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: Ihr wart Hitlerianer

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Die Trilogie "Die Zugereisten" von Lojze Kovacic (1928 bis 2004), wohl das bedeutendste Romanwerk, das die slowenische Literatur im ausgehenden zwanzigsten Jahrhundert vorzuweisen hat, liegt nun vollständig in deutscher Übersetzung vor. Man kann Klaus Detlef Olof für seine übersetzerische Tat nicht ...

          Die Trilogie "Die Zugereisten" von Lojze Kovacic (1928 bis 2004), wohl das bedeutendste Romanwerk, das die slowenische Literatur im ausgehenden zwanzigsten Jahrhundert vorzuweisen hat, liegt nun vollständig in deutscher Übersetzung vor. Man kann Klaus Detlef Olof für seine übersetzerische Tat nicht genug danken, gelang es ihm doch, den schwierigen Prozess überzeugend einzufangen, den der deutsch-slowenische Romanheld zu durchkämpfen hat, ehe er, der Heimatlose, in der komplizierten slowenischen Sprache, indem er sie sich zu eigen macht, endlich seine Heimat findet.

          Kovacics Roman handelt von jenem Grundphänomen des vergangenen Jahrhunderts, das in letzter Zeit mit der antiseptischen Vokabel "Migration" umschrieben wird: Vertreibung und Flucht, Zwangsumsiedlung, Zuwanderung, Asyl. Gewiss, der Roman zeichnet die Entwicklung des kleinen Bubi Kovacic nach, eine Entwicklung, die ihren Ausgang aus armseligsten Verhältnissen der zugewanderten Familie nimmt und damit endet, dass der autobiographische Held seinen Weg in die slowenische Literatur nimmt. Doch sind alle Etappen durch die Spannung zwischen der aus der Schweiz zugereisten Familie und der slowenischen Umwelt, in die sie hineingeriet, bestimmt.

          Dass und wie sich diese Spannungen von der Ankunft der Familie 1938 bis zu ihrer Zwangsausweisung aus Slowenien 1945 als Sprachfremdheit, als simples Nicht-verstehen- und Nicht-reden-Können, erweisen, ist wohl noch nie und schon gar nicht mit solch luzidem Zugriff literarisch gestaltet worden. Als einzigem aus der Familie gelingt es dem Knaben Kovacic, sich in die fremde Sprache hineinzuretten. Er ist fasziniert von dem lexikalischen Reichtum, wie er im Wörterbuch von Pletersnik, der "Vorratskammer des gesamten slowenischen Sprachguts", niedergelegt ist, der grammatikalischen Archaik und den dialektalen Nuancen des Slowenischen - und wird zum slowenischen Schriftsteller.

          Der Roman ist auch ein Familienroman. "Vati" Kovacic war nach 1900 aus Krain in die Schweiz ausgewandert, hatte eine Deutsche geheiratet, prosperierte zuerst als Kürschner in Basel, ehe er bankrottierte und, zahlungsunfähig, aus der Schweiz ausgewiesen wurde. Die Familie lebte dann an verschiedenen Orten in Slowenien, von Verwandten aufgenommen, dann wieder verstoßen. Vater und Schwester Clairie mit ihrem unehelichen Kind fanden keine rechte Arbeit. Die Mutter blieb fremd in dieser Welt. Man verzog von einer Notunterkunft in die andere, die Lebens- und Wohnverhältnisse waren unbeschreiblich - und dennoch beschreibt sie Kovacic mit genauen, nachdenklichen Worten. Seine Sätze enden oft mit offenen drei Punkten. Der Tod des Vaters erschütterte den Knaben so, dass er niederzuschreiben begann, was er erlebt hatte.

