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Ilija Trojanows Selbstversuch : Die Schönheit des Sports wird der Rendite geopfert

Deutscher Schriftsteller bulgarischer Abstammung: Ilija Trojanow im September 2015 in Hamburg Bild: dpa

Sein Parcours durch achtzig olympische Disziplinen weckt sportliche Erinnerungen aus vergangenen Zeiten: Der Schriftsteller Ilija Trojanow stellt einen literarischen Selbstversuch an.

          Das Unterbewusste ist ein erstaunlicher Speicher. Irgendwo in diesem offenbar behaglichen Rückzugsraum ist er nämlich noch, der Mensch, der sich nach der hoffnungsvollen, sportlich bewegten Jugend schlummern gelegt hat, ein bisschen beleidigt, weil es plötzlich so viel Wichtigeres gab. Im Büro sitzen, zum Beispiel. Essen, trinken, schlafen. Im Büro sitzen. Essen, trinken, schlafen, im Büro sitzen, ein Abo im Fitnessstudio abschließen, einen Laufplan machen, im Büro sitzen. Fitnessstudio kündigen, Laufplan vernachlässigen. Essen, trinken.

          Und plötzlich, kurz vor dem Einschlafen, meldet sich der alte Reflex, weil der Spieler in uns doch gar nicht döst, sondern mitliest. „Die tiefe Körperstellung und das Tänzeln auf den Fußballen bedeutet ständige Anspannung und Bewegung. (...) Je besser man wird, desto eher sieht man den Ball und nicht die Geschwindigkeit des Balls. Tranceartig, (...) völlige Versenkung, reine Schlagbewegung.“ Ja!, blökt der Spieler aus dem Unterbewusstsein, plötzlich aufgekratzt. Ja! Völlige Versenkung! Reine Schlagbewegung! Das waren wir, du und ich. Und wir waren ein gutes Team. Kreissporthalle, vor zwanzig Jahren. Those were the days! Gerade beim Tischtennis.

          Sicher ist es fast ein bisschen anmaßend, was Ilija Trojanow in seinem morgen erscheinenden Buch mit dem sportlichen Spieler im Unterbewussten des Lesers macht. Muss er ihm denn auch noch sagen, dass noch so viel mehr drin ist? „Meine Olympiade. Ein Amateur, vier Jahre, 80 Disziplinen“ heißt das Protokoll zu dem Zeitvertreib, dem Trojanow nachging, nachdem die Olympischen Sommerspiele von London 2012 zu Ende gegangen waren. Achtzig Disziplinen im Selbstversuch, also alle, in denen bei Sommerspielen Medaillen vergeben werden, abgesehen von den Mannschaftswettbewerben.

          Keineswegs eine Erfolgsgeschichte

          Aber Trojanows Erlebnisbericht ist dann eben doch nicht anmaßend, sondern immer wieder ganz wunderbar. Er trainiert etwa Tischtennis in der Wiener Josefstadt – wie überhaupt Wien, wo Trojanow lebt, wenn er nicht gerade reist, eine Hauptrolle in dieser Amateurkarriere – und zieht sich dazu mit „meist älteren Herren“ um, die „elastische Hosen über ihre Bierbäuche stülpen“: Und prompt ist er wieder da, die Erinnerung an diesen einzigartigen Geruch, den die Sporthallen allerorts bieten.

          Und so dürfte beim Lesen von Trojanows Reise durch die Welt der olympischen Sportarten ein Instinkt bei fast jedem geweckt werden, in dem sportliche Erinnerungen noch lebendig sind. Ein Bewegungsablauf vielleicht, im besten Fall, oder ein Geruch, die Erinnerung an einen Endorphinschub, der Gedanke an einen Schmerz, an grauenvolle Turnstunden. Wer je in einer Turnstunde gescheitert ist, kann schließlich nicht behaupten, es wären nur gute Momente in Erinnerung geblieben. Der Autor nimmt das Risiko dieses sehr speziellen Scheiterns zwischen Ringen, Reck und Pauschenpferd ein zweites Mal auf sich. Es wird nicht besser. Auch das Kapitel Leichtathletik liest sich – mit Ausnahme des abschließenden Zehnkampfs – nicht, als sei Liebe im zweiten Anlauf entstanden.

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