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Inger-Maria Mahlke: Silberfischchen : Nähe ist eine Ordnungswidrigkeit

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Bild: Verlag

Dunkelkammerspiel: Inger-Maria Mahlkes Debüt erzählt von der Begegnung zweier einsamer Menschen und der Unwahrscheinlichkeit des Glücks in letzter Lebensminute.

          Es gibt Debüts, von denen man nur einen Satz lesen muss, und dann weiß man, dass es, ganz gleich, was nun noch kommt, nicht wirklich danebengehen kann. Etwa diesen: „Eine lange Reihe abgasgeschwärzter Häuser, die sich in Pfützen spiegelten, trocknete an der Wäscheleine in der Küche, er stieß sie im Vorbeigehen an.“ Das ist der erste Satz von „Silberfischchen“, ein solches Erster-Satz-Versprechen kann kaum jemand halten, aber wirklich brechen kann man es auch nicht mehr.

          Im toten Winkel

          Inger-Maria Mahlke beginnt mit diesem Satz ihre Geschichte des pensionierten Polizeibeamten und Hobby-Fotografen Hermann Mildt, der bei einer seiner Exkursionen die in Not geratene Polin Jana Potulski trifft und ihr Obdach gewährt. Das ist schon fast die ganze Handlung des Romans. Ein alter Mann, verwitwet, vereinsamt, verschroben, geizig und bis zur Paranoia misstrauisch, hat plötzlich, eigentlich gegen seinen Willen, eine fremde, jüngere, auch nicht mehr ganz junge Frau in seiner verwahrlosten Wohnung und ist so gezwungen, sich selbst in Augenschein zu nehmen. Sich selbst, das heißt: die innere und äußere Einrichtung seines Lebens in einem toten Winkel der Gesellschaft, angefangen von der Lampe im Flur: „Und zwischen Glühbirne und Schalental, und er war sicher, er hatte sie noch nie gesehen, Insektenschatten.“

          „Möbel“ bedeuten etymologisch etwas Bewegliches, im Gegensatz zu den von ihm abgelichteten Immobilien, doch im Leben Hermann Mildts hat sich schon lange nichts mehr bewegt, seit seine Frau überraschend starb und er nach Berlin, in die Stadt seiner Jugendträume, zog – um dort nichts zu tun als jeden Tag zu fotografieren, die ganze Welt Stück für Stück im Bild stillzustellen und einzufrieren. Seine einzige Mission: Diese verrückte, rasende Zeit auszubremsen per Belichtung.

          Heroismus des Alltags

          „,Was machen sie den ganzen Tag‘, fragte Frau Potulski. – ,Ich fotografiere.‘ Er ließ die Augen geschlossen, vielleicht hörte sie auf. – ,Und was?‘ – ,Ist egal‘, er ließ den Kopf ein wenig zur Seite sinken, als ließe die Müdigkeit seine Muskeln erschlaffen. – ,Mich würde es interessieren.‘ Sie hörte nicht auf. – ,Das meine ich nicht. Mir ist egal, was ich fotografiere.‘“ Jana Potulski, Anfang fünfzig, nimmt sich Hermann Mildts Leben vor wie Herakles den Stall des Augias. Mit einem Heroismus des Alltags, der selbstverständlich das Notwendige sieht und tut. Wohnung putzen, Wäsche waschen, Einkaufen, Kochen, dem alten Mann die schlaffen Brüste Hinhalten. „Die Schläuche waren warm, er berührte sie mit den Finderkuppen, strich hinab, aber als er die Augen schloss, fühlten sie sich richtig an. Blitzschnell und aus der Tiefe: richtig.“

          Inger-Maria Mahlke, geboren 1977 in Hamburg, letztes Jahr Gewinnerin des Berliner Open-Mike, arbeitet mit einfachen Mitteln, die sie aber perfekt beherrscht. Obwohl sie zwei Figuren hat, verwendet sie konsequent nur die personale Erzählperspektive des Alten, der seinen ungeliebt-geliebten Gast aller denkbaren Verbrechen bis hin zum Mord verdächtigt und in gelernter Manier ins Verhör nimmt. So müssen äußere Details und die gekonnt reduzierten Dialoge die Balance halten.

          Zwischen Faszination und Egozentrik

          Die kammerspielhafte Dramatik entsteht aus dem inneren, ihm selbst ganz unbewussten Kampf Mildts, in dem Gewohnheit, beamtenhafte Spießigkeit, Angst und Egozentrik mit einer fast mechanischen Anziehung ringen. Dabei ist die fromme und bodenständige Jana Potulski nur in Mildts verwirrter Phantasie listig und verschlagen. Großartig, wie im misogynen Blick immer wieder seine Faszination durchschlägt: ein spätes, kurzes, ganz und gar unwahrscheinliches Glück in letzter Lebensminute, das sich als Kleinkrieg tarnen muss. So wird der zänkische Greis für einen rettenden Augenblick zum sehnsuchtskranken Liebenden, um dann doch wieder in sein kleinkariert-verbittertes Haustyrannentum zurückzufallen. „Es ist ihnen verboten, die Schuber zu öffnen, Frau Potulski.“ Nähe bleibt eine Ordnungswidrigkeit.

          Die Schilderung einer sexuellen Annäherung unter alten Menschen hat hier nichts Voyeuristisches oder Ekliges, obwohl der körperliche Verfall in allen Einzelheiten beschrieben wird. Überhaupt ist es die große Stärke der Autorin, das Milieu sinnlich genau wiederzugeben, ohne dabei zu denunzieren. „Menschen sind manchmal seltsam“, fasst Jana Potulski trocken ihre ebenso weise wie barmherzige Sicht auf die Welt zusammen.

          Unausgesprochene Hintergründe

          Das Exemplarische muss sich der Leser selbst erschließen. Mildt, vermutlich in den Dreißigern geboren, wurde als Kind vertrieben. Ein Bildband „Pommern – die unvergessene Heimat“ („REDUZIERT: 4,90!“) steht ungelesen im Regal. Janas Mutter wiederum wurde von den Russen nach Posen umgesiedelt. Dieser Hintergrund wird – ebenso wie das Titelbild der in Ritzen im Bad hausenden Silberfischchen oder die Symbolik der Fotografie – nur angerissen, „im Vorbeigehen“ angestoßen, wie die Wäscheleine in der Küche mit den trocknenden Abzügen. Doch zittern diese Motive noch lange nach.

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