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Imre Kertész: Letzte Einkehr : Ich habe stets gearbeitet, als würde ich ein Attentat begehen

Bild: Rohwolt

Ein vom Leben Unbezwungener legt Rechenschaft ab: Die Tagebücher des Literaturnobelpreisträgers Imre Kertész aus den Jahren 2001 bis 2009 zeigen die Zerrissenheit eines großen Autoren.

          Am ersten Tag des neuen Jahres notiert der Tagebuchschreiber ein Ereignis, das sein gesamtes Dasein zu verändern droht: Er hat sich einen Computer gekauft, mit dem er fortan arbeiten will. Er hat Pläne und Projekte, kleinere und größere.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Am nächsten Tag, es ist der 2. Januar 2001, denkt er über den Tod nach: „Wer bei gesundem Verstand bleibt und Glück hat, stirbt so, wie das Kind gezwungenermaßen sein Spielzeug liegen lässt, wenn es am Abend ins Bett geschickt wird; sich einerseits beklagend, andererseits kaum noch in der Lage, die Augen offen zu halten.“ Der Hinweis, dass das Kind sein Spielzeug am nächsten Tag wiederfinden werde, helfe nur wenig, denn „das Kind glaubt so wenig an morgen wie der Sterbende“.

          Kind ohne Morgen und Sterbender mit Zukunft

          Als der Tagebuchschreiber diese Sätze festhält, ist er 71 Jahre alt: Imre Kertész, ein Schriftsteller aus Ungarn, aber kein ungarischer Schriftsteller, ein jüdischer Schriftsteller, aber kein Jude – „denn das kann ich meiner Kultur, meinen Überzeugungen nach, leider nicht sagen“. Ein Schriftsteller von Weltrang, der beklagt, dass nicht einmal seine Freunde seine Bücher gelesen hätten, ein von Antisemitismus und Missgunst aus seiner Heimat Vertriebener, der sich wenig später als „verhätschelter Luxus-Emigrant“ im geliebten Berlin wiederfinden wird, ein Überlebender der Konzentrationslager Auschwitz und Buchenwald, der weder Repräsentant noch Märtyrer sein will, sein Leben als „Rohstoff“ seiner Romane betrachtet und sich oft genug wie ein Handlungsreisender in Sachen Holocaust fühlt. Bewundert, angestaunt, umschwärmt, bedrängt, vorgeführt, ausgenutzt, unverstanden: „Mich hat noch niemals jemand verstanden. Alles, was ich geschaffen habe, habe ich nicht nur ,trotz allem‘, sondern auch trotz allen geschaffen. Ich habe stets gearbeitet, als würde ich ein Attentat begehen...“

          In seinen Tagebüchern aus den Jahren 2001 bis 2009, die jetzt unter dem Titel „Letzte Einkehr“ erschienen sind, ist Imre Kertész beides: das Kind, das in seiner Verzweiflung nicht an morgen glauben kann, obwohl es weiß, dass dieses Morgen kommen wird, und der Sterbende als ein dem Tod mit größter Hellsichtigkeit Entgegenlebender, der den nächsten Tag ersehnt und zugleich fürchtet, könnte er doch ein weiteres Abnehmen der eigenen Kräfte mit sich bringen.

          Triviales und Bedeutsames wechseln sich ab

          Diese oft nachtschwarzen Notizen, nicht selten in quälenden Stunden der Schlaflosigkeit entstanden, kreisen um den unerbittlich beobachteten Verfall des eigenen Körpers, um die Parkinson-Erkrankung, die die Schreibhand so zittern lässt, dass der Kauf eines Laptops unumgänglich wurde, um depressive Zustände, tiefe Verzweiflung und Todessehnsucht, um die deprimierenden politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse in Budapest, die er schließlich als Leiden an einer „lebensgefährlichen Überdosis Ungarn“ empfindet. Der offene Antisemitismus, der nicht nur ihm in Ungarn entgegenschlägt, macht hochsensibel auch für die Verhältnisse in der übrigen Welt, in der Kertész das Heraufziehen eines „diskreten Faschismus“ für denkbar hält.

          Triviales steht neben luziden Beobachtungen, das Alltagserlebnis neben dem Aphorismus, die Selbstanalyse neben dem Klagegesang, Autoreneitelkeiten wechseln mit Vivisektionen des eigenen Werkes, die mit schärfstem Gedankenskalpell durchgeführt werden. Die Themen sind breit gestreut: Es geht um den Verlagswechsel von Rowohlt zu Suhrkamp und wieder zurück, um den Umzug von Budapest nach Berlin, um die Anschläge vom 11. September, die vor allem als Anlass für eine neue Welle des Antisemitismus betrachtet werden, um die immer häufiger werdenden Reisen, etwa nach Gstaad, Salzburg oder Madeira, die Freiheitsgenuss und Bürde zugleich sind. Nach fünf in Spanien verbrachten Tagen lautet das Fazit: „Sinnlos, anstrengend, aber schön.“

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