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Ina Hartwig: Das Geheimfach ist offen : Literatur als Passion

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Bild: Verlag

Eine frische Lektüre: Ina Hartwigs schreibt mit „Das Geheimnis ist offen“ Essays, für alle, die lesen wollen. In ihren Texten ist der Leser als Individuum gefragt.

          Die bedeutendsten Literaturkritiker der jüngeren Geschichte, Alfred Kerr, Kurt Tucholsky, Friedrich Sieburg oder Marcel Reich-Ranicki, haben in der Regel den Standpunkt eines gebildeten Lesepublikums eingenommen, dem analytische Kategorien, trockene philologische Erwägungen und ästhetisches Geheimwissen erspart bleiben sollten, vielleicht gelegentlich sogar die eigene Lektüre des besprochenen Werks. Diese Form der Kritik herrscht heute vor, wogegen nichts einzuwenden ist, solange sie nicht zur Anbiederung ans Geistfeindliche wird, was aber gerade bei mit germanistischen Doktortiteln versehenen Kritikerinnen vorkommt. Da bleibt dann nicht selten alles Schwierige, Sonderbare und Widerständige auf der Strecke eines selbsterfundenen Durchschnittsgeschmack.

          Die langjährige Literaturredakteurin der „Frankfurter Rundschau“ Ina Hartwig ist im Jahr 2011 mit dem Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik ausgezeichnet worden. Sie wird in Kerrs Kritiken eine Tendenz zum konformistischen Phrasendreschen nicht übersehen haben, nicht nur deshalb widersteht sie dem „populistischen Übergriff“. Spezialistenjargon vermeidet sie zwar auch, doch hat sie ihr Studium der Romanistik und der Germanistik nicht hinter sich gelassen. So ist für sie „das philologische Besteck die Basis der Kritik“. Ihre Konzeption der Literaturkritik als Einheit von „Lesen, Deuten und Bewerten“ ist im Kern klassisch hermeneutisch, doch weiß sie auch aus der postmodernen Literaturtheorie Funken zu schlagen. Selbstbewusst, aber niemals überheblich versucht sie, „eine elitäre Egalität“ mit dem Leser herzustellen.

          Sein verdorbenes Liebchen

          Ihr Interesse an den ungelösten wie den gelösten Fragen eines Werks und dessen persona hat sich vor allem an der intensiven Auseinandersetzung mit Marcel Prousts unermesslichem Romangebäude gebildet. So zeigt sich in den Stücken zu Proust im vorliegenden Band die ganze Gestalt ihrer literarischen Neugier und ihrer bewunderungswürdigen Fähigkeit, Komposition wie Kontext eines Texts von einem, oft kuriosen, Detail her darzustellen.

          Marcel Prousts Albertine zum Beispiel ist in Liebesdingen ziemlich abgebrüht, an einer Stelle aber „hält sie sich die Hand vor den Mund und wird knallrot“. Sie weigert sich auch auf Drängen, einen Satz zu Ende zu sprechen, den sie begonnen hat, weil das etwas furchtbar Vulgäres ergeben hätte. Der Erzähler kennt sein verdorbenes Liebchen und glaubt ihr deshalb nicht, nach einigem Kramen in der Erinnerung gelingt es ihm, das fehlende Wort selbst zu ergänzen. Unwillkürlich ruft er aus: „Horreur!“

          Sie findet das schräge Detail

          Der uneingeweihte Leser des Originals wie der deutschen Übersetzung kann kaum verstehen, was daran so schlimm sein soll. Ina Hartwig hat nicht geruht, bis sie herausgefunden hatte, um welche sexuelle Praxis es da geht, und sie sagt es dem Leser in aller Klarheit einer „schmutzigen Poesie“, um aus diesem Detail heraus Prousts Poetik des Begehrens, deren moderne Seite Albertine verkörpert, und die Herkunft seiner Kenntnisse höchst vergnüglich zu erläutern.

          Aber auch in kanonisch entrückten Texten findet Ina Hartwig unfehlbar das „schräge“ Detail, von dem aus sich eine frische Lektüre eröffnet. Goethes Werther isst kein Fleisch, trotzdem kommt ihm beim Zubereiten von Zuckererbsen im Topf mit einem Stich Butter die Stelle im Homer in den Sinn, in der „die übermütigen Freier der Penelope Ochsen und Schweine schlachten, zerlegen und braten“. Von dieser scheinbar willkürlichen Koinzidenz her verfolgt ihr Essay die Textspur des Begehrens bis zum blutigen Ende der Leiden des jungen Werthers.

          Ina Hartwig sagt oft „wir“ und nur sehr selten „ich“, dennoch ist in ihren Rezensionen immer ersichtlich, dass der Leser in der Gegenwärtigkeit der Texte als Individuum gefragt ist. Literarische Texte erscheinen bei ihr je als bestimmte Herausforderung an ein Ich, zuweilen als „schwierig schönes Geschenk“, dann wieder als Enttäuschung und Zumutung. Und wenn die Lektüre nicht auf einen Nenner zu bringen ist, wird dem Leser das Widersprüchliche nicht vorenthalten. Aus jedem Text dieser klar denkenden und schreibenden Kritikerin aber leuchtet das „Entdeckerglück“, das die Literatur auch oder gerade dann vermitteln kann, wenn die Lektüre mühselig oder gar qualvoll ist.

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