Die Menschen sterben, doch ihre Dinge leben weiter. Und als wollten sie über das verlorene Leben ihrer Besitzer hinwegtrösten, beginnen sie zu den Hinterbliebenen zu sprechen. Erzählen von vergangenen Tagen, entschwundenen Momenten, einer Zeit, die dem Gedächtnis der Überlebenden längst entschwunden ist. Es ist eine deprimierende Situation, der sich Lydia Flem in ihrem kleinen Büchlein stellt. Es berichtet von der traurigsten aller Kindespflichten: nach dem Tod der Eltern deren Hausstand aufzulösen.
Das ist, zunächst einmal, ein Verwaltungsakt: Behörden und Beglaubigungen, Sterberegister und Erbschaftsdokumente. Von alldem berichtet Flem, doch ihr eigentliches Thema ist der Aufenthalt in dem verwaisten Haus. Das Verlustgefühl ist allgegenwärtig, doch hat der Tod das Leben nicht gänzlich vernichtet: Es kommt nur aus ungewohnter Richtung. "Ein Gegenstand ist nicht nur einfach ein Gegenstand, er trägt menschliche Spuren, wir leben in ihm fort. Die Dinge, die uns lange begleiten, sind auf ihre bescheidene und loyale Art nicht weniger treu als unsere Tiere und Pflanzen. Jedes einzelne von ihnen hat eine Geschichte, eine Bedeutung, und diese verbinden sich mit der Geschichte der Personen, die sie benutzt und geliebt haben."
Das Haus wird zum Speicher von Erinnerungen, beispielsweise durch Fotos: das des Vaters als jungen Mannes etwa, das seit knapp sechzig Jahren auf dem Nachttisch der Mutter steht. Oder jenes, das die Familie beim Urlaub in New York zeigt, genauer: auf einem der Türme des World Trade Centers, die dreißig Jahre später stürzten. Dafür hatte ein anderer Terror die Familie ereilt, dreißig Jahre zuvor, als Hitler Jagd auf Juden machen ließ. Ein Großteil der Verwandtschaft starb in Konzentrationslagern; die Eltern überlebten zwar, doch die Familie wurde zur Erbmasse des Genozids: "Papa, Mama, das Dienstmädchen und ich, dabei waren es in Wirklichkeit: Hitler, Stalin, die Geschichte und wir."
Restlos wird die Geschichte ihren Zangengriff niemals mehr lösen. Und doch, knapp sechzig Jahre später erzählen die Gegenstände auch von der vorsichtigen Wiederkehr des Privaten. Kaufbelege, Rechnungen, gewissenhaft abgeheftet, berichten von der langen Rückkehr in die Normalität, dem neuen Leben in Wohlstand und Rechtsstaat. Ledertaschen kündigen in den vierziger Jahren den Aufschwung an, Blusen aus Wildseide den Chic der Fünfziger, tiefe Dekolletés die entspannte Eleganz der folgenden Jahrzehnte. Menschen, davon zeugen noch die geringsten ihrer Besitztümer, stehen in engem Verhältnis zu ihrer Zeit. Mit den Eltern verschwinden auch der Witz, die Mode, das Lebensgefühl einer ganzen Epoche.
Dieser Verlust ist unwiderruflich: Die Eltern sind tot. Die Verantwortung für alles Weitere liegt allein in den Händen der Nachkommen. Müssen die sich dafür schämen? Eigentlich doch nicht. Um so verwunderlicher darum, wie oft Flem ihr schlechtes Gewissen während ihrer Aufräumarbeiten bekundet. Als "Eindringling" empfinde sie sich, gar "schuldig", da sie die Privatsphäre ihrer Eltern verletze, Papiere lese, die nicht für sie bestimmt seien.
Flems Buch ist keine Erzählung, der Text schwingt zwischen Bericht und Essay. Insofern kann man der Autorin nicht vorwerfen, eine unstimmige Atmosphäre erschaffen zu habe. Gleichwohl hätten die Selbstanklagen durchaus auch weniger streng ausfallen können. Lydia Flem ist das einzige Kind ihrer Eltern, mithin die einzige Nachlaßverwalterin. Wer sonst also sollte die Welt der Eltern dieses letzte Mal in Ordnung bringen, wer, wenn nicht sie, die Dokumente fremden Lebens sichten? Mag sein, daß der ausgeprägte Hang zum Feingefühl von dem eigentlichen Beruf der Autorin kommt: Flem ist Psychoanalytikerin.
Nicht jedermann wird die mit dieser Profession verbundenen Einschübe und Überlegungen als sonderlichen Erkenntnisgewinn betrachten. "Welche Spuren haben meine Eltern unwissentlich in meinem Unbewußten hinterlassen?" fragt sich Flem - und weiß doch, daß die Antwort nach bester Tradition ihres Faches recht umfassend ausfiele: "Der Versuch, die eigene von der elterlichen Psychologie abzulösen, liefe auf eine endlose Selbstanalyse hinaus." Diese erspart Flem dem Leser - aber liefert statt dessen einen Text, der, unterbrochen von gelegentlichem Psycho-Jargon, eindrücklich von einem Schweigen berichtet, das unendlich wäre, wenn die Dinge nicht zu sprechen wüßten.
KERSTEN KNIPP
Lydia Flem: "Wie ich das Haus meiner Eltern leer räumte". Aus dem Französischen übersetzt von Sigrid Vagt. Schirmer Graf Verlag, München 2004. 119 S., geb., 16,80 [Euro].