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Ich bin, weil du bist

25.01.2003 ·  In ihrem neuen Roman will Siri Hustvedt von der Kunst ins Leben

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Im Werbespot für einen Filterkaffee lobte einst ein schwatzhaftes Damenkränzchen die Gastgeberin mit den Worten: "Also Brigitte, dein Kaffee!" Die Szene könnte vorbildhaft sein für den neuen Roman von Siri Hustvedt, in dem der Maler Bill Wechsler seine Frau Lucille, eine Lyrikerin, vor seinen Freunden mit den Worten rühmt: "Ihre Verben sind toll!" Lucille nimmt das zum Anlaß, über metrische Regeln und die Struktur ihre Gedichte zu referieren. Man ist in dieser Abendgesellschaft, zu der noch ein Kunsthistoriker und eine kluge Englisch-Dozentin gehören, durchaus in der Lage, "länger als eine Stunde über Adorno und seinen Satz ,Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben ist barbarisch'" zu sprechen. Man führt gepflegte Gespräche über die Darstellung von Haut in der Malerei, zitiert fehlerfrei aus "Tristram Shandy" und gelangt schließlich zu der Frage, ob "ein Roman ein Sack ist, in dem alles mögliche stecken kann".

Siri Hustvedt scheint diese Frage für sich bejaht zu haben. Allzuviel steckt sie bedenkenlos in ihren neuen Roman hinein: Liebe, Sex, Ehe, Trennung, Kinder, Tod, Verzweiflung, Einsamkeit, Hysterie, Drogensucht, Kunst, Transvestitentum, New Yorker Boheme, Mord, Lüge und Verrat. Für den Fall, daß das nicht genug sein sollte, erhalten zwei der Figuren noch einen jüdischen Hintergrund. Sie mußten als Kinder mit ihren Eltern aus NS-Deutschland emigrieren und verloren die Verwandtschaft, die in Auschwitz ermordet wurde. Mit dieser Geschichte ist der Anspruch auf Jahrhundertromanniveau gehoben. Erzählt werden aber nur die letzten fünfundzwanzig Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts, und auch die nur aus der engen Perspektive zweier New Yorker Paare, die sich in erster Linie für sich selbst und ihre beiden Söhne interessieren. Die jüdische Identität spielt für sie keine Rolle und ist allenfalls von symbolischer Bedeutung. Sie, die Kinder der Emigranten, leben in Lofts in der Bovery und repräsentieren das intellektuelle Künstlermilieu Manhattans.

Siri Hustvedt, Tochter norwegischer Einwanderer, schreibt über eine ihr vertraute Welt, die in ihrem kunstbeflissenen Narzißmus an Woody Allens Gesellschaftstänzchen erinnert. Vielleicht geht es bei ihr und ihrem Ehemann, dem Schriftsteller Paul Auster, ganz ähnlich zu, wenn sie Gäste empfangen. Vielleicht sagt dann Paul Auster zu ihr: "Also Siri, deine Verben!", während er ihr Glas mit Wein nachfüllt.Daß die beiden sich über ihre Arbeit austauschen, ist jedenfalls unübersehbar. Auster hat mit dem "Buch der Illusionen" zuletzt einen Künstlerroman über einen vergessenen Stummfilmstar geschrieben und erfand spannende Drehbücher für seinen fiktiven Helden. Siri Hustvedt konzipiert für ihren Maler Bill Wechsler nun komplette Ausstellungssequenzen und Schaffensperioden - ohne Rücksicht auf deren geringe Originalität. Sie läßt ihn das Märchen von Hänsel und Gretel in kleinen Schaukästen als Geschichte über Völlerei und Hungern interpretieren - eine puppenstubenhafte Kunst schlichtester Geistesart, die sie jedoch mit großem Ernst und zäher Ausdauer seitenlang referiert.

Möglich ist das nur, weil es sich bei ihrem Ich-Erzähler um den emeritierten Kunsthistoriker Leo Hertzberg handelt, der mit Bill intensiv befreundet ist. Er ist zum Zeitpunkt seiner Lebensbeichte siebzig Jahre alt und leidet an einer Makuladegeneration, die ihn allmählich erblinden läßt. Für einen, dessen Geschäft das genaue Wahrnehmen ist, bedeutet das einen besonders bitteren Verlust. Die Relativität der Perspektive ist dem Kunstgeschichtler durchaus vertraut. Er weiß, daß "Sehen fließend" und "nichts je klar" ist, und will doch wenigstens Überblick über das eigenen Leben gewinnen. Die Sehschwäche, die ihn zwingt, sich Bücher und Zeitungen vorlesen zu lassen, hindert ihn nicht daran, die Schreibmaschine recht fleißig zu bedienen. Bevor es zu spät ist, will er Inventur machen und mit einer abschließenden Gefühlsbilanz seines Lebens erklären, wen und wie er liebte.

"Was ich liebte" ist ein Verlustverzeichnis. Von den Geliebten ist niemand mehr bei Leo. Seine Frau Erica hat ihn verlassen, nachdem Matthew, ihr gemeinsamer Sohn, im Alter von elf Jahren tragisch verunglückte - ein Schicksalsschlag, über den sie nicht hinwegkamen. Auch der Malerfreund Bill liegt eines Tages tot im Atelier. Von Lucille hatte er sich früh getrennt, seine zweite Frau Violet, in die auch Leo verliebt ist, zieht nach seinem Tod nach Paris und in ein neues Leben. Mark aber, der Sohn von Bill und Lucille, gerät in Drogenabhängigkeit und verstrickt sich in ein Verbrechen. Er ist der verlorene Sohn, der im zweiten, dynamischeren Romanteil im Mittelpunkt der Sorge steht.

