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: Ich tritt ein anderer

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Der Mont Aigoual ragt im Süden der Cevennen in den Himmel, sein Gipfel liegt 1567 Meter über Seehöhe. Die Bergspitze ist der Ort mit der größten Niederschlagsmenge Frankreichs. Durchschnittlich 170 Regentage pro Jahr, an 241 Tagen herrscht auf dem Gipfel Nebel, an 140 Frost, und 116 Tage ist er schneebedeckt.

          Der Mont Aigoual ragt im Süden der Cevennen in den Himmel, sein Gipfel liegt 1567 Meter über Seehöhe. Die Bergspitze ist der Ort mit der größten Niederschlagsmenge Frankreichs. Durchschnittlich 170 Regentage pro Jahr, an 241 Tagen herrscht auf dem Gipfel Nebel, an 140 Frost, und 116 Tage ist er schneebedeckt. 265 Tage im Jahr weht starker Wind, die höchste Windgeschwindigkeit, welche die dortige Wetterstation verzeichnete, lag am 6. November 1966 bei 335 Kilometern pro Stunde. Kein richtig guter Ort für ein Radrennen. Aber auch hier gilt: Je selektiver der Kurs, desto ehrgeiziger die Ziele.

          Tim Krabbé ist dieses Amateurrennen, die Mont-Aigoual-Rundfahrt, mitgefahren, am 26. Juni 1977. Ein anspruchsvoller Parcours: 137 Kilometer in viereinhalb Stunden. Von Meyrueis durch die bizarre Felsenlandschaft entlang dem Flüßchen Jonte, dann hinauf auf die Hochebene. Er wollte das Rennen unbedingt gewinnen, aber er hat es nicht geschafft. Ein Jahr darauf hat er ein Buch daraus gemacht, das sich nicht Roman nennt, aber angesichts des großen Magens, den diese Gattung hat, dieser zuzurechnen ist. Das Buch ist unter dem Titel "De renner" in Holland erschienen, hat seither dort zig Auflagen erlebt und gilt als Klassiker des Genres Sportroman. Sehr zu Recht, und um so dankbarer muß man dem soeben verschiedenen Verlag Reclam Leipzig sein, daß er das Buch noch ins Deutsche gebracht hat.

          Der 1943 in Amsterdam geborene Tim Krabbé, Sproß einer Künstlerfamilie, ist ein analytischer Kopf. In seiner Heimat als exzellenter Schachspieler und als Verfasser von mehreren Schachbüchern bekannt, ist er hierzulande zuletzt mit dem verfilmten Roman "Das goldene Ei" aufgefallen. Die Geschichte seiner Radleidenschaft ist die eines Spätberufenen. Er ist beinahe dreißig, als er sich ein Rennrad kauft. Aber zunächst stellt er es im Schuppen ab, die Zeit ist noch nicht reif. Eines Tages - und er weiß genau, was jetzt losbricht - fährt er eine Runde. Vierzig Kilometer. Am nächsten Tag wieder. Dann täglich, immer gegen sich und die Uhr. Er wird Mitglied in einem Rennsportverein, erwirbt die Lizenz. Am Ende seiner Laufbahn wird er in acht Jahren sechshundert Rennen bestritten haben - und sich selbst vorwerfen, er hätte fünfzehn Jahre früher damit anfangen sollen.

          "Von den verschiedenen Arten, ein Radrennen zu verfolgen, gibt es keine schlechtere, als mitzufahren." Seinem unverstellt autobiographischen Roman, der als Ich-Erzählung im historischen Präsens dahertritt, gelingt nun das Kunststück, das dem Fernsehen trotz seiner ausgefeilten Übertragungstechnik mit Kameramännern in Hubschraubern, auf Motorrädern und am Straßenrand nicht gelingt: Er vermittelt einen tiefen Einblick in Taktik und Psyche dieser härtesten aller Qualsportarten: "Menschen bestehen aus zwei Teilen: Aus einem Geist und einem Körper. Von diesen beiden ist natürlich der Geist der Rennfahrer." Ein Geist, der ohne Mannschaftsgeist wenig Chancen hat.

          Gegliedert ist der kurze Text nach den tatsächlichen Rennkilometern, schon bei Kilometer 34 ist die erste Erschöpfung der Kletterpartie spürbar. "Mein Gehirn macht Anstalten, sich wurstartig aus meinen Ohren zu stülpen." Krabbé schreibt mit bewundernswerter Knappheit eine eigentlich unmögliche Versuchsanordnung: das Protokoll eines Bewußtseins, das sich selbst dabei zuschaut, wie es das Bewußtsein verliert und am Ende von etwas gesteuert wird, das mit Vernunft nicht mehr viel zu tun hat. "Das Bewußtsein ist klein auf einem Fahrrad, je größer die Anstrengung, desto kleiner. Jeder aufkommende Gedanke ist sofort absolut wahr, jedes unerwartete Ereignis ist etwas, was man schon immer gewußt, aber einen Moment lang vergessen hatte."

          Dementsprechend wenig ist von Fahrradtechnik oder rundem Tritt die Rede, nur der Wahl der richtigen Übersetzung wird naturgemäß einiger Raum eingeräumt. Dreiundvierzig-neunzehn, die Übersetzung "für den unerschütterlichen Kletterer" - die Wahl von Kettenblatt und Ritzel als Religionsersatz. Eingestreut sind Anekdoten aus dem Rennsport und Erinnerungen an eigene Rennerlebnisse, die Krabbé offenbar akribisch festgehalten hat. Daß sich der große Jacques Anquetil nach einem Bericht seines Edelhelfers vor jedem Anstieg die Trinkflasche ins Trikot steckte, um das Rad leichter zu machen, das entpuppt sich als gut erfunden - und trotzdem als wahr, weil es die Seele dieses Sports auf den Punkt bringt.

          Es ist die Zeit von Eddy Merckx, Didi Thurau, Lucien van Impe. Der Stern des Bernard Hinault geht gerade auf. Eine Epoche, in der mediale Komplettvermarktung noch fern war, als der Radsport noch nicht in "die Mischmaschine des Journalismus geraten" war. Heraus kam er dann "als Sich-Quälen, Poupou, Doping Doping, der Helfer darf heute gewinnen". Es galten auch Fahrer, die nicht unter den ersten drei der Tour de France waren. Als ihm ein Mädchen am Straßenrand mit den falschen Vokabeln zujubelt, erkennt er in ihr eine Vertreterin der "Generation der Embleme". Er werde ihr nie verständlich machen können, daß er Radsport aus dem einzigen Grund betreibe - "weil es Radsport ist". Und dieser kennt eben nur einen einzigen Antrieb: "Das ganze Leiden verwandelt sich hinter der Ziellinie in eine Erinnerung an Lust, und je größer das Leiden war, desto größer die Lust."

          Mit großer Mühe gelingt es dem sich selbst beobachtenden Psychocyclisten, zur Spitzengruppe aufzuschließen; ohne die Hilfe des tapferen Helfers Lebusque hätte er es nie geschafft. Je näher die Rennfahrer dem Ziel kommen, desto atemloser wird auch die Prosa, desto spannender spitzt sich das Duell wie in Echtzeit mit jenem vornamenlosen Reilhan aus Nîmes zu. Daß er dann im Zeitlupenfinale ausgerechnet gegen diesen Neunzehnjährigen unterliegt, der ihn schon eine Woche zuvor im Sprint bezwungen hat, kann den Triumph dieses Romans nicht gefährden. Krabbé hat den Sprint zu früh angezogen. Ein Hinterradlutscher hat gewonnen. Man kann auch als Zweiter Sieger sein.

          Tim Krabbé: "Das Rennen". Aus dem Niederländischen übersetzt von Susanne George. Mit einem Nachwort von Rainer Moritz. Verlag Reclam Leipzig, Leipzig 2006. 168 S., geb., 12,90 [Euro].

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