Vor dem Hotel Sacher schüttet es. Henning Mankell aber steht die Farbe im Gesicht: Eben erst ist er aus Malawi nach Wien gekommen. Heute, erzählt er, erscheint sein neuer Roman „Der Chinese“ in sieben Ländern gleichzeitig. Der Autor ist selbst ganz beeindruckt.
Ihr Buch beginnt mit einem Massenmord in der schwedischen Provinz. Doch je weiter man liest, wird daraus ein politischer Roman über Chinas Rolle in der Welt. Waren Sie überrascht, wie aktuell er wirkt, so kurz vor den Olympischen Spielen?
Das Timing ist mir fast zu gut. Eigentlich sollte das Buch schon im Herbst erscheinen, aber ich war ein bisschen spät dran. Zudem gab es zu viele internationale Verlage, die das Buch noch am Tag der schwedischen Veröffentlichung herausbringen wollten. Das hat Zeit gekostet. Als mir dann klar wurde, wie nah wir an die Olympischen Spiele rückten, dachte ich: O nein, die Leute werden sagen, dass es geplant war. War es nicht. Ist aber auch egal. Bei der Frage, welche Rolle China künftig spielen wird, sind die Spiele nur eine Fußnote. Wir sprechen hier von der Zukunft. In der nächsten Generation werden wir chinesische Wörter in unserer Sprache haben. Wir sitzen hier mit fünf Menschen im Restaurant. Bald wird einer darunter immer ein Chinese sein.
Was gab Ihnen den Anstoß zur Geschichte über den „Chinesen“?
Der Gedanke daran kam mir zum ersten Mal vor etwa sechs Jahren, als China sich entschloss, der Regierung von Moçambique Geld zu geben, um eine Fabrik bauen zu dürfen. Sie brachten die Bauarbeiter und sogar ihren eigenen Zement mit. Allerdings beschäftigten sie auch afrikanische Arbeiter, und irgendwann kamen Gerüchte über einen Streik auf: Die Afrikaner protestierten, weil die chinesischen Vorarbeiter sie so schlecht behandelten und sogar schlagen würden. Das wurde aber vertuscht. Da fragte ich mich zum ersten Mal: Kann es sein, dass China im Kampf um die enormen Ressourcen Afrikas einen neuen Kolonialismus an den Tag legt? Von dort ging die Geschichte los, das war meine Frage.
Haben Sie eine Antwort darauf gefunden? Ihr Buch lässt das offen.
Ich hätte etwas falsch gemacht, wenn ich darauf eine eindeutige Antwort geben würde. Ich finde es einerseits gut, wie die Chinesen sich in Afrika engagieren, weil es die westliche Welt herausfordert. Andererseits müssen wir sehr genau hinsehen, was sie dort tun.
Sie fordern oft, dass Afrika mehr Geld braucht. Genau das gibt China dem Kontinent, es reicht aber offenbar nicht, um stabile Verhältnisse zu erreichen. Der Westen hat die Entwicklungshilfe immer an Bedingungen geknüpft.
Es stimmt, dass die chinesische Regierung sich einen Dreck darum kümmert, was in Darfur oder Zimbabwe passiert. Manchmal sind sie gezwungen, Stellung zu beziehen, aber im Grunde kümmert es sie genauso wenig, wie sie wollen, dass der Westen sich um die Menschenrechte in China kümmert. Das ist natürlich nicht gut. Andererseits spüre ich auch viel Heuchelei. Wer würde denn auf die Idee kommen, Olympische Spiele in den Vereinigten Staaten zu boykottieren, weil die sich so wenig für Menschenrechte einsetzen? Wenn es einen terroristischen Staat auf der Welt gibt, ist das Amerika. Außerdem glaube ich, dass der Westen neidisch auf den Erfolg der Chinesen in Afrika ist. Also kritisieren wir die Chinesen hintenherum. Was für eine Heuchelei. Um mit der Bibel zu sprechen: Wir sollten uns erst um den Balken im eigenen Auge kümmern.
