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Inger-Maria Mahlkes „Archipel“ : Auf der Insel laufen die Uhren rückwärts

Inger-Maria Mahlke weiß, dass alternative Lebensentwürfe auch in maximaler Entfernung zur Herkunftswelt nicht unbedingt gelingen. Bild: dpa

Als schriebe sie unter dem Mikroskop: Inger-Maria Mahlke erzählt in ihrem neuen Roman eine Jahrhundertgeschichte rückwärts. Nicht nur deshalb ist „Archipel“ einer der Buchpreis-Favoriten geworden.

          Macht und Ohnmacht, Sicherheit und Unsicherheit, Ordnung und Chaos – das sind die Pole in jenem hochaufgeladenen Spannungsfeld, in dem sich die Romane von Inger-Maria Mahlke bewegen. Ob die Berliner Autorin von den teils verwahrlosten, teils verzweifelten Bewohnern eines Neuköllner Mietshauses erzählt, wie in ihrem zweiten Roman „Rechnung offen“ (2010), oder in „Wie Ihr wollt“ (2015) von der realen Mary Grey, einer kleinwüchsigen Adligen im England des sechzehnten Jahrhunderts, die unter Hausarrest stand, obwohl sie im Todesfall von Königin Elisabeth I. Anspruch auf den Thron gehabt hätte: Die Gegensätze, die Inger-Maria Mahlke in eigenwilligem Duktus aufbaut, zieht sie stets so nah an sich heran, als schriebe sie unter dem Mikroskop. So wird jeder Roman bei aller Historie, die erzählt wird, zum Kammerspiel; das Schlachtfeld der Juristin Malhke ist dabei vorzugsweise die Familie. Dass ihre Figuren in sich widersprüchlich sind, macht identifikatorisches Lesen unmöglich.

          Sandra Kegel

          Redakteurin im Feuilleton.

          Mit „Archipel“ hat die 1977 in Lübeck geborene Autorin nun einen Roman geschrieben, dessen Geschichte sie nach „Wie ihr wollt“ aufs Neue in der Fremde ansiedelt, diesmal allerdings nicht im kalten Norden im Zentrum der Macht, sondern in einer heißen entlegenen Weltgegend, den Kanaren. Die Inselgruppe im östlichen Atlantik, die politisch zu Spanien, geologisch zu Afrika und biogeographisch zu Makaronesien gehört, ist den Meisten als sonnenverwöhntes Urlaubsziel bekannt. Mahlke hingegen kennt die Gegend, in der sich große Geschichte schon immer, aber immer in anderer Dosierung und mit Verzögerung abspielte, aus der Binnenperspektive. Als Kind hat sie zeitweise auf Teneriffa gelebt. Sie weiß, dass alternative Lebensentwürfe auch in maximaler Entfernung zur Herkunftswelt nicht unbedingt gelingen.

          Gewagte Konstruktion

          Für ihren multiperspektivischen Ritt über das Inselreich, der sich anhand mehrerer Familienschicksale ein ganzes Jahrhundert vornimmt, wählt sie eine gewagte Konstruktion. Die turbulente Historie der Bautes, der Bernadottes, Wieses und all der anderen aus den verschiedensten Gründen auf Teneriffa gestrandeten Familien wird nicht chronologisch erzählt. Die Autorin schlägt den umgekehrten Weg ein: „Archipel“ beginn in der Gegenwart des Jahres 2015 bei der jungen Rosa, die gerade ihr Kunststudium in Madrid abgebrochen hat und mit gemischten Gefühlen auf die Insel zurückgekehrt ist. Von hier aus arbeitet sich die Erzählung auf dem Zeitstrahl ähnlich wie F. Scott Fitzgerald mit „Benjamin Button“ zurück.

          Das birgt seine Herausforderungen, doch bleiben wir zunächst bei der Gegenwart. Denn auch Rosas Eltern haben gerade mit je unterschiedlichen Problemen zu kämpfen. Ana ist als Lokalpolitikerin in einen Skandal verwickelt, und nach einem mysteriösen Todesfall lauert die Pressemeute schon vor der Tür. Ihr Mann, der Historiker Felipe, der seine Professur aus gekränkter Eitelkeit und Resignation an den Nagel gehängt hat, ringt mit Dämonen seiner familiären Vergangenheit. Manches versteht man zu diesem Zeitpunkt der Lektüre (noch) nicht, außer vielleicht, dass bei Spaniens einflussreichen Familien wie den Bernadottes sich immer irgendwann die Frage stellt: Wie hieltet ihr es mit Franco?

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