http://www.faz.net/-gr3-8xv56

Ian Buruma: „Ihr gelobtes Land“ : Nur einer entkam dieser Familie

  • -Aktualisiert am

Zerbrechliches Idyll: Familienferien in der Schweiz. Bild: Privatarchiv Ian Buruma

In seinem neuen Werk „Ihr Gelobtes Land“ rekonstruiert Ian Buruma das Leben seiner Großeltern anhand von Briefen – und vernachlässigt dabei ausgerechnet das berühmteste Familienmitglied.

          Das Gattungsrisiko von Familienmemoiren besteht darin, dass genau die Erinnerungen, die dem Autor am teuersten sind, seinen Lesern auf den ersten Blick gar nichts bedeuten. Man freut sich für Autor oder Autorin, dass die Tante nett war, gut roch und Vertrauen ausstrahlte. Aber es ist einem halt auch herzlich egal. Es sei denn, es gelänge dem Autor, die soziologische, historiographische, psychologische Relevanz seiner Lebenserinnerungen dem Publikum plausibel zu machen.

          Zwar ist auch ein Leben, in dem nichts Spektakuläres passiert, immer auch für den Zustand der jeweiligen Gesellschaft bedeutsam und deshalb ein lohnender literarischer Gegenstand. Aber die Erinnerung an Onkel und Tante, Geburtstag und verschneite Kinderweihnacht allein macht ein vergangenes Leben noch nicht lesenswert. Literarisch erfolgreiche Bücher dieses Genres orientieren sich deshalb – wenn man es mit Walter Benjamin sagen will – an der Figur des „historischen Materialisten“, von dem es in den „Thesen über Geschichte“ heißt, er überlasse „es andern, bei der Hure ,Es war einmal‘ im Bordell des Historismus sich auszugeben. Er bleibt seiner Kräfte Herr: Manns genug, das Kontinuum der Geschichte aufzusprengen.“

          Das Cover von Ian Burumas Buch: „Ihr Gelobtes Land“. Die Geschichte meiner Großeltern.
          Das Cover von Ian Burumas Buch: „Ihr Gelobtes Land“. Die Geschichte meiner Großeltern. : Bild: Carl Hanser Verlag

          Der Holländer Ian Buruma ist Professor am berühmten Bard College, eine Autostunde von New York entfernt, seit kurzem Chefredakteur der liberalen intellektuellen Zeitschrift „The New York Review of Books“, Sinologe und Autor wichtiger Bücher über Japan, Film, Theologie, das Jahr 1945 und über das Leben und die Ermordung Theo van Goghs durch einen islamistischen Attentäter 2004 in Amsterdam. Jetzt hat er seinen Großeltern Bernard und Winifred Schlesinger, deren Vorfahren aus Deutschland eingewandert waren und in der Londoner City Karriere gemacht hatten, ein Erinnerungsbuch gewidmet.

          „Es ist die alte Einwanderergeschichte – Assimilation als Zeichen von höherer Bildung und Wohlstand“, schreibt Buruma. Er schildert – ausgehend von verklärten Erinnerungen an seine Kindheitsbesuche bei Opa und Oma in Woodlands Saint Mary in Berkshire – die Geschichte einer jüdischen Familie, in der die üblichen bildungsbürgerlichen Rituale, Ressentiments und Sensibilitäten die vorschriftsmäßige Rolle spielen: liberal-konservative politische Einstellungen, ein eher indifferentes, „unmusikalisches“ Verhältnis zur Religion, Patriotismus, Familiensinn, Konventionalität und kultische Verehrung jeder Form von Kultur, vor allem der Musik.

          Moralisch wünschenswert, poetisch unergiebig

          Winifred ist eine begabte Geigerin und Gärtnerin, Bernard ein Arzt, der beide Weltkriege als britischer Soldat und Militärarzt durchsteht. Die quälend lange Verlobungszeit, die strapaziöse innerliche Auseinandersetzung mit dem britischen Antisemitismus, das Engagement des Paars für die jüdischen deutschen Kinder, die in den späten dreißiger Jahren mit den sogenannten „Kindertransporten“ nach Großbritannien kamen, die langen Trennungen, die durch Briefe (Buruma zitiert sie ausführlich) überbrückt werden, die herzlose Enttäuschtheit der Eltern über ihren ältesten Sohn John, der als Filmregisseur von „Sunday, Bloody Sunday“ und „Marathon Man“ das erfolgreichste Familienmitglied werden wird.

          Kaum eines der Ereignisse, die Buruma schildert, kann ein intensiveres ästhetisches oder dokumentarisches Interesse beanspruchen als ein durchschnittliches Familienfotoalbum. Erst spät wird deutlich, warum uns das alles erzählt wird. Ein Brief Bernard Schlesingers aus dem Kriegseinsatz in Indien besingt die „Heimaterde von Berkshire“, in der Winifred derweil gärtnert und sich um ihren Mann und um ihr Altwerden Sorgen macht. Der Enkel kommentiert: „Dennoch glaube ich, dass die Lobgesänge an die Scholle von Berkshire mehr waren als ein heimeliges Sicherheitsgefühl, nämlich Ausdruck des tiefen Bedürfnisses, ins Idyll eingebettet zu sein – anders als manche Sektierer glauben, ein Beweis dafür, dass niemand hartnäckiger an neu gepflanzten Wurzeln festhält als der patriotische Einwanderer oder sein Nachwuchs: unter der Voraussetzung natürlich, dass sie sich akzeptiert fühlen.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.