Sie sind also gegen einen Boykott der Spiele?
Es ist lächerlich, dass manche Leute nicht zur Eröffnungsfeier gehen wollen, aber wohl zu den Wettbewerben. Erzählt mir doch nicht, dass das eine politische Tat wäre! Dann müssten wir auch sämtliche Sportveranstaltungen in den Vereinigten Staaten boykottieren.
Lassen Sie uns über Ihr Buch sprechen. Man neigt beim Lesen ja dazu, sich mit Romanfiguren zu identifizieren. Das fällt in Ihrem neuen Buch schwer, weil es so viele Hauptpersonen gibt, in Schweden, in China, im historischen Wilden Westen. Mit wem identifizieren Sie sich am stärksten?
Das war eine meiner Herausforderungen: den Roman ohne eine Figur als treibende Kraft zu schreiben. Wenn überhaupt, sind es die zwei Frauen: Hong, die chinesische Spitzenbeamtin, und Birgitta, die schwedische Richterin, die auf eigene Faust im Mordfall ermittelt. Als die beiden sich in Peking begegnen, versuchen sie, etwas über sich und ihr Leben herauszufinden. Ich hoffe, dass es möglich ist, von einer Figur zur nächsten zu springen. Am Ende wird sich der Leser aber wohl mit der Figur identifizieren, die überlebt.
Wer das ist, wird hier nicht verraten, das Buch ist ja ein Krimi - oder fängt zumindest so an. War das Absicht, den Leser mit einem Blutbad in die hochkomplexe Handlung zu locken?
Ich wusste von Anfang an, dass der Roman sehr kompliziert wird, also habe ich ihn wie chinesische Schachteln gebaut. Man fängt mit der größten an, und die Leute denken: Darum geht es. Dann öffnen sie die nächste und plötzlich tut sich etwas ganz anderes auf - und so geht das weiter und weiter mit jeder neuen Schachtel. Am Ende bleibt nur das Rätsel mit dem roten Band über, das am Tatort gefunden wurde, was sich keiner erklären kann. Aber wenn Sie mit Polizisten sprechen, werden die Ihnen sagen: So ist das, es bleiben immer lose Fäden übrig, wir können nicht alles lösen.
Ich habe eine Lösung für das rote Band, darf ich sie Ihnen verraten?
Bitte. Ich habe auch eine.
Dann erzählen Sie Ihre Lösung doch vielleicht zuerst?
ANTWORT: Nein, nein, ich verrate sie Ihnen nicht. Die bleibt ein Geheimnis.
Ich glaube, dieses rote Band ist die Blutspur, die Ihre Romanfiguren miteinander durch die Zeit verbindet und so den Roman zusammenhält: Er beginnt und endet mit Rache. Gleichzeitig liegt das Band wie zufällig am Tatort herum, unerklärlich wie die menschliche Natur und ihre Affekte.
Von fünf möglichen Punkten würde ich Ihnen dafür vier geben. Das ist zwar absolut nicht meine Erklärung, aber nicht schlecht. Wie gesagt, ich behalte meine für mich.
Schade. Aber es gibt doch eine Verbindung zwischen den beiden Chinesen, die am Anfang und am Ende Ihrer Zeittafel stehen, oder? Sie erzählen hier ja eine Familiengeschichte.
Eigentlich sind es sogar zwei Familiengeschichten: Die chinesische Familie und die der Richterin Birgitta sind auf böse Weise miteinander verbunden. Birgitta stößt durch den Massenmord auf ihre eigene Vergangenheit.
Ist die Familie für Sie eine politische Metapher? Die historischen Morde im Buch sind zwar Blutrache, daraus wird aber schnell die Mission, Landsleute zu rächen - nämlich die chinesischen Eisenbahnsklaven in Amerika.
