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: Ich will die Eskalation!

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Also der Bart ist wirklich ganz erstaunlich. Hinten auf dem Foto im Umschlag seines neuen Romans sieht man noch den alten Andreas Maier. Extremkurzfrisur, modisch leicht unrasiert, freundlich-kühler Blick - ein deutsches Schriftsteller-Modell. Und jetzt also: der Herr, den Sie da oben auf dem Foto in einer Frankfurter Kulturinstitution mit landesüblichem Getränk stehen sehen.

          Also der Bart ist wirklich ganz erstaunlich. Hinten auf dem Foto im Umschlag seines neuen Romans sieht man noch den alten Andreas Maier. Extremkurzfrisur, modisch leicht unrasiert, freundlich-kühler Blick - ein deutsches Schriftsteller-Modell. Und jetzt also: der Herr, den Sie da oben auf dem Foto in einer Frankfurter Kulturinstitution mit landesüblichem Getränk stehen sehen. Der Schriftsteller Andreas Maier hat sich verwandelt. Und bevor Sie jetzt denken: "Was geht mich der Bart vom Maier an? Wie sein Buch ist, will ich wissen!", erklären wir schnell: sein neues Buch ist auch sehr bärtig. Und nicht irgendwie zufällig zottelbärtig. Sondern widerborstig bärtig, im Widerspruch zu dieser unbärtigen Gegenwart, zu diesem unbärtigen Land.

          Der neue Roman von Andreas Maier heißt "Sanssouci" und spielt in Potsdam. Der Frankfurter Maier wurde vor ein paar Jahren zum ersten Stadtschreiber Potsdams gewählt, war aber, wie es heißt, mit seiner Unterbringung im Plattenbau und mit den Manieren der örtlichen Kulturbürokraten nicht glücklich und verließ den ungastlichen Ort schnell wieder. "Schriftsteller will Schloß statt Platte", empörte sich die lokale "Bild"-Ausgabe auf Seite eins. Jetzt hat Maier zurückgeschrieben. Ein Potsdam-Roman, ein Roman aus der Hölle der Gegenwart.

          Es beginnt mit einer Beerdigung. Der Frankfurter Regisseur Max Hornung ist tot. Er hatte die unglaublich erfolgreiche Fernsehserie "Oststadt" gedreht. Eine Art Lindenstraße des Ostens, mit dem bösen Blick auf die ostdeutsche Gegenwart, wie sie sich in dieser ungenannten Stadt unserer Zeit darstellt. Doch Oststadt ist Potsdam, es wird in Potsdam gedreht, die Bürger nehmen als Statisten und mit kleinen Rollen teil, die Probleme sind Potsdamer Probleme, die Minderwertigkeitskomplexe der Oststädter sind die der Potsdamer. Die Serie hat die Stadt beinahe zerrissen. Stolz auf die landesweite Berühmtheit auf der einen Seite und auf der anderen die Peinlichkeit, bis zur Erkenntlichkeit verzerrt dargestellt zu werden, zehren an den Nerven der Potsdamer Bürger.

          Und der Verursacher von all dem ist tot. Er wird in seiner Heimatstadt am Main beerdigt. Einige seiner Opfer und Freunde treffen sich am Grab. Es kommt zu Provokationen, ein russischer Mönch will sich zwischen die Potsdamer Kämpfer werfen, doch der Angegriffene ruft dem Schlichter zu: "Lassen Sie ihn mich schlagen, los, lassen Sie ihn! Nur die Eskalation zeigt die Wahrheit, und ich will die Eskalation, ich will sie unbedingt!"

          Es ist Arnold, der da spricht, die männliche Hälfte eines jungen diabolischen, freizügigen Zwillingspaares, die in der Fernsehserie die sogenannten "Richter"-Zwillinge spielen, Entscheider zwischen Gut und Böse und die in Maiers Roman die Rolle teuflischer Brandbeschleuniger übernehmen, die die dunkelsten Leidenschaften der Potsdamer ans Tageslicht bringen, die verborgenen Triebe, Konflikte, Seelenleiden explodieren lassen. Die Narben, die sie bei diesen Explosionen der Leidenschaften dabei davontragen, tragen sie mit Stolz. Arnold lässt Chemikalien in seine offenen Wunden träufeln, die ihm in den Katakomben der Stadt zugefügt wurden, damit die Narben tiefer, roter, dramatischer werden. Er will die Eskalation! Er will die Wahrheit!

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