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Im Gespräch: Reiner Stach : War Kafkas Leben kafkaesk?

  • -Aktualisiert am

Bild: Burkhard Neie/xix

Seit mehr als zehn Jahren arbeitet Reiner Stach an seiner großen Biographie über Franz Kafka, deren zweiter Teil soeben erschienen ist. Ein Interview über einen Dichter, der auch in seiner menschlichen Wahrhaftigkeit einzigartig war. Am 3. Juli wäre er 125 Jahre alt geworden.

          Seit mehr als zehn Jahren arbeitet er an seiner großen Biographie über Franz Kafka. Dennoch ist Reiner Stach ganz er selbst, als er die Tür zu seiner Wohnung in Hamburg-Eppendorf öffnet. Ein Langstreckenläufer, der zwischen den Etappen gern bei Kaffee und Kuchen pausiert. Auf den ersten Blick hat die Umgebung nichts Kafkaeskes, doch sobald Stach zu erzählen beginnt, sieht der Besucher ein Gespenst, das in der Ecke sitzt.

          Herr Stach, der erste Band Ihrer Kafka-Biographie erschien 2002. Pünktlich zum 125. Geburtstag des Autors am 3. Juli legen Sie nun den zweiten von insgesamt drei Bänden vor. Hätte sich Franz Kafka über dieses Geschenk gefreut?

          Als Geschenk wäre das natürlich eine zweischneidige Sache. Als Biograph rückt man Kafka ja sehr viel näher auf den Leib, als er das zu Lebzeiten von irgendjemandem geduldet hätte. Im zweiten Band, der die Jahre 1916 bis 1924 behandelt, geht es zum Beispiel um Kafkas Beziehung zu Milena Jesenská, über die er - abgesehen von seinem Freund Max Brod und seiner Schwester Ottla - wohl kaum jemandem Näheres erzählt hat. Dass eines fernen Tages jeder nachlesen kann, wie intensiv und verzweifelt seine Liebe zu Milena war - es ist sicher gut, dass er dies nicht vorhersehen konnte. Aber ich nehme an, dass er sich andererseits doch darüber gefreut hätte, dass sein Werk in der Weise gewürdigt wird, wie das heute der Fall ist. Ohne Stolz auf die eigene Leistung war auch dieser Autor nicht.

          Geboren am 3. Juli 1883: Franz Kafka
          Geboren am 3. Juli 1883: Franz Kafka : Bild: dpa

          In seinem Testament bestimmte Kafka, dass sein Nachlass, darunter die Tagebücher und Briefe, nach seinem Tod zu verbrennen seien und Privates somit nicht in fremde Hände gelangt. Bereits Max Brod hat diesen Wunsch missachtet. Worin liegt für Sie die Verantwortung des Biographen gegenüber Kafka?

          Man darf vor allem nicht so tun, als sei man mit Kafka per du - selbst wenn man noch so viel über ihn weiß. Seine Würde soll gewahrt bleiben, falsche Vertraulichkeit und Bloßstellungen um ihrer selbst willen sind tabu. Aber wenn ich sehe, wie Kafka sein Leben inszeniert, wie er übertreibt oder dieselbe Klage zum zehnten Mal wiederholt, kann ich natürlich schon mal sagen: „Okay, Junge, das genügt.“

          Kennen Sie Kafka besser als er sich selbst?

          Auf keinen Fall. Kafka hat sich und seine Strategien in hohem Maße durchschaut. Es ist ja gerade der Dreh, dass er die Selbstinszenierung, die er betreibt, und die Selbsttäuschungen, denen er erliegt, in seinem Werk wiederum thematisiert und dadurch auf eine neue Erkenntnisstufe gelangt. Er macht das Deuten selbst zum Thema: das bohrende Verlangen nach der Aufhellung eines zunächst dunklen Zustands, wozu auch die Verfassung der eigenen Psyche gehört.

          Gibt es einen Unterschied zwischen Ihrer Kafka-Biographie und dem „wahren Leben des Franz Kafka“, also eine tiefere Wahrheit, die sich der sprachlichen Darstellung entzieht?

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