Genau. Es war interessant, über einen schwedischen Auswanderer zu schreiben, der mit chinesischen Sklaven die Eisenbahnlinie durch Amerika baut. All diese Geschichten leben noch heute mit uns. Vielleicht handelt mein Buch auch davon: dass wir unsere Gegenwart nicht verstehen, wenn wir unsere Vergangenheit nicht verstehen. In ein paar Jahren wird China die Vereinigten Staaten als Wirtschaftsmacht überholen. Das wird enorme Konsequenzen für jeden von uns haben.
Wie so oft zeichnen Sie in Ihrem Buch ein desolates Bild der Menschheit. Schuld und Rache treiben die Story voran.
Klar, aber in was für einer Welt leben wir denn auch? Vor fünfunddreißig Jahren bin ich nach Maputo gegangen. Wenn ich heute durch Afrika reise, sehe ich, dass es immer nur schlimmer geworden ist und nicht besser. Macht mich das zum Zyniker? Nein! Nur, wenn ich das Gegenteil behaupten würde. So viel Leiden hätten wir im Laufe meines Lebens schon beenden können, aber wir haben es nicht getan. Und warum? Wir treffen Entscheidungen eben lieber aus Eigeninteresse als aus Nächstenliebe.
Wie zeigt sich das in Afrika?
Wir sagen ständig, dass wir den afrikanischen Agrarprodukten auf die westlichen Märkte helfen müssen. Heute unterstützt die EU ihre Bauern allerdings pro Tag mit so viel Geld, wie sie den afrikanischen Bauern im Jahr geben. Und wenn man die Politiker darauf hinweist, dass sie ihr Versprechen gebrochen haben, geben sie einfach ein neues. Ich bin ein Optimist, aber so was bringt mich manchmal um den Schlaf.
Wenn man Ihr Buch liest, glaubt man nicht mehr daran, dass es das überhaupt gibt: den guten Menschen.
Es ist schwer, wenn wir in einer freien Marktwirtschaft leben, die ohne Solidarität auszukommen glaubt. Diese Solidarität war die Stärke der Chinesen - bis vor zwanzig Jahren. Vielleicht ist ja Hong die Heldin des Buchs.
Weil sie sich gegen den kapitalistischen Raubbau der Chinesen in Afrika sträubt?
Weil sie sagt: Tun wir, was wir tun müssen, aber bewahren wir uns die Solidarität. Mein Buch ist düster, aber ich schließe nicht alle Türen zum Guten.
Hong gehörte allerdings auch zur maoistischen Führungselite. Sie hat die Greuel der Kulturrevolution mitverantwortet und trägt diese Schuld mit sich herum.
Ja, aber wie viele Menschen, die hier im Hotel Sacher sitzen, haben Verwandte, die bei den Nazis waren? Wir können Schuld nicht aus der Welt schaffen. Wir müssen uns damit auseinandersetzen.
Das Jahr 1968 ist ein weiteres großes Thema in Ihrem Roman. Rechnen Sie auch mit Ihrer eigenen Generation ab?
1968 war ich zwanzig Jahre alt. Ich habe nie Gedichte für Mao geschrieben. Ich bin sehr froh, in dieser Zeit aufgewachsen zu sein, weil wir gelernt haben, wie man sich politisch engagiert. Ich war nie an den lächerlichen Dingen beteiligt, für die sich Birgitta eingesetzt hat: eine bewaffnete Revolution in Europa loszutreten. Birgitta und ihre Freunde waren so dämlich wie die Baader-Meinhof-Bande. Diese Leute waren meine politischen Feinde, weil ich an Solidarität geglaubt habe. Vielleicht muss Birgitta mit ihrer Generation ins Reine kommen, nicht ich. Aber ich nehme trotzdem an, dass ich viele Leserbriefe bekomme.
Wie werden die Leute überhaupt auf Ihr Buch reagieren?
