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: Ich bin, sagt K., mein eigener Gegenmensch

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Den Anstoß zu diesem Buch, erzählt Imre Kertész in seiner Vorbemerkung zu "Dossier K.", hätten die Tonbandabschriften eines Interviews gegeben, das ein befreundeter Lektor mit ihm in den Jahren 2003 und 2004 geführt habe. "Als ich die ersten Sätze gelesen hatte, legte ich den Manuskriptpacken beiseite ...

          Den Anstoß zu diesem Buch, erzählt Imre Kertész in seiner Vorbemerkung zu "Dossier K.", hätten die Tonbandabschriften eines Interviews gegeben, das ein befreundeter Lektor mit ihm in den Jahren 2003 und 2004 geführt habe. "Als ich die ersten Sätze gelesen hatte, legte ich den Manuskriptpacken beiseite und öffnete, sozusagen mit einer unwillkürlichen Bewegung, den Deckel meines Computers..." Das klingt zu lässig, zu beiläufig, um wahr zu sein, zumal bei diesem Autor.

          Und wenn man die dann folgenden, akribisch durchkomponierten 230 Seiten gelesen hat, klingt es noch unwahrscheinlicher. Dennoch sollte man das kleine Vorwort nicht einfach beiseite schieben. Denn es enthält eine genaue Anleitung, wie dieses Buch zu lesen ist. Das Gespräch mit dem Freund hat es wirklich gegeben, auch wenn Kertész es anschließend neu erfunden hat - so, wie es das Leben des Imre Kertész wirklich gab und gibt, auch wenn es in seinen Büchern zum Gegenstand seiner Imagination wird. Daß der "Roman eines Schicksallosen" von 1973, mit dem sich Kertész in die Weltliteratur eingeschrieben hat, autobiographische Züge hat, konnte keinem Leser entgehen. Daß diese Geschichte vom Überleben in Auschwitz und Buchenwald aber zugleich ein Kunstprodukt ist, literarisch gestaltete Erfahrung, darauf hat niemand öfter und dringlicher hingewiesen als Kertész selbst.

          In "Dossier K." erzählt er dazu eine Geschichte, in der die "unwirkliche Wirklichkeit" des Romans mit Händen zu greifen ist. Ende der neunziger Jahre habe er, Kertész, den Leiter der Gedenkstätte Buchenwald kennengelernt und mit ihm zusammen nach Spuren jenes "Saal sechs" im Krankenrevier gesucht, in dem der fünfzehnjährige Kertész nach seinem Zusammenbruch im Konzentrationslager gepflegt wurde. "Doch vergeblich durchforschten wir Akten, Fakten, das gesamte zur Verfügung stehende Material." Stattdessen fanden sie einen Eintrag im Häftlingsregister, nach dem "Kertész, Imre, ungarischer Jude, Häftling Nummer 64921" am 18. Februar 1945 gestorben sei. Hilfreiche Hände also hatten den Jungen aus der Liste der Lebenden gestrichen, um ihn vor der Ermordung zu bewahren.

          Doch die Geschichte geht weiter. Im Winter 2002, als Kertész Ehrengast in Stockholm ist, bekommt er einen Anruf aus Australien. Am Apparat ist ein Mann namens Kucharski, der den Roman des Nobelpreisträgers gelesen hat und darin auf sich selbst gestoßen ist: Er hat in jenem nicht mehr nachweisbaren "Steppdecken-Revier" von Buchenwald im Bett über Kertész gelegen. "Das Problem war nur, daß Kucharski nur Englisch - oder Polnisch - sprach und wir einander so kaum verstanden, da ich Polnisch überhaupt nicht kann und Englisch auch nur sehr fragmentarisch." Dem Schriftsteller bleibt nur die Erinnerung an "eine fast transzendente Nachricht", eine Stimme aus der Vergangenheit, deren Echo sich im Rauschen des Telefons verliert.

          Ein Leben, das solche Anekdoten hervorbringt, läßt sich nicht in einer konventionellen Autobiographie spiegeln. Es ist das Gegenteil eines Bildungsromans; seine bestimmenden Züge sind nicht organische Entwicklung und Kontinuität, sondern Bruch und Schock. Deshalb beginnt "Dossier K.", dieses fiktive Zwiegespräch, das zugleich ein realer Dialog zwischen Ich und Nicht-Ich ist, auch nicht mit einer Geburts- oder Kindheitsszene, sondern mit einem Augenblick der Panik. Der Autor, vierzehn Jahre alt, steht im Hof der Budapester Gendarmeriekaserne vor dem Lauf eines feuerbereiten Maschinengewehrs. So hat er es knapp vierzig Jahre später in seinem Roman "Fiasko" beschrieben. Warum aber, fragt ihn nun sein Gegenüber, "warum kommt diese Episode im ,Roman eines Schicksallosen' nicht vor?"

          Man sieht, wie raffiniert der doppelte Faden dieses Buches geknüpft ist, wie er Leben und Werk, ästhetische und biographische Existenz miteinander verschlingt. "Soll ich jetzt etwa über all das reden, worüber ich nie reden wollte?", fragt das Autoren-Ich. Und der Interviewer, hinter dem sich, wie wir wissen, ebenfalls der Autor verbirgt, fragt zurück: "Warum hast du dann darüber geschrieben?" Es geht ums Ganze in "Dossier K.": um die Kindheit, das Leben unter der Diktatur, aber auch das eigene Schreiben, seine Wahrhaftigkeit, seinen Weltgehalt; um das, was man seit Heidegger mit dem Kunstwort "Authentizität" bezeichnet.

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