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: In der Stille der Nacht

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Als Haruki Murakami Mitte Zwanzig und noch kein Schriftsteller war, also in den siebziger Jahren, nahm er einen Kredit auf, pachtete einen Raum in Kokubunji, etwas außerhalb von Tokio, und eröffnete einen Jazz-Laden. Das sei eine tolle Zeit gewesen, hat er einmal gesagt. "Wenn man bei der Arbeit ...

          Als Haruki Murakami Mitte Zwanzig und noch kein Schriftsteller war, also in den siebziger Jahren, nahm er einen Kredit auf, pachtete einen Raum in Kokubunji, etwas außerhalb von Tokio, und eröffnete einen Jazz-Laden. Das sei eine tolle Zeit gewesen, hat er einmal gesagt. "Wenn man bei der Arbeit die ganze Zeit Jazz hören darf, macht einen das schon ziemlich glücklich." Der Laden lief gut, Murakami verdiente so viel Geld, daß er bald einen noch größeren im Zentrum aufmachen konnte, beschloß dann aber, lieber Bücher zu schreiben, und verkaufte den Laden wieder, was seine Freunde damals nicht verstanden. Seither durchgeistern Jazz-Songs seine Romane. Und wo immer über Murakamis Bücher geschrieben wurde, hieß es, sie seien "wie Jazz", was nach samtigen verraucht-verruchten Kellern klang und nach viel zuviel Melancholie - also ein Grund, seine Romane besser nicht zu lesen. Chet Baker hören, ja. Aber einen "jazzigen" Roman lesen, unmöglich.

          Wenig später - Deutschland war im Murakami-Fieber, das "Literarische Quartett" hatte sich wegen der Sex-Szene in "Gefährliche Geliebte" heillos zerstritten - kam jemand auf eine neue Idee: Murakami, hieß es, sei, weil er doch über den Erfahrungs- und Erkenntnishunger junger Menschen schreibe und über die adoleszente Frage nach dem Sinn des Lebens, "wie Hermann Hesse". Das war noch schlimmer. Ein jazziger Hermann Hesse - das Todesurteil.

          Aber Haruki Murakami ist nichts von alldem. Er ist nicht "wie" etwas. Er ist Murakami, was ja das Tolle an ihm ist. "Afterdark" heißt sein neuer Roman, nach einer Aufnahme von "Five Spot After Dark" mit Curtis Fuller an der Posaune. Doch muß man den Rhythmus des Liedes deshalb nicht mit dem der Erzählung in Beziehung setzen. Schon Nabokov hat festgestellt, daß die Analogien zwischen "Ulysses" und der "Odyssee" zu nichts führen würden. Folgen wir also lieber dem Kameraauge des Erzählers in die japanische Großstadtnacht, in der, kurz vor Mitternacht, in einem Lokal ein Junge einem neunzehnjährigen Mädchen von einer Platte erzählt, auf der "Five Spot After Dark" zu hören ist. Das Mädchen kennt das Lied. Es ist der Beginn einer Unterhaltung, die, mit Unterbrechungen, bis zum Morgengrauen dauern wird. Denn "Afterdark" ist der Roman einer Nacht. Und wie zufällig verstrickt er seine Figuren in ein und denselben kleinen Krimi.

          Es ist ein seltsamer Murakami-Effekt, daß man beim Lesen seiner Romane ganz ruhig wird, daß man eintaucht in einen meditativen Zustand. Alles erscheint gedämpft: Das Kameraauge, das in "Afterdark" zwischen einer Restaurantfiliale, einem "Love-Hotel", dem Büro eines Computerexperten, einem 24-Stunden-Supermarkt und einem Schlafzimmer hin und her schwenkt, filmt die nächtliche Großstadt wie eine Unterwasserwelt, in der Töne nur von Ferne zu hören sind: Im "Love-Hotel Alphaville" wird eine chinesische Prostituierte von ihrem Freier zusammengeschlagen, weil sie ihre Tage kriegt und plötzlich alles voll Blut ist. Mari, das Mädchen aus dem Lokal, wird zu Hilfe gerufen, da sie Chinesisch spricht, und entdeckt eine ihr völlig fremde Welt. Ein berüchtigt-mitleidloser chinesischer Zuhälterring macht sich auf die Suche nach dem Schläger, der inzwischen längst wieder im Büro sitzt, Überstunden macht und seine Frau am Telefon abwimmelt. Währenddessen liegt Maris schöne Schwester irgendwo in einem Bett und schläft.

          Es ist dieses Bild der schlafenden Schwester, das die aufgeregte Handlung immer wieder unterbricht, das sie zurückführt in eine Art Trancezustand: "Es ist dunkel im Zimmer. Aber unsere Augen gewöhnen sich allmählich daran. Im Bett schläft eine Frau. Eine sehr schöne junge Frau. Es ist Maris ältere Schwester Eri. Wie dunkles Wasser wallt ihr schwarzes Haar über das Kissen. Auf den ersten Blick kann man nicht erkennen, ob sie atmet. Doch bei genauem Hinsehen läßt sich hin und wieder eine ganz sachte, kaum merkliche Bewegung an ihrer Kehle wahrnehmen. Sie atmet. Ihr Schlaf ist tief."

          Doch ist er zu tief. Etwas daran ist nicht normal. Schon seit Tagen wacht sie nicht mehr auf. Und so wird der Ruhepol in Murakamis Erzählung zum eigentlich Beunruhigenden an seinem Buch. Die Kriminalität der Großstadtnacht, die Begegnungen derer, die arbeiten müssen oder wach bleiben, weil sie nicht nach Hause können oder wollen, all das gehört zu dieser einen Nacht wie zu jeder anderen. Der Schlaf aber liegt wie eine dunkel drohende Macht darüber. Bis es Morgen wird.

          JULIA ENCKE

          Haruki Murakami: "Afterdark". Roman. Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe. DuMont-Verlag 2005. 237 Seiten, 19,90 Euro.

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