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: Im Trallala der Maschinengewehre

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Der satirische Märchenonkel Kourouma jubelt uns Lesern so ein literarisches Wunderding aus Volkspalaver, Zauberei und blutiger Zeitgeschichte unter, das jeden Anflug von Betroffenheit stets mit Komik verscheucht. Dorfhüttenexotik ist mit internationalem Waffenhandel, Massenmord mit Kinderphantasie, westafrikanische Politik mit schwarzem Humor versetzt. Das Eitergeschwür, das der Mutter Birahimas in der Dorfhütte das rechte Bein zerfrißt, ist keine Krankheit für weiße Ärzte. Nur einheimische Wunderkünstler könnten so etwas heilen, belehrt ein Pfleger die Frau. Sie wird von der Familie über Nacht aus dem Krankenhaus abgeholt und eine zeitlang im Wald vor den Ärzten versteckt. Sie stirbt dann doch: Und das wirft den verwaisten Birahima auf den langen Weg zur Tante nach Liberia.

Wo die politische Lage so unstabil ist, kann es nicht lange dauern, bis der Junge mitsamt seinem Begleiter, dem Zauber- und Bestechungsvirtuosen Yacouba, ins Kriegstreiben hineingezogen wird. Schon gleich hinter der Grenze wird der Konvoi, in dem die beiden reisen, von den dort lauernden "children soldiers" gestoppt. Nach dem Haltebefehl herrscht zunächst gespannte Ruhe, dann spuckt der ganze Wald aber "trallala . . . trallala . . . trallala . . . aus den Maschinengewehren", daß selbst die Vögel Lunte riechen und in ruhigere Himmelsgegenden davonfliegen. Für den kleinen Birahima ist es für das Entfliehen zu spät. Er gehört bald selber zur Gattung der Kindersoldaten, jenen unbezahlt vagabundierenden Mordtruppen, die unter der Leitung eines Bandenführers die Gegend unsicher machen, die Bevölkerung ausrauben und massakrieren und sich mit Drogen durch die trostlosen Tage bringen.

Die so erzählten Heldentaten des Kleinen lassen im Roman westafrikanische Zeitgeschichte mitlaufen. Von der "National Patriotic Front of Liberia" wechselt der Kindkrieger im Rhythmus des unsteten Kampfgeschicks zum "United Liberian Movement" und weiter zur Truppe des frömmelnden Haudegens Prince Johnson. Die historischen Ereignisse der neunziger Jahre, aus deren Abfall der kleine Held sein "Scheißleben" zusammenimprovisiert, drehen im Roman gespenstisch im Kreis wie auf einem makabren Karussell.

Der Aufstand der alteingesessenen Afroafrikaner Liberias unter Samuel Doe gegen die arroganten zugewanderten Afroamerikaner, die Massenhinrichtung der Feinde, die Ausschaltung der Rivalen im eigenen Lager, ein demokratischer Volksstreich "mit Volksbefragung, souveränem Volkswillen und dem ganzen plebiszitären Zauber" bis hin zu den 99,99 Prozent Jastimmen und der anschließenden Volksbereinigung durch Mord und Vertreibung, schließlich der Gegenputsch der in Kadhafis Libyen ausgebildeten Opposition und die Tranchierung des Diktators Doe auf dem Stadtplatz von Monrovia - das alles gerät im burlesken Erzählton dieses Romans zum skurrilen Leerlauf, der in der allwöchentlichen Hinrichtung der gefaßten Straßendiebe auf dem Marktplatz der Halunkenstadt Sanniquellie geradezu sinnbildlich wird. Die ausgehungerten Häftlinge werden im Schnellverfahren abgeurteilt, mit Reis und saftigen Fleischstücken noch einmal genährt und, während sie sich noch schmatzend die Mundwinkel auslecken, am Pfahl exekutiert. Die vergnügte Zuschauermenge applaudiert und merkt dabei gar nicht, wie schon die nächsten Diebe ihr in den Taschen herumfingern.

Wo jeder Erlöser vom herrschenden Übel noch größeres Übel bringt und Tyrannen vor der ganzen Welt die Freiheit ihrer Völker verbürgen, fällt es auch Allah schwer, gerecht zu sein in allen Dingen. Lachen ist ihm dann gefälliger als Bitten und Klagen. Ahmadou Kourouma hat dieses Lachen zu Literatur gemacht. Sabine Herting hat es einfühlsam und sorgfältig, manchmal vielleicht sogar etwas zu sorgfältig am französischen Original haftend, übersetzt. Das Fazit bleibt dasselbe: Auch Bandenführer lassen die Kinder gern zu sich kommen. In Ermangelung eines Himmelreichs halten sie ihnen eine schöne Hölle bereit.

JOSEPH HANIMANN

Ahmadou Kourouma: "Allah muß nicht gerecht sein". Roman. Aus dem afrikanischen Französisch übersetzt von Sabine Herting. Knaus Verlag, München 2002. 223 S., geb., 19,90 [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.02.2003, Nr. 35 / Seite 34

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