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: Im Käfig der Liebe

  • Aktualisiert am

Ein kleines Malheur: Wenn der Reißverschluss, der geöffnet werden soll, damit dünner Stoff an glatter Haut heruntergleite, nicht mit der linken Hand ein wenig gestrafft wird, kann ihn die rechte nicht öffnen. Das muss man lernen. Sonst ist Faltenwurf die Folge, und der Reißverschluss verhakt sich.

          Ein kleines Malheur: Wenn der Reißverschluss, der geöffnet werden soll, damit dünner Stoff an glatter Haut heruntergleite, nicht mit der linken Hand ein wenig gestrafft wird, kann ihn die rechte nicht öffnen. Das muss man lernen. Sonst ist Faltenwurf die Folge, und der Reißverschluss verhakt sich. Erst wird genestelt, dann gezerrt, dann geflucht. Schon ist er vorüber, der magische Moment des Übergangs zur Nacktheit. Und der dünne Stoff des Sommerkleids hat sich wieder in eine Rüstung verwandelt, durchscheinend und undurchdringlich.

          Für Florence und Edward ist dieses kleine Malheur Teil einer großen Katastrophe. Sie hat sich angebahnt seit jenem Augenblick, da die beiden einander zufällig bei einer Veranstaltung der Anti-Atom-Gruppe in Oxford begegnet sind. Sie reicht ihm ein Flugblatt, das erklärt, was passiert, wenn eine Wasserstoffbombe auf die Stadt fällt, und er bildet sich ein, dass es kein Zufall sein könne, dass dabei ihre Finger über die Innenseite seines Handgelenks streichen. Aber natürlich ist es ein Zufall, denn nichts liegt Florence ferner als erotische Avancen.

          Ian McEwan verliert kein Wort mehr über diesen Moment, er kommentiert ihn nicht und schmückt ihn nicht aus. Er zeigt nur beiläufig, dass es keineswegs allein der Zufall ist, der unser Schicksal zu beeinflussen vermag. Viel entscheidender ist unsere Neigung, zufällige Begebenheiten falsch zu verstehen. Eine verpasste Gelegenheit, so lehrt uns dieses Buch, kann tausend Mal besser sein als ein glücklicher Zufall, den wir nicht richtig zu deuten wissen.

          Florence und Edward verbindet fortan zweierlei: eine junge, zarte, ebenso scheue wie tiefe Liebe und eine lange, vielfach gewundene Kette von Zufällen, Missverständnissen und Debakeln, die in eine Katastrophe münden. "Am Strand" ist ein Hochzeitsnachtskatastrophenroman: Beklemmender kann man das Desaster zweier sich verfehlender Liebender kaum schildern. Dabei hätte auch der Roman selbst leicht im Desaster enden können, denn McEwan wagt viel. Was er sich vorgenommen hat, ist die Schilderung einer missglückten Hochzeitsnacht und ihrer Vorgeschichte bis ins kleinste Detail. Nicht genüsslich, sondern gnadenlos werden Scham und Verlangen und die Wege von Zungen und Händen, werden Lust und Not und Ekel beschrieben, ohne dass McEwan seine Leser darüber zu Voyeuren werden ließe. Bernhard Robben hat dies klar, hart und einfühlsam ins Deutsche übersetzt.

          Wie in der klassischen Tragödie konstruiert McEwan eine ausweglose Situation, die nicht gut enden kann, nicht für dieses Paar und nicht in dieser Zeit. Denn wichtiger noch als die persönliche Vorgeschichte von Florence, der zarten und zielstrebigen Violinistin aus gutem Hause, und Edward, dem sensiblen, manchmal zur Derbheit neigenden Jungen vom Land, ist der Zeitpunkt ihrer Begegnung. Es sind die frühen sechziger Jahre in England: Groß sind die Klassenunterschiede, hoch die Schranken zwischen den Geschlechtern. Sex vor der Ehe ist in den Kreisen von Florence ebenso wie für den harmlosen Edward eines jener Gerüchte, die ebensogut aus dem Reich der Fabel kommen könnten: undenkbar für sie, unerreichbar für ihn. Dass es Sex gibt, wissen beide, aber dass keine Sprache existiert, in der sie miteinander darüber sprechen können, ist etwas, dass sie erst schmerzlich erfahren müssen. Ihr Kleid, in dem Florence gefangen ist, solange der Reißverschluss klemmt, kann sie schließlich abstreifen. Aber auch nackt bleiben beide Gefangene ihrer Zeit.

          McEwan hat seine geniale Tragödie der Verkennungen ins Jahr 1962 verlegt, in das Jahr also vor jenem "Annus Mirabilis", von dem Philip Larkins gleichnamiges Gedicht spricht: "sexual intercourse began / in nineteen sixty-three". Das gilt auch für dieses Paar: Die Ehe wird nicht vollzogen. Denn Florence empfindet einen unüberwindlichen Ekel vor dem Geschlechtlichen. Dass dies womöglich mit einem Missbrauch durch ihren Vater zu tun haben könnte, bleibt eine Andeutung: McEwan gibt uns keine schlüssige Begründung für das, was seine Figuren nicht einmal ansatzweise verstehen können. Edwards körperliche Nähe, sein Verlangen, das Florence bedrängt, ihr Schuldgefühl, ihm nicht geben zu können, was ihm zuzustehen scheint und was allen anderen als natürlich und selbstverständlich gilt, die Unmöglichkeit, mit ihrem künftigen Ehemann darüber zu sprechen, all das treibt sie in die größte Not. Während bei ihr Panik mit Ekel wechselt und Ekel mit Panik, deutet Edward alle Signale falsch: Als sie stöhnt vor Übelkeit und Angst, sich in den Mund des Geliebten übergeben zu müssen, glaubt Edward ihr Verlangen sei entbrannt. Und als sie tatsächlich für einige Sekunden aufkommende Erregung verspürt, zum ersten und einzigen Mal, zieht er sich zurück.

          Kühl und mit einer Präzision, die ans Bösartige grenzt, verfolgt McEwan in dieser genialen Tragödie der Verkennungen, wie zwei Liebende einander immer wieder verfehlen, um Millimeter nur und am Ende endgültig. Sich lieben, so steht es in einem Gedicht von Hans-Ulrich Treichel, heißt auch sich verpassen - um eine Sekunde, ein Wort, die Winzigkeit einer Geste, den Hauch einer Berührung. Florence ahnt dies, und sie ahnt auch, dass es immer so bleiben wird. Aus ihrem Dilemma gibt es nur einen Ausweg: Edward, so ihr Vorschlag, soll frei sein für Affären und ihr so eine Liebe ermöglichen, die frei wäre von Sex. Das ist der Moment, in dem Florence ihre Käfigtür weit aufstößt und das Gefängnis ihrer Zeit verlassen will. Aber auch Edward ist gefangen und versteht sie nicht. Sich lieben, so lautet die Definition, die McEwan uns mit diesem Buch andient, hieße aus zwei Käfigen einen zu machen. Ob daraus Glück folgen kann, ist eine Frage des Zufalls und seiner Interpretation.

          - Ian McEwan: "Am Strand". Roman. Aus dem Englischen übersetzt von Bernhard Robben. Diogenes Verlag, Zürich 2007. 208 S., geb., 18,90 [Euro].

          Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.07.2007, Nr. 167 / Seite Z5

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