Leo Hertzberg ist ein geschwätziger und indiskreter Erzähler. Seinem Text hätte man einen Lektor gewünscht, doch für Romanfiguren gibt es keine Lektoren. Intime Liebesbriefe Violets an Bill gibt er ebenso der Öffentlichkeit preis wie die Details seiner erotischen Erinnerungen an Erica. Leo vergißt auch nicht zu erwähnen, daß er sich nach dem Beischlaf mit Lucille in ihrem Bad gewissenhaft wusch. Zu wem, außer zu sich selbst, seinem Analytiker oder einem guten Freund würde ein einsamer älterer Herr so sprechen? An keiner Stelle ist dieser Erzähler in der Lage, Wichtiges von Bedeutungslosem zu unterscheiden. Noch zwanzig Jahre danach findet er es mitteilenswert, was ihm in Betrachtung von Bill Wechslers Hänsel-und-Gretel-Skulpturen durch den Kopf ging: "Rettende Worte, sagte ich zu mir, als ich die Schrift auf dem Körper des Mannes sah. Was genau ich damit meinte, wußte ich nicht, aber ich dachte es dennoch." Doch wozu teilt er es mit?

Daß Siri Hustvedt einen Mann erzählen läßt, funktioniert dagegen erstaunlich gut; vielleicht ist der Unterschied zwischen männlicher und weiblicher Perspektive gar nicht so groß. Im Roman erscheinen die Grenzen zwischen den Geschlechtern immer wieder als fließend. Erica, die ein Buch über "Henry James und die Ambiguität des Dialoges" verfaßt und abends im Bett das Werk von Jacques Lacan liest, spricht es aus: "In Wahrheit haben wir doch alle einen Mann und eine Frau in uns." Von ähnlicher Schlichtheit sind die meisten Erkenntnisse Siri Hustvedts, die mit großem dialogischem Aufwand produziert werden. Auch das erste Bild Bill Wechslers, das Leo Hertzberg vor Augen kommt und mit dem ihre Freundschaft beginnt, thematisiert die sexuelle Identität. Es trägt den Titel "Selbstportrait", zeigt aber eine liegende Frau im T-Shirt und den Fuß einer zweiten Frau, die den Bildausschnitt gerade verläßt. Das Selbstporträt scheint also nicht im Dargestellten, sondern im spezifischen Blick darauf zu liegen. Violet schließlich, die sich mit der Geschichte der Hysterie befaßt, vertritt eine Theorie der Vermischung, wonach der einzelne nie als isoliertes Individuum zu betrachten ist, sondern als dialogisches Wesen. "Descartes hatte unrecht", sagt sie. "Es muß nicht heißen: Ich denke, also bin ich. Es muß heißen, ich bin, weil du bist. Das ist Hegel, na ja, die Kurzfassung."

Psychologisch und ästhetisch so gewappnet, ist es nicht ganz verständlich, warum Sohn Mark Jahre später so viel Angst verursacht, wenn er Transvestitenrollen erprobt und mit blonder Frauenperücke durch Hotelfoyers schreitet. Mark ist eine gewissermaßen identitätslose Figur, die wie ein Chamäleon immer den Bedürfnissen ihres Gegenübers zu entsprechen sucht. Auf Vertrauen antwortet er vertrauensvoll, auf Liebe liebevoll, auf Begehren begehrlich und ist doch immer nur ein Schauspieler. So gerät er in die Abhängigkeit eines dubiosen Künstlers, der publikumswirksam bluttriefende Splatter-Skulpturen ausstellt und in Verdacht gerät, einen Mord als Aktionskunst ausgeführt zu haben. Mark macht Ernst mit den Theorien seiner Eltern und ihrer Freunde, indem er deren lebenslängliche Frage nach dem "Ich" mit totaler Selbstaufgabe beantwortet. Er markiert den Übergang von der Theorie zur Praxis, von der Kunst ins Leben, von der Moral in die Bedenkenlosigkeit. In Mark geht der sehr amerikanische Glaube an die Einzigartigkeit des Individuums unter wie in einem schwarzen Loch. Deshalb ist er der eigentliche Mittelpunkt dieses Künstlerromans, der zum Familiendrama und zum Psychothriller mutiert. Die Frage "Wer bin ich?", um die sich alles dreht, müßte sich gerade an ihm und gegen ihn bewähren. Doch die Sinnbemühungen der Protagonisten sind zu schwächlich, um den Zerfall ihrer Bindungen aufhalten zu können. So gewinnt der lange Zeit zäh dahindümpelnde Roman im letzten Drittel doch noch starke negative Energie und unverhofftes Tempo.

Siri Hustvedt: "Was ich liebte". Roman. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Uli Aumüller, Erica Fischer und Grete Osterwald. Rowohlt Verlag, Reinbek 2003. 478 S., geb., 22,90 [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.01.2003, Nr. 21 / Seite 46
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