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: Ich weiß nicht, wer ich bin

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Eines Abends liegt es plötzlich auf der Bettdecke, ein trauriges Kerlchen, das von gar nichts weiß. Jedenfalls sagt es das dauernd mit leiser Stimme, egal, welche Frage man ihm stellt: "Weißnich". Wir Leser immerhin wissen, woher es kam, wir sahen zu, wie es aus seiner Geschichte fiel, weil es über die Linie kletterte.

          Eines Abends liegt es plötzlich auf der Bettdecke, ein trauriges Kerlchen, das von gar nichts weiß. Jedenfalls sagt es das dauernd mit leiser Stimme, egal, welche Frage man ihm stellt: "Weißnich". Wir Leser immerhin wissen, woher es kam, wir sahen zu, wie es aus seiner Geschichte fiel, weil es über die Linie kletterte. "Nicht über die Linien!" riefen seine Eltern noch, doch da fiel es schon, heraus aus seinem Comic, hinab und hinein in die Geschichte eines spitznasigen Mädchens mit wirren dünnen Haaren, das sich gerade zum Schlafen fertig machte.

          Daß dieses kleine Fall- und Findelkind tatsächlich gar nichts weiß, rührt das Mädchen, dessen Namen wir nicht erfahren. Entzückt nimmt sie sich des Kleinen an. Auf jemanden zu treffen, der klein und hilflos ist und die Unwissenheit in Person, kann eine Freude sein, speziell für Kinder. Auch der Betrachter des Buches erlebt und genießt zu Anfang diese Freude des Besserwissens. Allerdings dauert dieser Zustand nicht an. Das genießt er dann noch mehr.

          Die niederländische Kinderbuchautorin und -zeichnerin Joke van Leeuwen schreibt nicht jedes Jahr ein neues Buch; es liegt immer eine so lange Zeit dazwischen, daß man erleichtert ist, wenn wieder etwas Neues kommt. Und jedesmal ist es wirklich etwas ganz Neues und zugleich eine Wiederbegegnung. Joke van Leeuwen macht es mit ihrem Gesamtwerk so wie mit jedem einzelnen Buch, das sie herausbringt: Sie erzählt eine immergleiche Geschichte auf so viele verschiedene Arten und Weisen, daß man am Ende zwar nicht genau weiß, welche nun die eigentliche Geschichte ist. Aber eines ist gewiß: Es gibt unendlich viele Möglichkeiten - angenehme und weniger angenehme -, es kann alles passieren, und man hat immer eine Wahl. Die immergleiche Geschichte der Variationsmeisterin Joke van Leeuwen handelt vom Verlorengehen und Gefundenwerden, vom Sichkümmern und Einanderversorgen, vom Glück, gebraucht zu werden, und von dem schwierigen, befreienden und kühlen Moment, in dem dieses Glück endet. Außerdem geht es immer um die große Freiheit der Entscheidung. Joke van Leeuwens Figuren sind in dieser Hinsicht sehr gelassen und genehmigen sich stets ein ausführliches, geradezu genießerisches Hin und Her.

          Dies alles erleben wir nun auch wieder in "Weißnich". Wie aber Joke van Leeuwen in ihrem nächsten Kinderbuch noch einmal etwas Neues machen will, das wissen wir so genau, wie Weißnich etwas weiß. Denn mit ihm hat sie alles, was sie bisher schon quirlig und verspielt genug in Wort und Bild zu Papier brachte, auf die Spitze getrieben. Die Geschichten prasseln nur so auf ihn und seine kleine Fürsorgerin im grünen Kleid ein. Da nämlich Weißnich aus einer Geschichte herausgepurzelt ist, die mit "Es war einmal . . ." begann, geht jetzt eine Suche durch die vielen Geschichten los, die diesen Anfang haben - und wenn man bedenkt, wie viele es davon gibt, dann sind die mehr als vierzig, die die beiden zusammen besuchen, ja eher eine geringe Anzahl. Für den Leser aber ist es ein Feuerwerk.

          Schon in der zweiten Geschichte, in der die beiden landen, gibt es Übergriffe auf die suchenden Besucher. Es wird nicht das letzte Mal sein. Hier geht es um die Farbe. "Es hat Farbe! FAAAAARBE!" brüllen die grauen Gestalten und stürzen sich wie Verhungernde auf Weißnich und seine Beschützerin. Genauso stürzt Joke van Leeuwen, die bisher immer nur die feinsten Bleistiftkritzelzeichnungen miterzählen ließ, sich hier auf die Farbe und ihre Möglichkeiten in der Umgebung von Buchstaben. Wir sehen Comics, Bilderrätsel, Handschriftliches (mit vielen Durchstreichungen), wir sehen alte Fotos und vom Weinen zerlaufende Buchstaben. So souverän und inhaltlich zwingend spielt sonst kein Kinderbuch mit der Verbindung von Bildern und Wörtern, obwohl es gerne versucht wird. Dann erhalten wir nette, schmucke Coffeetablebooks für Kleine und mehr noch für kindliche Große. Hier dagegen hat das Zauberhafte seinen Sinn, und es gibt nicht nur Nettes. Entsetzlich die Geschichte, in der "Der-aus-Bleistift" die beiden Besucher warnt vor dem Ausradiertwerden, dem großen Löschen und Entfernen, das er kommen sieht - und dann kommt es über ihn, als großer Schatten einer Hand mit Radierer. "Seid ihr so beabsichtigt?" fragt er, als er noch einen Mund zum Fragen hat, denn er weiß, er ist es nicht.

          Weißnich antwortet wie üblich. Er ist viel weniger als seine Begleiterin an all den Geschichten interessiert, er will nur seine eigene wissen und weitertreiben, wie so viele von uns. Und auch er findet heim. Als das Mädchen ebenfalls wieder zu Hause ist, wollen seine Eltern ihm eine Geschichte erzählen. "Wovon soll sie handeln? Weißnich, sagte ich. Das ist nicht viel, sagte mein Vater. Doch, sagte ich." Und da hat sie zutiefst recht.

          MONIKA OSBERGHAUS

          Joke van Leeuwen: "Weißnich". Aus dem Niederländischen übersetzt von Hanni Ehlers. Gerstenberg Verlag, Hildesheim 2005. O. P., geb., 13,90 [Euro]. Ab 4 J.

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