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: Im Lolita-Universum

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Romane von Michel Houellebecq zu lesen ist zugegebenermaßen eine sehr zwiespältige Angelegenheit. Einerseits lösen sie die allergrößte Abwehr aus, andererseits kann man sich ihnen nicht entziehen. Das war in den "Elementarteilchen" so und in "Plattform", und es ist in seinem neuen Roman "Die Möglichkeit ...

          Romane von Michel Houellebecq zu lesen ist zugegebenermaßen eine sehr zwiespältige Angelegenheit. Einerseits lösen sie die allergrößte Abwehr aus, andererseits kann man sich ihnen nicht entziehen. Das war in den "Elementarteilchen" so und in "Plattform", und es ist in seinem neuen Roman "Die Möglichkeit einer Insel" dasselbe: Reflexhaft wehrt man sich gegen die etwas zu aufdringliche Schonungslosigkeit, mit der hier Wahrheiten verkündet werden, weil dies ungefähr so wirkt, wie wenn jemand in besonders vornehmer Runde extra schlimme Dinge sagt - also ein bißchen albern und peinlich. Zugleich gibt es wohl keinen zeitgenössischen Autor, der die Obsession und Ängste westlicher Gesellschaften so scharf analysiert wie er. Nie würde man einen seiner Romane aus der Hand legen, ohne diesen bis zum bitteren Ende gelesen zu haben. Denn bitter ist das Ende immer bei Michel Houellebecq - und diesmal ist es so bitter wie noch nie.

          Wir befinden uns in der Zukunft. Der Mensch hat sich abgeschafft. Nur der Neo-Mensch hat überlebt: geklont, unsterblich, gefühlsarm und vor allem ratlos, weil ihm Lebensgeschichten aus dem 21. Jahrhundert überliefert sind, lauter archivierte Autobiographien, die er verwundert zur Kenntnis nimmt, mit denen er aber wenig anfangen kann.

          Das klingt nach Science-fiction. Doch hat Michel Houellebecq kein Buch geschrieben, in dem in einer technoiden Welt nur Klone und Roboter unterwegs wären. Er macht etwas anderes: Er stellt durch den Blick aus der Zukunft die größte Distanz her, die man herstellen kann, eine Art Menschenferne. Er erfindet eine Figur namens Daniel24, ein Klon der vierundzwanzigsten Generation, der den Bericht seines genetischen Prototyps Daniel1 liest und ihn bestaunt wie ein Tier im Zoo. Andere haben Käfer aufgespießt, um ihre schillernden Farben unter Glas besser betrachten zu können. Michel Houellebecq spießt den Menschen auf. Teilnahmslos läßt er den Neo-Menschen auf den Menschen blicken und ihn fragen, was da eigentlich los war. Und weil man, anders als Daniel24, beim Lesen durchaus menschliche Regungen hat, teilnahmslos also nicht sein kann, ist man erschüttert. Die Frage ist berechtigt: Was ist hier eigentlich los?

          "Die Möglichkeit einer Insel" ist ein Roman über die panische Angst vor dem Altwerden. Daniel1 arbeitet als Fernsehkomiker, seitdem er sein Unterhaltungstalent beim Bühnenauftritt in einem "All inclusive"-Ferienclub in der Türkei entdeckte: Inspiriert durch einen Zwischenfall am Buffet, hatte er einen Sketch über eine blutige Ferienclubrevolte aufgeführt, die durch die Würstchenknappheit beim Frühstück und den Aufpreis für das Benutzen der Minigolfanlage ausgelöst wurde. Die Leute hatten Tränen gelacht. Im Anschluß an die Show war eine hübsche Brünette gekommen, die mit ihm schlafen wollte, weil sie Männer mit Humor schätzte. Und so hatte er seine Berufung gefunden, war reich und berühmt geworden, leistete sich teure Autos und lernte Isabelle kennen, Chefredakteurin der Frauenzeitschrift "Lolita", ausnehmend schön und intelligent.

          Isabelle jedoch hat in ihrem "Lolita"Kosmos sehr bald ein Problem: Sie ist um die Vierzig, während die Models, die zum Foto-Shooting tagtäglich ein- und ausgehen, kaum älter als sechzehn sind, also knackig, jung, frisch, unverbraucht. "Es ist normal, daß die Leute Angst vorm Alter haben, vor allem Frauen, das war schon immer so, aber jetzt . . . Das übertrifft die wildesten Vorstellungen", erzählt sie aus dem Büro. Doch schützt sie das nicht. Irgendwann beginnt sie, sich lieber im Dunkeln auszuziehen und auch beim Sex das Licht zu löschen, wird depressiv, kündigt den Job, nimmt zu. Erst haben sie weniger Sex, bald gar nicht mehr. Dann ist es aus.

          "Es war mir nicht mehr möglich, ihr immer wieder zu sagen, daß sie noch genauso begehrenswert und schön sei wie eh und je", protokolliert Daniel1 in seinem Lebensbericht. "Noch nie hatte ich mich so unfähig gefühlt, sie auch nur im geringsten anzulügen. Ich wußte, welchen Blick sie anschließend haben würde: Es war der traurige, demütige Blick eines kranken Tiers, das sich ein paar Schritte von der Menge zurückzieht, den Kopf auf die Pfoten legt und leise winselt, weil es weiß, daß es geschwächt ist und von seinen Artgenossen kein Mitleid erwarten kann." Daniel24, der Neo-Mensch, nimmt das alles aufmerksam zur Kenntnis.

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