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: Imperium der Worte

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Dieses Buch riecht nach Winter. Draußen nieselt Schneeregen, und durch die sechshundert Buchseiten meint der Leser, den scharfen Petersburger Wind über die zugigen Brücken und Plätze der Stadt pfeifen zu hören. Ein "Wetter, wie schmutzige, nasse Watte". Allen Klischees über laue weiße Nächte zum ...

          Dieses Buch riecht nach Winter. Draußen nieselt Schneeregen, und durch die sechshundert Buchseiten meint der Leser, den scharfen Petersburger Wind über die zugigen Brücken und Plätze der Stadt pfeifen zu hören. Ein "Wetter, wie schmutzige, nasse Watte". Allen Klischees über laue weiße Nächte zum Trotz ist Petersburg eine Winterstadt und Russland eine Gegend, in der man Geschichte in Winterzeit misst: vom Aufstand der adligen Offiziere im Dezember 1825 über den Blutsonntag im Januar 1905 bis hin zur Oktoberrevolution, die nach dem neuen Kalender bekanntlich eine Novemberrevolution war. Das literarische Russland bildet keine Ausnahme: Lew Tolstoj starb im November auf einer Bahnstation, und Alexander Puschkin, der als Begründer der modernen russischen Nationalliteratur gilt, fand im Winter 1837, nach einem Duell mit seinem Widersacher d'Anthès, der es auf die schöne Dichtergattin abgesehen hatte, einen die Nation erschütternden Tod.

          Einhundert Jahre später, in einem für Russland und seine Intellektuellen nicht weniger schicksalhaften Jahr, erblickte der Schriftsteller Andrej Bitow das blasse Licht der Newa-Stadt, die längst in Leningrad umbenannt worden war. Die Stadt mit europäischer Fassade und russischem Geist, die heute wieder ihren alten Namen trägt, ist ein Symbol für die Mimikryfertigkeiten der Russen und ihrer Kultur, deren Kern ebenjene wunderbare, reiche Sprache bildet, die Puschkin, dieser 1799 geborene Jahrhundertverschlepper, seinen Landsleuten noch mit auf den Weg in die an Katastrophen reiche Moderne geben konnte. Sie sei das Einzige, das sich erfolgreich allen tragischen Erfahrungen der jüngsten Geschichte widersetzte, durch die Sprache, so meinte Andrej Bitow in einem Interview, rette sich das Volk.

          Sein Schriftstellerleben lang ist Bitow Puschkin und der Sprache auf den Spuren, ihm geht es stets um die zähe Widerständigkeit der Wörter, darum, wie "das WORT beschaffen sein muss, damit sein Klang nicht zerrieben wird im unechten Gebrauch". Dieser Satz aus den letzten Zeilen des nun erstmals unzensiert, vollständig und in neuer, überaus eleganter deutscher Übersetzung vorliegenden Klassikers "Das Puschkinhaus" aus dem Jahr 1971 könnte als Motto für die ganze russische Literatur dienen. Wie in kaum einem anderen Land war sie weniger Zerstreuung denn Zuflucht, Hoffnungsträger und ein letzter Halt, ein Obdach, für Schreibende und Lesende - und für die Worte selbst.

          Das Puschkinhaus ist jedoch nicht nur Metapher, es ist auch ein reales Gebäude in Petersburg, in dem der Roman auf pathetische Weise beginnt und endet, und zwar am Morgen eines 8. November in den sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts. Am Boden des ehemaligen Wohn- und Sterbehauses Puschkins, das inzwischen Museum und Forschungsstätte ist, liegt ein Mann mit einer Pistole in der Hand, in deren Lauf eine Zigarettenkippe steckt. Mann und Saal befinden sich in deplorablem Zustand, ein Fenster steht offen, Manuskriptseiten fliegen durch die Luft, Vitrinen und die Totenmaske des Dichters sind zerbrochen. Eigentlich hatte sich der Literaturwissenschaftler und Junggeselle Ljowa Odojewzew, der zum Wachdienst im Museum eingeteilt war, im verwaisten Gebäude an den Feiertagen seiner Dissertation widmen und ein wenig die Wunden des Liebeskummers lecken wollen. Doch was wäre die russische Literatur ohne dämonische Doppelgänger? Als solcher wusste Ljowas Kollege, Schulfreund und Konkurrent in Liebesangelegenheiten Mitischatjew, wie man in den heiligen Hallen der Kunst ein ordentliches Besäufnis organisiert. Der Alkoholexzess endet im besagten Duell, bei dem die Museumsobjekte aus Puschkins Tagen zum Einsatz kommen. Bekanntlich wiederholt sich die Geschichte nur als Farce. Ljowa bleibt am qualvollen Morgen danach nichts anderes übrig, als in die hässlichen Trabantenstädte zu fahren, wo das Volk inzwischen lebt. Will er seine Karriere nicht komplett in den Petersburger Sumpf setzen, muss er Glaser und Schreiner finden, die den Schaden vor Ablauf der Feiertage beheben.

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