Ein paar Leute werden sich ärgern, weil ich Mao verteidige - und Robert Mugabe. In Europa versteht man nicht, in welchem Dilemma Mugabe noch bis vor ein paar Jahren mit den weißen Farmern in Zimbabwe steckte. Heute scheint er ein Wahnsinniger zu sein, damals war er es aber nicht.
Für Mugabe könnte gelten, was Sie in Ihrem Buch über die Chinesen schreiben: Man würde erwarten, dass jemand, der so gelitten hat, die Fehler seiner Gegner nicht wiederholt.
Darum geht es doch gar nicht. Mugabe war ein sehr kluger Befreiungspolitiker. Seit er 1980 ins Amt kam, hat er die weißen Farmer immer wieder aufgefordert, mit ihm gemeinsam an der Landreform zu arbeiten. Aber die Weißen haben darauf nicht reagiert, und das ging so lange, bis es eben nicht mehr ging. Was danach aus ihm wurde, ist lächerlich, da würde ich ihn nie verteidigen. Aber eines der Probleme, die Afrika hat, ist die Berichterstattung der westlichen Massenmedien. Sie beklagen die getöteten weißen Farmer - aber wer klagt über all die besitzlosen Menschen, die jahrelang auf einen kleinen Flecken Land gewartet haben?
Wenn Sie heute am Schreibtisch sitzen, fühlen Sie sich da noch wie ein Schriftsteller? Sie hören sich eher wie ein Botschafter Afrikas an.
Ich habe nie gesagt, dass ich ein Afrikaexperte bin. Aber ich kann ein anderes Bild vermitteln: Die westlichen Medien erzählen nur davon, wie Afrikaner sterben, nicht wie sie leben. Das möchte ich erzählen.
Sie sehen sich inzwischen also selbst als politischen Autor?
Das bin ich immer gewesen! Die meisten Schriftsteller, die Wirkung hatten, waren in gewisser Weise politische Schriftsteller, ob ich das bin, Günter Grass oder Thomas Mann. Auf meiner Agenda steht der Zorn über die Situation in Afrika - und der kleine Traum, dass die Welt ein besserer Ort werden kann.
Sie sprechen oft vom Zorn. Leben Sie ihn mit den Rachefeldzügen in Ihren Büchern aus?
Wie gesagt, ich wache morgens oft auf und bin wütend, weil so viel Leid überflüssig ist. Wir hätten es schon gestern aus der Welt schaffen können, aber wir haben uns dagegen entschieden. Auf dieser rationalen Erkenntnis gründet mein Zorn. Ich muss daran glauben, dass die Menschen irgendwann aufgeklärt und rational handeln werden, und es tut mir weh, dass sie es noch nicht tun. Meine Antwort auf den Zorn ist also sehr rational. Ich werfe nicht mit Tassen, sondern mit Worten.
Zur Person
Henning Mankell wird am 3. Februar 1948 in Stockholm geboren. Er bricht mit sechzehn die Schule ab, fährt zur See, geht ans Theater und beginnt Mitte der Siebziger zu schreiben.
Weltberühmt wird Mankell mit seinen Kriminalromanen über Kommissar Wallander. Sie werden in dreißig Sprachen übersetzt, millionenfach verkauft - und verfilmt: Demnächst wird der englische Starschauspieler Kenneth Branagh den schwermütigen schwedischen Ermittler spielen.
1972 kommt Mankell zum ersten Mal nach Afrika, heute lebt er die Hälfte des Jahres in der mosambikanischen Hauptstadt Maputo, wo er ein Theater aufgebaut hat und leitet. In mehreren Büchern hat Mankell auf das Leiden des afrikanischen Kontinents aufmerksam gemacht, derzeit dreht er für das ZDF eine Dokumentation.
„Der Chinese“, Mankells neuer Roman, ist Familiengeschichte, historischer Roman und Politthriller in einem und soeben in der Übersetzung von Wolfgang Butt im Zsolnay Verlag (450 S., geb., 21,50 Euro) erschienen.
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