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Ingo Schulze: Adam und Evelyn : Bis die Schildkröte einschläft

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Ingo Schulze beschreibt in seinem Roman „Adam und Evelyn“ einen Mauersündenfall aus Alltagsperspektive: Eine sozialistische Liebesgeschichte mit biblisch-politischen Überbau.

          Plötzlich“ ist das erste Wort dieses Romans, und es scheint, als hätten wir eine mit der Hans-Dampf-Metaphysik Karl-Heinz Bohrers kurzgeschlossene Theologie vor uns, denn was sich hier so plötzlich vollzieht, ist die Schöpfung, zweiter Akt, aber ohne allen Hokuspokus: „Plötzlich waren sie da, die Frauen.“ Es handelt sich freilich um Kreativität zweiter Ordnung im Zeitalter der fototechnischen Reproduzierbarkeit. Im Entwicklerbad schwimmt das Papier, auf dem von einem Moment auf den nächsten ein Konterfei erscheint. Dann folgen Stoppbad und Fixierer, damit die Schönheit von Dauer ist.

          Wir befinden uns in der Deutschen Demokratischen Provinz, und zwar im brodelnden August 1989. Über die Schulter schauen wir Adam, der eigentlich Lutz Frenzel heißt und freischaffender Damenmaßschneider ist, gewissermaßen das Design seiner Kundinnen nachbessert. Eine charmante Idee und zudem historisch unterfüttert: Kurt Flasch hat in seinem klugen, ironischen „Eva und Adam“-Buch angemerkt, dass die beiden Titelhelden früh Schutzpatrone der Schneiderzunft wurden. Ingo Schulze stellt die Passage seiner Neuerzählung der ältesten Paargeschichte als Motto voran.

          Sehnsucht ist die eigentliche Gefahr

          Adam wohnt mit der bildhübschen, einundzwanzigjährigen Evelyn zusammen, genannt Evi. Dann gibt es noch die Schildkröte Elfi.Man muss nicht den Film „All about Adam“ kennen, um zu ahnen: Sie lieben ihn alle, die Frauen (im Osten), besonders die drallen. Er liebt zurück, und so kommt es, dass ihn Evi eines Tages mit Lilli erwischt. Den feministischen Dreh, die apokryphe Lilith zur autonomen Gegenfigur Evas zu überhöhen, macht Schulze nicht mit: Im Gegenteil, Evi hat hier die Hosen an. Auf der Stelle - „Paradise lost“ - zieht sie zu einer Freundin, wo nun pikanterweise mit Michael ein Erzengel-Cousin aus dem Westen weilt. Mit ihnen tritt Evi eine lange geplante Reise nach Ungarn an. So leicht aber schüttelt man den genügsamen, keineswegs untertänigen Adam nicht ab, der sich ständig die Brust reibt (da, wo die Rippe fehlt).

          Ingo Schulze

          Er folgt dem Dreiergespann im klapprigen Wartburg, der so etwas ist wie sein Alter Ego und nicht zufällig auf den Namen Heinrich hört - man denke an die faustische Grundierung von „Neue Leben“. Über Dresden und Prag geht es zur befreundeten Angyal-Familie nach Ungarn und schließlich weiter in den Westen, ein On-the-Road-Roman. Weil das Paradies immer nebenan liegt, ist nicht Vertreibung, sondern Sehnsucht die eigentliche Gefahr. Die Protagonisten befinden sich inmitten des ersten Stroms ausreisewilliger DDR-Bürger, die ihr Glück über Ungarn und Österreich versuchen. Unterwegs gabelt Adam eine weitere Einundzwanzigjährige auf, Katja, die bald ein bisschen in ihn verliebt ist, sich aber auch mit Evi bestens versteht, welche ihrerseits dem Westen in Form von Michael erliegt.

          Höchst liebeswerte (Ost-)Figuren

          Formal besteht das Buch zum größten Teil aus Dialogsequenzen, und Schulze ist ein Meister dieser Form: Leicht kommen die Gespräche daher, stilsicher und lebensnah. Das Gesprächs-Ping-Pong ist immer dann am besten, wenn es die großen Themen streift, ohne sie zu diskutieren. Adam etwa scherzt gegenüber Katja, er könne doch von der Stasi sein: „,Mit so ner ollen Pritsche fährt kein Spitzel.' ,Na gerade! Noch nie was von Tarnung gehört, Mimikry des Gegners?' ,Ach komm, ganz blöd bin ich nicht. Und dann noch Elfi, das ist ganz schön schräg, musst du schon zugeben.' ,Ich sag ja, Mimikry.'“ Turtel Stories, sommerlich. Der utopische Ort, plötzlich aufscheinend, ohne dass es Stoppbad oder Fixierer für ihn gäbe, ist das ungarische Eden am Balaton, obwohl gerade hier alle Protagonisten unsanft aufeinandertreffen.

