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In der Luftschaukel der Sprache

20.01.2004 ·  Skeptisches Selbstporträt: Prosa und Gedichte von Hans Keilson

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"Wir sind die Letzten", heißt es in Hans Sahls berühmtem Exilanten-Gedicht, "fragt uns aus!" Hans Keilson war der letzte jüdische Schriftsteller, der - gefördert von Oskar Loerke - bei S. Fischer debütierte; das war im Jahr 1933. Die Katastrophen, die sich danach ereigneten, haben das Leben und das Schreiben des Autors bis heute geprägt. Der Amsterdamer Exilant, der während der deutschen Besatzung im Untergrund als Arzt gearbeitet und nach dem Krieg ein Hilfswerk für die Kinder des Holocaust mitbegründet hat, der einstige Präsident des "Exil-PEN": er lebt nach wie vor in den Niederlanden, noch immer praktiziert er als Psychoanalytiker, und noch immer schreibt er Essays und Gedichte - einer "der Letzten" aus der Neuen Sachlichkeit und dem Exil und ein sehr vitaler Gegenwartsautor von vierundneunzig Jahren.

Längst sind seine Romane bei Fischer neu aufgelegt worden, 1998 wurden seine Essays gesammelt ("Wohin die Sprache nicht reicht", F.A.Z. vom 8. August 1998), und im vergangenen Jahr ist der von ihm 1950 mitverfaßte, mit einem Vorwort von Thomas Mann versehene Band "Klaus Mann zum Gedächtnis" in einer schönen Neuausgabe erschienen. Keilsons literarische Arbeiten der jüngsten Zeit hingegen sind einem kleinen Kreis von Kennern und Liebhabern vorbehalten geblieben. Seit einigen Jahren hat sich die kleine und rühmenswerte "Edition Literarischer Salon" in Gießen unter der Redaktion des Germanisten Gerhard Kurz dieses Alterswerks angenommen.

Hier lassen sich Entdeckungen machen. 1986 erschien der Gedichtband "Sprachwurzellos", der mittlerweile in einer vierten, erweiterten Auflage vorliegt; 1992 kam das im Exil entstandene und erst jetzt abgeschlossene Poem "Einer Träumenden" hinzu. Nun ist eine weitere dieser schmalen Sammlungen erschienen, mit "Reden, Gedichten und einer Geschichte". Sein Titel verdankt sich einer großen und bewegenden Rede, die Keilson 1999 vor der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung gehalten hat und die von der Frage handelt, wie sich eine Geschichte zur Sprache bringen lasse, in der Worte vorkommen müssen wie "Birkenau" und "meine Eltern". Die "sieben Sterne" des Großen Wagens sind es, unter deren Zeichen Keilson dieses Geflecht aus Erinnerung und Erörterung, Autobiographie und Poesie gestellt hat, Rückblicke "aus der Sicht eines alten Mannes, der in der Fremde zu Hause" ist und zwischen zwei Sprachen. Daneben stehen Gedichte wie das (vor drei Jahren in dieser Zeitung zuerst erschienene) "Experiment" und zwei Prosastücke; manche kleinere Arbeiten allerdings vermißt man, etwa den erstaunlichen Dialog mit dem Germanisten und einstigen SS-Mann Hans Schwerte.

Ein Erzähler ist Keilson auch dort, wo er über Sprache und Psychoanalyse, Geschichte und Gegenwart räsoniert. Sehr rasch und leicht vollziehen sich hier die Übergänge zwischen Essay und Poesie in diesem gelassenen, das Pathos meidenden, immer ein wenig selbstironischen Ton. Die gelungensten Passagen verharren auf der Schwelle zwischen Reflexion und Musik; manchmal erinnern sie daran, daß der Debütant Keilson im Berlin der ersten Republik sein erstes Geld als crooner in einer Jazzkapelle verdiente. "Auf all diesen Plätzen in der Luftschaukel der Sprache habe ich einmal gesessen", schreibt er heute. "Mir gegenüber saß Franz Schubert, als er sein Streichquintett in C-Dur mit zwei Celli schrieb und erstaunt und leicht empört lauschte, wie Ella Fitzgerald, die neben mir saß, zu singen begann." Es sind auch Szenen wie diese, die aus Keilsons Prosa im Gedächtnis bleiben.

Wie eine skeptische Summe seines Schreibens liest sich in diesem Kontext die vorerst letzte und dichteste Erzählung "Dissonanzenquartett", die bisher nur in einer von Peter Härtling herausgegebenen Anthologie vorlag. Im Spiel mit Mozarts Komposition nimmt diese Geschichte eines Vater-Sohn-Konflikts die Lebensthemen von Herkunft und Exil noch einmal auf. Und sie mündet in den Satz: "Die Geschichte meiner Eltern und unserer Familie ist die Geschichte einer ohnmächtigen Welt, deren glanzreiche Siege man als den Beginn noch grausamerer Vernichtungen nur beargwöhnen kann."

Zu Recht nennt Gerhard Kurz diese Sammlung in seinem klugen Nachwort ein "Selbstporträt des jüdischen Emigranten, des Schriftstellers, des Arztes, des Humanisten Hans Keilson". Es wäre dringend an der Zeit, Keilsons bislang allein in solchen kleinen Formaten und Auflagen erschienenes Spätwerk gesammelt zu präsentieren - nicht nur Liebhabern, sondern möglichst vielen Lesern. Für einen "Nachlaß zu Lebzeiten" ist der Uralte zu jung. Fragen wir ihn aus!

HEINRICH DETERING

Hans Keilson: "Sieben Sterne". Reden, Gedichte und eine Geschichte. Mit einem Nachwort von Gerhard Kurz. J. Ricker'sche Universitätsbuchhandlung, Edition Literarischer Salon, Gießen 2003. 48 S., br., 8,50 [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.01.2004, Nr. 16 / Seite 34
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