          Schließlich fängt der Roman die Zeitgeschichte ein, die Umbrüche zwischen 1938 und 1948, den Zweiten Weltkrieg, der Jugoslawien mit Verspätung erreichte, die italienische Besetzung Ljubljanas, der im Sommer 1943 die deutsche folgte, die "Befreiung" des Landes durch die Partisanen im Mai 1945, die Gewaltaktionen zur sozialistischen Umgestaltung Jugoslawiens bis zur Informbüro-Krise. Kovacic schildert all dies aus der Perspektive des unentschiedenen, hin- und hergerissenen, nirgends voll zugehörigen Betrachters. Wie der glücklose "Vati" seine Hoffnungen zuerst auf Hitler und die Nationalsozialisten setzt, für Deutschland optiert und dann die Option wieder rückgängig macht; wie die Jungen das deutsche Militär bewundern und das italienische verachten; wie sie schwanken zwischen der slowenischen Heimwehr, die die Deutschen unterstützt, und den Partisanen, die aus dem Wald vordringen - das alles ist atmosphärisch dicht eingefangen. Als die Partisanen siegreich in die Stadt einmarschieren, beginnt für die Zugereisten die größte Not. Sie sind nun Freiwild, das zwangsweise mit einem Transport nach Österreich abgeschoben wird. Nur der Held bleibt in Ljubljana zurück und versucht, sich als Journalist und Schriftsteller durchzuschlagen.

          Kovacic beschreibt in einer großartigen Passage die unbändige Begeisterung, mit der die Partisanen in Ljubljana von den Massen empfangen werden. Die Familie flieht in die Menge, wo sie sich sicher fühlt, solange sie niemand erkennt und kein Wort Deutsch über ihre Lippen kommt. Solche erschütternde Szenen begegnen immer wieder.

          Bubis früh erwachte erotische Empfänglichkeit findet in jeder Situation Betätigung und Bestätigung. Liebesgeschichten, die ihn bald langweilen oder denen er nicht gewachsen ist, wechseln im Fluge. Sie bilden den Kontrapunkt zu seinem literarischen Vorantasten. Noch vor Kriegsende wird er dem greisen Dichter Oton Zupancic vorgestellt. Nach dem Krieg zeigt sich, dass sein dichtender Freund Vid der Sohn des neuen Staatspräsidenten ist (gemeint ist offensichtlich Josip Vidmar). Zwischen seiner Obdachlosenunterkunft und der Prunkvilla des neuen Machthabers pendelt Cicavok, wie man ihn inzwischen hänselt, hin und her. Er nimmt an den großen sozialistischen Bauvorhaben in Slawonien, Bosnien und Makedonien teil, berichtet aus den sozialisierten Betrieben. Nur wenn er auf Dienstreise ist, findet er ein warmes Bett und ein trockenes Dach. Fast sieht es schon so aus, als wäre er als Schriftsteller arriviert, da holt ihn die Vergangenheit wieder ein: "Ihr wart Hitlerianer . . ."

          Kovacic, der Autor, schildert Kovacic, seinen Helden, wie er seiner Neugier, seinen Impulsen nachgeht, wie er gegen Vereinnahmungen und Schablonen kämpft. Am Schluss entschuldigt er sich beim Leser: "Weil das kein Roman ist, kann ich an meinem Helden leider nichts verändern. Meine einzige Rechtfertigung dafür, dass ich über mich selbst erzählt habe, ist, dass ich mich quasi verdoppelt und so über jemand anders gesprochen habe. Das setze ich als Entschuldigung hierher. Ich weiß allerdings nicht, ob das nicht nur vorgeschützt ist. Auf der anderen Seite ist es aber auch wahr, dass jeder Einzelfall, auch meiner, interessant ist. Das Universum eines jeglichen Wesens, einer Ameise zum Beispiel, ist aufregend. Das Universum eines jeden ist universell ..."

          Kovacics "Zugereiste" sind ein solches Universum, privat und historisch, konkret und allgemein: ein Stück subjektiv erfahrenen Lebens.

          REINHARD LAUER

          Lojze Kovacic: "Die Zugereisten I-III". Roman. Aus dem Slowenischen übersetzt von Klaus Detlef Olof. Drava-Verlag, Klagenfurt, 2004-2006. 3 Bde., 319 S., 344 S., 596 S., geb., zus. in Kass. 59,- [Euro]. Die Bände sind auch einzeln erhältlich.

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