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Roman von Susanne Röckel : Im leeren Himmel kreist der Vogelgott

Susanne Röckel: „Der Vogelgott“. Roman. Jung und Jung, Salzburg 2018. 272 S., geb., 22,- €. Bild: Jung und Jung

Was geschieht mit uns, wenn wir den Rändern der Zivilisation zu nahe kommen? Im Roman von Susanne Röckel trägt das Unheil ein Federkleid: „Der Vogelgott“.

          Ein Mann strandet auf einem Provinzbahnhof, er läuft auf schlechten Wegen immer weiter der Zivilisation davon, schleppt seinen Koffer eine Anhöhe hinauf und landet in einem bröckelnden Dorf namens „Z.“, wo ihn niemand haben will und niemand mit ihm spricht, am wenigsten im verfallenen „Hotel International“. Weil aber aufzugeben, wie er sich sagt, nicht in Frage kommt und weil der begeisterte Hobbyornithologe zudem hier einem Greifvogel hinterhersteigen will, wie ihn die Wissenschaft noch nicht beschrieben hat, nimmt er alles in Kauf: Das quietschende Bettgestell ohne Matratze, den Hunger, die Feindschaft der Dorfbewohner und schließlich auch, dass man ihm die halbe Ausrüstung stiehlt.

          Dann steht er in der Wildnis dem riesigen Vogel gegenüber, er wird ihn, wie er aus der Rückschau berichtet, später tatsächlich erlegen, ausstopfen und in der Heimat stolz vorzeigen. In diesem Moment aber, Aug’ in Aug’ mit dem gigantischen, nach Aas stinkenden Geier, fühlt er sich einen Moment lang als Person wie ausgelöscht. Als ob sein Wille gegen den des Geiers rein gar nichts wäre, als ob er sich einreihte in die Gruppe der Dorfbewohner, die den Greif als Vogelgott verehren. Und selbst einige Ähnlichkeit mit Vögeln haben.

          So steht es in einem ausdrücklich als Fragment bezeichneten Manuskript, verfasst von einem Lehrer namens Konrad Weyde, womit Susanne Röckels Roman „Der Vogelgott“ beginnt. Es folgen drei weitere Teile, erzählt jeweils aus der Perspektive eines der drei Kinder Konrad Weydes, und jedes von ihnen wird Erfahrungen machen, die das, was der Vater beschrieben hatte, auf ihre Weise ergänzen.

          Vier Wege zum „Vogelgott“ beschreibt Susanne Röckel also: den des rationalistischen Vaters, der es aufs Jagen und Ausstopfen abgesehen hat; den des verträumten Thedor, der seinem Leben einen Sinn geben möchte und in der Irrenanstalt endet; den der Kunsthistorikerin Dora, für die ein Altarbild zum Zeugnis eines Jahrhunderte zurückliegenden Massakers im Namen des Kults wird; und schließlich den des skeptischen Journalisten Lorenz, der aufdeckt, welche Macht die Anhänger des Vogelgottes in unserer Zeit besitzen.

          Die Ausgangslage ist eine Situation, wie man sie aus manchen Werken der 1953 geborenen Röckel kennt, allen voran der Erzählungensammlung „Vergessene Museen“, die vor zehn Jahren in der Anderen Bibliothek erschienen ist. Dort geraten Forscher, die stolz auf ihren rationalen Zugang zur Welt sind, unter Menschen, die offensichtlich etwas vor ihnen verbergen und deren Umgang dann den aufgeklärten Wissenschaftler schleichend verändert. Sie nehmen unter den Inuit an Kulthandlungen teil oder stehen ratlos vor Gewaltausbrüchen in einem osteuropäischen Dorf, die sich, wie es scheint, wie ein Bazillus von einem auf den anderen übertragen, ohne dass klar wäre, warum einer eigentlich die Kontrolle über sich verliert und zuschlägt.

          Die Autorin ist klug genug, ihre Landschaften, Dörfer und Menschen, aber auch die Zeiten, in denen sie ihre Geschichten ansiedelt, eher atmosphärisch hinzutuschen, als klar zu verorten – über den Lehrer Weyde erfahren wir, dass er sich als Erster im Kollegium einen Fernseher angeschafft habe, und von seinen Kindern, dass sie am Computer arbeiten und E-Mails verschicken. Aber kein Ereignis der Zeitgeschichte lässt eine genauere Datierung zu, und es ist zwar vom Rhein die Rede, in dessen Nähe die Kinder Weydes aufwachsen, nicht aber davon, in welcher Stadt.

          Was aber hält nun die unterschiedlichen Geschichten von der jeweiligen Begegnung mit dem Vogelgott zusammen? Zum einen sind es inhaltliche Überschneidungen; bestimmte Ereignisse, die der eine länger berichtet, erfahren im nächsten Teil einen Widerschein aus der Perspektive eines anderen, und auch die Familiengeschichte insgesamt gewinnt im Verlauf des Romans an Konturen, die wiederum das früher geschilderte Geschehen in einem anderen Licht erscheinen lassen.

          Gemeinsam ist all diesen Begegnungen das irritierende Moment, dass die Repräsentanten des Vogelkults alles über diejenigen zu wissen scheinen, die ihnen begegnen, oder der Aasgeruch, den sie verströmen. Und während Vater Weyde, „entschlossen, dem Zauber trügerischer Mythen zu widerstehen“, lieber die Augen davor verschließt, was mit ihm geschieht, wirft sich sein Sohn Thedor dem Kult nur umso entschlossener in die Arme. Er schreibt seinen Bericht im Sanatorium seiner Heimatstadt, nach der Rückkehr aus einem gottverlassenen Camp, das wohl irgendwo in Afrika liegt, im Land einer Ethnie namens Aza, die einst Teil des englischen Kolonialreichs war. Thedor kam mit einer Organisation namens „Save the world“ dorthin, angeblich um zu helfen, in Wirklichkeit aber wird er von allem ferngehalten. Bis sich die lang angespannte Situation in einem Blutrausch entlädt.

          „Was ich gesehen habe, habe ich gesehen“, verteidigt er seine Perspektive, allerdings mit dem impliziten Eingeständnis, dass das Gesehene deshalb noch lange nicht wahr sein oder Gültigkeit für andere Menschen haben muss.

          „Wir sehen nichts mehr, wenn wir zum Himmel aufschauen“, heißt es in einem Kassiber, auf den Thedor in Aza-Town stößt: „Aber wenn Gott nicht mehr da ist, übernimmt die Natur die Macht.“ Die Gottesferne drückt sich bereits in Thedors Name aus, dem so auffällig das erste „o“ fehlt. Der Blick zum Himmel aber, so mag man sich das deuten, offenbart eben nicht die große Leere, sondern einen nach Aas stinkenden Geier als Repräsentanten der Natur, der dem Menschen, der so stolz auf sein Selbstdenkertum ist, nachdrücklich seine Grenzen aufzeigt.

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