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: Im imaginären Gefängnis

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Max Frisch hatte längst mit dem "System Schweiz" gebrochen. Mit Dürrenmatt schien es das Land sehr viel leichter zu haben - bis man noch zu seinen Lebzeiten erschreckt feststellen mußte, daß sein Denken möglicherweise subversiver war als die radikale Opposition seines Kollegen. "In weniger als einer ...

          Max Frisch hatte längst mit dem "System Schweiz" gebrochen. Mit Dürrenmatt schien es das Land sehr viel leichter zu haben - bis man noch zu seinen Lebzeiten erschreckt feststellen mußte, daß sein Denken möglicherweise subversiver war als die radikale Opposition seines Kollegen. "In weniger als einer Stunde", schreibt Klara Obermüller, die Herausgeberin dieser Anthologie über die Schweizkritik der Schriftsteller, "mutierte Dürrenmatt vom geehrten Dichter zum Staatsfeind": Er hatte, als Staatspräsident Václav Havel sein Land besuchte, die Schweiz mit einem Gefängnis verglichen, das von lauter Freiwilligen bewohnt werde. Auch Freunde des Dramatikers bekundeten Mühe, die Metapher zu verstehen - die man angesichts des geladenen Dichterpräsidenten, der das Gefängnis aus eigener Anschauung kennt, als geschmacklos empfinden konnte.

          Wie ein "Aussätziger" sei Dürrenmatt beim anschließenden Empfang behandelt worden. Ein "Ausschlußmechanismus" kennzeichnet für Obermüller das Verhältnis von Macht und Kritik in ihrem Land: "Hätten sie Dürrenmatt etwas gründlicher gelesen, sie wären vermutlich weniger überrascht gewesen." Die Episode dient als Beleg für die Einschätzung, daß die Schriftsteller in der Schweiz "zwar gehört, aber nicht wirklich ernst genommen werden, sie werden diffamiert, aber ihre Interventionen bleiben ohne nachhaltige Wirkung." In diesem Zusammenhang ist die Auseinandersetzung mit der Kriegsvergangenheit einschlägig. Kritik war vielfach geäußert worden, als Aufarbeitung des Mythos von der widerständigen und antifaschistischen Eidgenossenschaft kann die ganze Kultur des Nachkriegs gedeutet werden - doch die offizielle Schweiz nahm die Vorwürfe erst ernst, als der Druck von außen kam und es um Geld ging: als die Begleichung offener Rechnungen eingefordert wurde.

          Klara Obermüller hat Dürrenmatts Rede beim Staatsempfang für Havel in ihre Anthologie der "kritischen Texte von Schweizer Schriftstellern über ihr Land" aufgenommen - es ist sein bekanntester, aber sicher nicht bester Aufsatz über die Heimat. Die Essays und Werkauszüge der Sammlung gehen bis auf Keller und Gotthelf zurück. Der mahnende Aufruf "Unser Schweizer Standpunkt", den der Literaturnobelpreisträger Carl Spitteler zum Ersten Weltkrieg an die gespaltene Nation richtete, fehlt ebensowenig wie Paul Nizons Kritik an der "Enge" der Schweiz. Der jüngste Text stammt aus dem Jahre 1998: Für Adolf Muschg ist die Schweiz "keine Nation, aber ein Bündnis mit historischer Vergangenheit und einer möglichen Zukunft".

          Jede Anthologie ist anfechtbar. Klara Obermüller hat ihre Auswahl nach politischen Kriterien getroffen. In der Einleitung skizziert die Herausgeberin nicht nur die Ohnmacht der Intellektuellen, sondern auch die "Wellenbewegung" ihrer Auseinandersetzung mit der Schweiz. Nach einem Jahrzehnt heftiger Debatten über die Beziehung zu Europa und die Kriegsvergangenheit herrscht gegenwärtig Ebbe. Der Triumph der Schweizerischen Volkspartei SVP und ihres politischen Führers Christoph Blocher, der auch schon mal das Buch eines Auschwitz-Leugners lobte und die Subventionen für die Kultur abschaffen will, fällt mit einem Nullpunkt der helvetischen Debatten zusammen.

          Am Befund, den diese Dokumentation einer lebhaften Auseinandersetzung formuliert, ändert das - vorerst - nichts. Sie zitiert Peter von Matt: "Viel stärker als in der Literatur Deutschlands und Österreichs sind die literarischen Schlüsselfiguren der Schweiz von politisch-historischen Daten her zu bestimmen." Das gehört zum Sonderfall, den die Eidgenossen so hartnäckig kultivieren, und ist gewissermaßen seine kulturelle Dimension. Doch im Gegensatz zum Volk und den Politikern sind die Schriftsteller meist exemplarische Europäer. Sie streiten wie die Franzosen - und sie leiden wie einst die Deutschen an ihrem Heimatland.

          JÜRG ALTWEGG.

          Klara Obermüller (Hrsg.): "Wir sind eigenartig, ohne Zweifel". Die kritischen Texte von Schweizer Schriftstellern über ihr Land. Verlag Nagel & Kimche, Zürich 2003. 312 S., br., 19, 90 [Euro].

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