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Im Gespräch: Sven Regener Wieso kann man Romane nicht singen?

 ·  Er war schon ein erfolgreicher Musiker, bevor er den Erfolgsroman „Herr Lehmann“ veröffentlichte. Musik und Literatur sind für Sven Regener jedoch zwei ganz verschiedene Themen. Und sein Privatleben - das ist tabu. Ein nicht ganz leichtes Treffen in Berlin.

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Sven Regener sitzt in einem Berliner Biergarten. Unter einem Schirm. Im Regen. Das macht es nicht gerade leichter, sich mit ihm über sein Leben als Musiker und Schriftsteller zu unterhalten. Er gibt nur schwer etwas von sich preis.

Ein lauschiges Plätzchen, das Sie da ausgesucht haben.

Dachte ich auch gerade. Ich habe mir erst mal ein Bier geholt. Möchten Sie auch eines?

Gern, danke. Seltsam, dass Sie dank der „Herr Lehmann“-Reihe für ein spezifisches Berliner Lebensgefühl stehen. Das Lebensgefühl, das Ihre „Element of Crime“-Songs transportierten, ist weniger leicht zu verorten. In Hafenstädten allerhöchstens.

Ich denke, hier sollte man bitte gar nicht verorten. Auch nicht in Hafenstädten. Es gibt ja sogar einige Lieder, in denen Berlin explizit genannt wird. Jung und schön etwa.

Ja, aber dann immer wieder Lieder wie „An Land“, „Vier Stunden vor Elbe I“, „Schwere See“: regelrechte Seemannsromantik.

Das sind vor allem Liebeslieder. Einige wenige davon handeln eben von der See. Wenn es die Liebe nur in Hafenstädten gäbe, wäre die Menschheit schon längst ausgestorben.

Heißt das, dass Sie gar keine Berlin-Romane geschrieben haben, obwohl zwei der drei Bände im Berlin der achtziger Jahre spielen?

Was soll das sein: ein Berlin-Roman? In den Romanen geht es um eine konkrete Figur, den Herrn Lehmann, dem spannende, komische und überraschende Dinge passieren. Um Menschen, die sich ausprobieren möchten. Mir geht es nicht um einzelne Städte. Dass die Romane in Berlin oder Bremen spielen, liegt bloß daran, dass ich mich an diesen Orten auskenne. In Bremen wurde ich geboren. In Berlin lebe ich seit langem. Ich wäre bescheuert, einen Roman in Bielefeld spielen zu lassen, weil ich von Bielefeld keine Ahnung habe.

Wie sehen Sie sich mittlerweile: mehr als Sänger einer deutschsprachigen Rock-Kapelle oder mehr als Schriftsteller?

Ich fühle mich als Rockmusiker. Und die Idee ist es, damit durchzukommen, ein Leben lang nicht arbeiten zu müssen. Dass ich Schriftsteller wurde, hat sich lediglich ergeben. Da war ich 39 Jahre alt. Musik mache ich, seit ich denken kann. Die ersten Songs schrieb ich 1984. Element of Crime wurde 1985 gegründet. Seitdem sind wir unterwegs. Die Bücher kamen da nur noch dazu. Die Lehmann-Romane waren für mich, wenn Sie so wollen, wie ein Sechser im Lotto. Ein Glücksfall.

„Element of Crime“ wurde vor allem auch dank Ihrer lyrischen Songtexte bekannt. Vielleicht war es doch nicht so überraschend, dass Sie von der kleinen Form zum Roman kommen würden? Es gibt immerhin schon Schulklassen, die über Ihren Texten brüten.

Das Schreiben von Liedern und Liedtexten ist einfach eine andere Disziplin als das Schreiben von Romanen. Das ist eine andere Sause. So wie Kegeln und Golfspielen. Ich konnte deshalb auch keine Liedtexte schreiben, während ich an den Romanen saß. Das ging dann aber wieder, sobald ich mit dem Kleinen Bruder fertig war. Und das mit den Schülern: Das will ich nicht. Bis jetzt konnte ich fast immer verhindern, dass meine Texte in Schulbüchern abgedruckt und mit Arbeitsaufgaben versehen wurden. Das eine sind Liedtexte. Die wurden so geschrieben, damit sie gut klingen und damit man sie singen kann. Das andere sind Romane. Und die kann man nicht singen. Womit sich auch die wiederkehrenden Diskussionen darüber erledigt haben dürften, ob nicht Bob Dylan den Literaturnobelpreis verdient hätte.

Jetzt stapeln Sie ganz schön tief.

Warum soll man meine Liedtexte lesen? Das ist Quatsch. Und ich finde die Vorstellung schlimm, Kinder müssten sich in der Schule an den Texten abarbeiten. Das würde ihnen den Genuss der Lieder und der Musik doch sehr verleiden.

Es gibt genug Bands, die stolz auf ihre Texte sind und sich geschmeichelt fühlen würden. Denken Sie nur an die Bands im Umfeld der „Hamburger Schule“. Die boomten ja in den Neunzigern, als Sie nicht mehr englisch, sondern deutsch sangen und damit Ihren großen Durchbruch hatten, ja blickten sogar respektvoll zu Ihnen nach Berlin hinüber.

