Home
http://www.faz.net/-gr4-oxxa
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

In der Sprache geborgen wie in einem Adlerhorst

03.04.2004 ·  Kassandra mit Tschechowblick: Zwei Neuerscheinungen zeigen Robert Schindel als Anfänger und Klassiker zugleich

Artikel Lesermeinungen (0)

Wie schön, daß zwei Neuerscheinungen uns Robert Schindel an seinem morgigen sechzigsten Geburtstag doppelt zeigen: als Anfänger und als Klassiker zugleich. Das mildert die Feierlichkeit, die aufkommen könnte. Haymon präsentiert das lang verschollene Frühwerk "Kassandra" und Suhrkamp - nach fünf Einzelbändchen - die gesammelten Gedichte. Ihr Titel zeigt, daß auch der reife Autor sich der Harmonisierung verweigert. Er lautet "Fremd bei mir selbst".

Dies hätte schon über Schindels Anfängen stehen können. Der Sohn jüdischer Eltern, die für eine kommunistische Widerstandsgruppe gearbeitet hatten und nach Auschwitz deportiert worden waren - wo auch hätte er heimisch werden können? Wo das Kind Robert Soël, das in einem nationalsozialistischen Kinderheim versteckt worden war? Flucht war für Schindel der einzige Ausweg: "Ich lief in die deutsche Sprache hinein, als sei die ein Adlerhorst."

"Kassandra", ein Prosatext in elf Kapiteln, ist Schindels erstes Buch. Er hatte es zwischen November 1967 und Juli 1968, also auf dem Höhepunkt der Studentenrevolte, geschrieben und im Oktober 1970 veröffentlicht. Die Kommune mit dem poetischen Namen "Hundsblume", in der die Szene spielt, war, wenn nicht Heimat, so doch eine entscheidende Zwischenstation für den jungen Mann, der seine Rolle in der Gesellschaft klären wollte.

Nicht Marx, sondern Hölderlin lieferte ihm das Motto zu seinem Buch. Und mit Hölderlin suchte Schindel eine neue Mythologie. Sie sollte eine Mythologie der Vernunft werden und die allgemeine Freiheit und Gleichheit der Geister bringen. Sein Projekt war antikisch inspiriert, der aufgeklärte Geschichtselan freilich schon durch die Wahl der Titelfigur gebrochen. Kassandra, die Apollons Liebe verschmähte, kennt die Zukunft, findet für ihre Wahrheit aber nirgends Glauben. Auch Schindel rechnete nicht damit. Seine damalige Freunde sahen die Tragik Kassandras lediglich als Vermittlungsproblem im sogenannten Spätkapitalismus. Doch sie begriffen: "Wir waren auf harmlose Weise radikal."

Schindels Text ist nirgends harmlos. Er ist manchmal forciert in seiner Sprache, doch radikal in seiner immanenten Skepsis und heillosen Verzweiflung. "Spielen wir Vietnam", fordert ein Kapitel und demonstriert zugleich das Moment von Autosuggestion, ja Selbstbetrug: "Wie benenne ich dieses Spiel? Ich heiße es: Doktor spielen, Schmerzen lindern, das Unerträgliche erträglich machen."

Ein Autor von der Klarsicht Schindels konnte nicht bei den Genossen der "Hundsblume" bleiben. Die Trennung fiel nicht leicht. Eines der Gedichte, die wir jetzt erst lesen können, zeigt Robert Schindel als "Ohngenoß": "Schwer ists ohne Genossen / Aber manchmal möcht ich mich nicht als Genosse / Wie sicher auch ist von Zweifeln unser Verein / So ziehts doch durch die Fenster und weht / Die Papiere vom Tisch in den Korb."

Der Wind der Zeit wehte die Papiere der Kommunarden in den Papierkorb. Zum Glück nicht Schindels frühe Gedichte. "Ohngenoß" steht nun in der Sammlung "Im Herzen die Krätze", die seinerzeit nicht publiziert wurde. Jetzt bilden diese Gedichte der Jahre 1965 bis 1978 den Auftakt von Schindels lyrischer Lebenssumme. "Fremd bei mir selbst" zeigt uns den Lyriker in seiner Entwicklung, vor allem aber in der Konstanz seiner Rollen: als Troubadour, Harlekin, Humoristen und auch - viel zuwenig beachtet - als politischen Sänger. Schindel hat viele "Lieblieder", viele "Sehnlieder" geschrieben. Er hat die "Sekundenbrüste und Minutenlenden" besungen, aber auch den traurigen Harlekin, der immer daneben steht. Er fühlt sich als "Jud aus Wien" und weiß, daß Wien - "einst Welthauptstadt des Antisemitismus" - "Vergessenshauptstadt" geworden ist. Dichter sind Menschen, die nicht vergessen können. Und so hat Robert Schindel auch das politische Motiv seiner "Kassandra" nicht verdrängt. Er führt Benjamins Engel der Geschichte in Brechts Mühen der Ebene: "Heute müssen die Deserteure / In den Ebenen sich verbergen."

Die neuen Gedichte, geschrieben zwischen 1999 und 2003, tragen den Titel "Nervös der Meridian". Schindels Verse sind immer noch widerspenstig, und die Bilanz von Welt und Leben ist weiterhin katastrophal. Fünfmal erscheint der Titel "Verlustlied", dreimal "Kalte Tage". Doch zwischen "Blödnatur und Wolfszustand" kämpft sich der Poet durch und kultiviert seinen "Tschechowblick". In seinen glücklichsten Momenten ist es eher ein Goetheblick: der Blick auf junge Schultern, die zu ihm herüberschimmern.

Noch einmal gibt es einen "Splitter Kindheit". Aber die böse Erinnerung wird durch Musik, durch "Feuervogel und Wassermusik" besänftigt. "Als ich lächeln konnte, war ich außer Gefahr": So geht der schönste unter den neuen Versen. Der Autor beginnt ihre Folge mit einer "Nature morte". Doch das Gedicht hebt an mit einem emphatischen "Und wie es grünt". Da müssen wir uns um das, was Robert Schindel noch alles schreiben wird, keine Sorgen machen.

Robert Schindel: "Fremd bei mir selbst". Die Gedichte (1965-2003). Mit einem Nachwort von Marcel Reich-Ranicki. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2004. 475 S., geb., 24,90 [Euro].

Robert Schindel: "Kassandra". Roman. Mit zwölf Illustrationen von Leander Keller aus dem Jahr 1970 und einem Vorwort von Robert Menasse aus dem Jahr 2004. Haymon Verlag, Innsbruck/Wien 2004. 127 S., br., 15,90 [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.04.2004, Nr. 80 / Seite 46
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel