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: Im Trallala der Maschinengewehre

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Die Wirklichkeit fällt dem der Wirklichkeit abgeschriebenen Roman manchmal in den Rücken. Das bedeutet dann, daß die Geschichte im Kreis läuft. Zwar wird der im letzten Herbst entflammte Bürgerkrieg an der Elfenbeinküste nicht hauptsächlich von Kindersoldaten geführt. Die Söldnerslogik und die Banden- ...

          Die Wirklichkeit fällt dem der Wirklichkeit abgeschriebenen Roman manchmal in den Rücken. Das bedeutet dann, daß die Geschichte im Kreis läuft. Zwar wird der im letzten Herbst entflammte Bürgerkrieg an der Elfenbeinküste nicht hauptsächlich von Kindersoldaten geführt. Die Söldnerslogik und die Banden- mehr als die Heeresgefechte über willkürlich gezogene Staatsgrenzen hinweg kommen dem aber nahe, was der von der Elfenbeinküste gebürtige Autor Ahmadou Kourouma vor zwei Jahren noch ins benachbarte Liberia und Sierra Leone verlegte.

          Anstoß zum Roman waren die Kriegsabenteuer, die somalische Jugendliche dem Autor in Djibouti erzählten: Wie sie mit Waffen und Drogen sich ins Reich der Bandenkriege locken ließen. Der heute fünfundsiebzigjährige Kourouma hat aber soviel Vorstellungsvermögen, erzählerisches Temperament, wortschöpferische Sprachgewalt und szenisches Geschick für die Mischung von Tragik und Groteske, daß alles andere als ein dokumentarisches Werk herauskam. Dieser Roman ist eine Parabel des nackten Überlebenskampfs jenseits von Gut und Böse, wo weder Übermenschen- noch Menschenvision etwas zählt. Das macht den Roman bedeutsam über alle regionalpolitische Tagesaktualität hinaus.

          Kourouma hatte in seinem langen Exilleben reichlich Gelegenheit, der Geschichte beim Stammeln genau auf die Lippen zu schauen. Nach dem für die französische Kolonialmacht in Indochina geleisteten Armeedienst mochte der ausgebildete Mathematiker sich auch mit dem selbstherrlichen Machthaber seines 1960 unabhängig gewordenen Heimatlandes nicht einfach abfinden. Seine Kritik am Regime des Staatspräsidenten Félix Houphouet-Boigny an der Elfenbeinküste brachten ihm insgesamt dreißig Jahre Exil ein, die er als Versicherungsstatistiker in Algerien, Kamerun und Togo verbrachte. Vier Romane, ein paar Kindergeschichten und ein Theaterstück: Das ist alles, was von dem seit neun Jahren wieder in seinem Land lebenden Schriftstellers vorliegt. Dennoch ist er einer der wichtigsten Autoren des französischsprechenden Westafrika und mit seinem literarisch überbordenden Humor ein unermüdlicher Aufklärer gegen jenen verbreiteten Aberglauben, der in Europa als Afro-Pessimismus kursiert.

          Dieser jüngste Roman Kouroumas hat dem Autor vor zwei Jahren in Frankreich den Renaudot-Preis eingebracht. Es ist die Geschichte eines Gegen-Parzival zwischen Busch und Savanne, wo die Kalaschnikow die Ritterrüstung, die Bandenführer den König Artus und die Haschzigarette den Gral ersetzt. Der zehn- oder zwölfjährige Birahima erzählt in einem kunstvoll konstruierten Gemisch aus französischer Hoch- und populärafrikanischer Bildsprache mit Argoteinschlägen und litaneihaft wiederkehrenden Fluchbeschwörungen, wie er als liebenswürdiger Schlingel nach dem Tod seiner Mutter in Begleitung des Hokuspokus-Magiers Yacouba durch die Wälder zu einer Tante in Liberia aufbrach und dort ins Kriegstreiben der rivalisierenden Banden geriet. Die vier Wörterbücher, aus denen der Kleine bei seinem Bericht immerfort wie funkelnde Schwerter die treffenden Ausdrücke zückt, lassen hinter dem unmittelbaren Handlungsraum der Episoden den Erzählraum als wahrer Ereignishorizont hervortreten.

          Ohne expliziten Erzählrahmen treibt der Erlebnisbericht des jungen Kriegers die Handlung aus dem narrativen Schwebezustand in ironischer Kreisbewegung auf ihren thematischen Grund. Dem Kindsein der Soldaten antwortet der Märchenton des Erzählens, diesem der belehrende Griff zu den Wörterbüchern, diesem wiederum der parodierte Sprachprimitivismus zerrbildlicher Kleinneger-Unmündigkeit: und dies alles über dem Abgrund von routinehaft betriebenem Mord, Plünderei und Vergewaltigung.

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