Ich bin auch stolz auf meine Texte! Damit hat das nichts zu tun. Ansonsten würde ich das, was Sie über die Hamburger Bands sagen, nicht unterstellen wollen. Wir sind mit einigen dieser Bands befreundet, und aus Hamburg kommt viel Gutes. Über das andere weiß ich nichts, das mit dem rüberblicken und so.

Weil Sie schon als Student der Musikwissenschaft keine Gruppenarbeit mochten?

APrinzipiell habe ich nichts gegen Gruppenarbeit. Sonst würde ich nicht seit 23 Jahren in einer Gruppe musizieren, sonst hätte ich vielleicht irgendwann ein Soloalbum gemacht. Musik macht mit anderen Musikern mehr Spaß als ohne sie. Und gerade mit den Leuten, die Element of Crime bilden.

Welche Gruppenarbeit mögen Sie dann nicht?

Gruppenarbeit an der Uni habe ich nie gemocht, weil ich keinen Sinn darin gesehen habe, mit anderen gemeinsam Referate zu halten. Wissen. Nachdenken. Aufschreiben. Das macht man alleine. Und das ist auch nicht asozial. Bei der Musik ist das anders. Da kann jeder ein Instrument mitbringen und mitspielen. Das macht die Musik aus.

Was haben Ihre Band-Kollegen gesagt, als Sie mit „Herr Lehmann“ auf einmal als Schriftsteller in aller Munde waren, als es sogar eine Verfilmung des Romans gab.

Nichts. Über solche Dinge sprechen wir nicht. Warum sollten wir?

Dass es den Roman und den Film gibt, werden sie wohl mitbekommen haben.

Völlig uninteressant. Was soll man denn darüber reden? Wir machen Musik.

Darüber vielleicht, dass nun auf einmal die Band in den Hintergrund und der Sänger Sven Regener als Schriftsteller in den Vordergrund treten könnte?

Sollten die Jungs in der Band das befürchtet haben, haben sie es mir nicht gesagt. Ich glaube aber nicht, dass es solche Befürchtungen gibt. Denn das mit dem Hinter- und Vordergrund ist ja keineswegs so gekommen. Wir haben in der Band noch immer sehr viel Spaß, wir haben gerade den Original-Soundtrack für Leander Haußmanns Robert Zimmermann wundert sich über die Liebe geschrieben.

Wie hat Ihre Schriftstellerei angefangen? Ist an dem Gerücht etwas dran, Sie hätten das erste Kapitel für den ersten Lehmann-Band für eine Freundin geschrieben, Anfang der Neunziger?

Ich habe es nicht eigens für sie geschrieben. Aber ich habe es ihr geschenkt. Sie wurde dreißig, und weil sie es wurde, ist nun eben auch Herr Lehmann in diesem Alter.

Frau Lehmann hieß sie nicht zufällig.

Ach was. Frank Lehmann heißt Lehmann, weil ich nach einem schlichten Namen gesucht habe. Es gibt Menschen, die heißen Schluckebier. Wenn Sie einen Romanhelden Schluckebier nennen, wird das nicht unverfangen gelesen. Lehmann war ein guter Name.

Im dritten Band der Lehmann-Reihe, der in diesen Wochen erscheint, gibt es weniger unverfängliche Figuren. Einen Herrn mit dem einprägsamen Namen P. Immel beispielsweise.

Das ist etwas anderes. P. Immel ist nicht die Hauptfigur. Solche Namen muss es ja auch geben. Peter von Immel heißt er eigentlich. Und er nennt sich P.Immel, da liegt eine Absicht der Figur zugrunde, keine Laune des Autors.

Frank Lehmann ist nicht Sven Regener, keine Frage. Trotzdem kamen auch Sie in den Achtzigern von Bremen nach Berlin. Und Sie sagten ja gerade: Sie schrieben über eine Welt, in der Sie sich auskennen. Was von Ihren Berlin-Erfahrungen steckt in den Romanen?

Das Maß an Unsinn, das in den Büchern geredet wird, ist schon realistisch. Wie man seine Zeit vertrödeln kann ebenfalls. Und natürlich, wie hart man arbeiten kann. Das ist allerdings das, was Frank Lehmann von mir unterscheidet. Das harte Arbeiten.

Sie arbeiten doch auch hart.

Ich habe gearbeitet, vor allem nach dem vorzeitigen Abbruch meines Studiums. Als Tippse im Wissenschaftszentrum in Berlin und für eine Zeitung mit privaten Kleinanzeigen. Nach 1989 aber war das nicht mehr nötig. Da bekamen wir endlich genug Vorschuss. Richtig gut wurde es 1993, als Weißes Papier erschien. Die Platte verkaufte sich gut, wir hatten mehr Zuschauer bei den Konzerten. Wir mussten nicht mehr arbeiten.

In jeder Platte steckt Arbeit. In jedem Roman.

Nein, wir Künstler spielen nur. Wir spielen Musik. Oder schreiben, auch das sollte etwas Spielerisches sein. Künstler haben sicherlich anstrengende Tage, so wie auch Sportler anstrengende Dinge machen. Ein Musiker geht zur Probe, ein Sportler zum Training. Dieser Mensch da, hinter dem Baustellenzaun des Theaters, der einen Pressluftbohrer bedient, der ging heute früh zur Arbeit.

Wie unterschiedlich sind für Sie diese Erfahrungen: mit einer Band auf der Bühne zu stehen - oder alleine, bei einer Lesung?

Bei der Rockmusik ist mehr Distanz da. Es gibt einen Graben zwischen Bühne und Publikum. Ich hier oben, ihr dort unten. Oder umgekehrt. Die direkte Begegnung mit Menschen, bei Signieren von Büchern etwa, ist ganz anders. Das mag ich eigentlich nicht. Ich bin auch ganz froh, auf der Straße nicht erkannt zu werden. Oder zumindest darüber, dass die Leute, die mich erkennen, genug Respekt haben, mich dann auch in Ruhe zu lassen.

Was bedeuten dann für Sie Lesungen?

Mein Verlag meinte, Lesungen müssten sein. Ich wollte das anfangs nicht, weil ich selbst nie zu Lesungen gegangen bin. Als ich mich ein wenig zurechtgefunden hatte, begann ich das interessanter zu finden. Ich lese immer nur ganze Kapitel. Das funktioniert bei den Lehmann-Büchern, weil die Kapitel in sich einen gewissen Abschluss haben. Und nur Kapitel, bei denen die Leute auch etwas zu lachen haben.

Gespräche mit dem Autor hingegen lehnen Sie ebenso ab wie die Autogrammstunden.

Es gehört nicht zu den Aufgaben eines Künstlers, mit dem Publikum sein Werk zu diskutieren. Ich glaube auch nicht, dass eine Erklärung notwendig ist. Kunst, wenn sie funktioniert, braucht keinen Beipackzettel. Gelegentliche Interviews sind eine andere Sache.

Sprechen wir denn jetzt über so andere Dinge?

Nein, aber hoffentlich nicht, weil die Bücher das brauchen. Sondern weil es interessant sein kann. Solche Gespräche zum Bestandteil meiner Vorstellungen zu machen hätte hingegen keinen Sinn. Warum auch? Bei Element of Crime erwartet doch auch niemand, dass wir nach einem Konzert auf die Bühne zurückkehren, um über unsere Musik zu reden.

So schlimm sind solche Fragen doch gar nicht. Ich stelle mal eine gängige: Welche Bücher und Schriftsteller lesen Sie gerne ?

Das geht Sie gar nichts an.

Wir möchten trotzdem mehr über Sven Regener wissen. Wir wollen Sie und das Buch besser verstehen.

Sie wollen mich verstehen? Das können Sie doch gar nicht. Es spielt für das Buch keine Rolle, ob meine Schilderungen authentisch sind oder nicht. Was bringt das? Ich musste an der Uni einmal ein Referat halten - über Alban Bergs Briefe an seine Frau. Was das soll, habe ich schon damals nicht verstanden. Diese Fragen nach dem Autor und seinem Leben sind Unsinn. Wenn Sie von Journalisten gestellt werden: Fragen auf Bunte-Niveau. Was zählt, ist einfach das Werk.

Die Frage nach Ihren persönlichen Erfahrungen liegt trotzdem nahe.

Jeder kann machen, was er will, und natürlich auch seine Autobiographie schreiben. Warum nicht. Ich will das nicht. Für mich wäre es ein Albtraum, eine öffentliche Figur zu sein.

Zur Person:

-Sven Regener kommt 1961 in Bremen zur Welt und wächst im Neubaugebiet Neue Vahr auf. Nach dem Abitur studiert er Musikwissenschaften in Hamburg und Berlin. Das Studium bricht er vorzeitig ab.

-1982 nimmt Regener seine erste Platte mit der Band Zatopek auf und stößt 1984 zu der Gruppe Neue Liebe. 1985 gründet er mit anderen die Berliner Band Element of Crime, für die er seither fast alle Liedtexte schreibt, singt und Gitarre und Trompete spielt.

-2001 erscheint Regeners erster Roman „Herr Lehmann“ über einen Berliner Barkeeper in Berlin-Kreuzberg im Herbst 1989. Das Buch verkauft sich mehr als eine Million Mal. Für das von Regener verfasste Drehbuch für Leander Haußmanns Romanverfilmung erhält er den Deutschen Filmpreis in Gold. 2004 erscheint das Prequel „Neue Vahr Süd“, das von Lehmanns Leben 1980 in Bremen und bei der Bundeswehr handelt.

-Sven Regener lebt in Berlin. Der letzte Band seiner Lehmann-Trilogie „Der kleine Bruder“ erscheint im September bei Eichborn, zeitgleich das Hörbuch bei Roof Music.

Interview von Matthias Hannemann

Quelle: F.A.Z.
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