geht bald wieder weiter. Schulze ist kein Besserwisser.
Evi, du bleibst mir doch die Einzige
Die Poetologie der Historie steht am Anfang der Geschichte: Es geht darum, wie ein Bild entsteht. Adam arbeitet im Keller, er entwickelt Fotografien. Im chemischen Bad zeichnen sich langsam Grautöne ab. Mit einem Mal, und man kann, wie im Leben, nicht sagen, wann genau das war, ist das Bild fertig, das für die Gegenwart festhält, was gewesen ist.
Die Grautöne der Fotografie gleichen den Gesprächen in dieser Geschichte. Aus ihnen setzt sich ein Bild zusammen. Doch dieses Bild aus Tönen wird nicht bleiben, so wie ein fotografisches Abbild bleibt, auch wenn die Realität längst eine andere geworden ist. Man kann die Sinne nicht über einen Kamm scheren. Davon weiß Adam, der die Frauen liebt, ein Lied zu singen, dessen Treuerefrain ganz und gar bürgerlich ist: Evi, du bleibst mir doch die Einzige.
Das Gesprächsbild verklingt, es löst sich auf in die immer flüchtiger werdende Erinnerung an unwiederbringliche Töne, wie Schlager, an die man sich kaum noch erinnert. Bei Eichendorff hieß es: Es wohnt ein Lied in allen Dingen. Schulze ergänzt zum romantischen Sozialismus: auch in Menschen der DDR.
Einen wie Adam wird es nicht wieder geben. Mehr wollte Schulze wohl nicht versuchen - als ein Relikt, das ihm am Herzen lag, zum Sprechen zu bringen. Damit der Leser, zwei Jahrzehnte nach dem Mauerfall, nicht so blind und taub durch die deutsche Geschichte fährt, wie er auf dem Weg nach Berlin durch Mecklenburg fährt: ohne einen genauen Blick auf die Felder und Dörfer, ohne sich Gedanken darüber zu machen, dass Berlin nur eine Stadt ist, Mecklenburg aber ein Land. Weshalb Deutschland mehr auf dem Land, in den Dörfern und in den Kleinstädten liegen müsste als in der Großstadt. Dort aber, wo das Heute beginnt, stößt die herzenssozialistische Urprovinz an ihre Grenzen. Da hören mit einem Mal die Gespräche auf. Da endet der Roman. Zu Adam an dieser Grenze fällt Schulze nichts mehr ein. Er lässt ihn dort einfach stehen. Wie einen Vertriebenen. Nur die schöne Erinnerung ist immer redselig.
Eberhard Rathgeb Jahrgang 1959, Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
Jüngste Beiträge