          Gemeinsam aber meistert man die Situation. Daraus entwickelt sich eine zarte, multiple Liebesgeschichte von „Jules und Jim“-Format, in der - trotz allen Schmerzes - die Schönheit des Menschlichen herrscht, bis der Zugzwang der Verhältnisse den paradiesischen Schwebezustand auflöst. Schulze hat aus dem alten Lehm höchst liebenswerte (Ost-)Figuren erschaffen, deren Geradlinigkeit und Larmoyanzferne gefangennehmen. Dass für Adam der Verlust einer Welt dominiert, während Katja und Evelyn die Öffnung zum Westen als Befreiung sehen, scheint in manchen Momenten gar nicht so zentral. Aber leider steht dies im Vordergrund: „Adam und Evelyn“ erscheint als lockeres Pendant zu Schulzes sperriger Wendechronik „Neue Leben“.

          Das Theoriekorsett schnürt den Figuren den freien Atem ab

          Der Autor selbst weist auf die allegorische Dimension hin: „Wie hat sich der Westen durch den Kollaps des Ostblocks entwickelt? Mein Buch spielt auch auf die Hoffnungen an, die es damals gab.“ (F.A.Z. vom 1. August) Ist schon das Genesis-Rahmenkonzept mehr Überbiss als Überbau, so verliert sich die Handlung schließlich im Symbolischen. Jede Entwicklung, jedes Detail (etwa ein Zauberwürfel) soll im doppelten Sinn aufgehen, muss auf die biblische und die politische Situation bezogen sein. Schulze lädt der wunderbar leichten Erzählung den ganzen Ballast des weltgeschichtlichen Moments auf. Man will die Figuren in Schutz nehmen vor dieser hermeneutischen Überfrachtung, unter der sie zusammenbrechen. Muss denn der Besserwessi unbedingt als Zellbiologe an der Erbsündenaufhebung arbeiten: „Raus aus deiner selbstverschuldeten Sterblichkeit“? Muss Adams Charakter (“Ausprobieren, na wunderbar, und wenn es schiefgeht? Wir haben nur ein Leben“) gleich staatstragend sein? Wie hölzern wirkt der mentalitätsgeschichtliche Schlagabtausch: Michael verkauft den Westen als „viel schöner, als du es dir überhaupt vorstellen kannst“. Große Augen machen die Ossis, als sie eine Spülmaschine sehen. Erwartbar, dass Adam schließlich vom West-Onkel vorgeworfen wird, diese kaputt gemacht zu haben. Zufällig fällt dem Paar, kaum im Westen angelangt, eine Bibel in die Hand. Adam, der sich hat verführen lassen (Leberkäse hält ihm Evi hin: „Koste mal“), kommt da bald eine Erkenntnis: Was ist der „Trieb, immer mehr und mehr Geld zu wollen“, anderes als „Erbsünde“?

          Der Kapitalismus als Satanswerk, haut das noch jemand um? Jenseits des Paradieses ist auch der Himmel plötzlich nah: „Was waren alle Worte gegen diesen Schlüssel, dachte Evelyn. Mit einem leichten Knack öffnete sich die Pforte.“ Adam aber verliert seine Gutmütigkeit.Seit Kurt Flasch wissen wir, dass der größte Antagonismus in Bezug auf die Genesis-Erzählung nicht jener zwischen glückseliger Dummheit und unglücklich machender Erkenntnis ist, sondern der zwischen Anschaulichkeit und Abstraktion. Das gilt auch für Schulzes Roman. Hat aber früher das Anschauliche Theologen in Verlegenheit gebracht, so schnürt nun das Theoriekorsett den Figuren den freien Atem ab: Würde der Autor nicht unbedingt Soziologe und Sozialist sein wollen, er hätte einen wunderbaren, überzeitlichen Dialogroman über die Liebe geschrieben, Truffauts Filmen ebenbürtig. Nur Schildkröte Elfriede entzieht sich den eindeutigen Zuordnungen. Oder ist sie, die schließlich ihren Winterschlaf im Gemüsefach antritt, etwa der Vereinigungsprozess selbst? Wundern tät's nicht.

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