Für ihn war die Mauer kein Hindernis. Peter Schneider betrachtete das Berliner Bauwerk, das deutsche Geschichte und Gegenwart akkurat in zwei Teile zerschnitt, stets als sportive Herausforderung. Sie war eine Bedingung seines Schreibens und Denkens, das man je nachdem grenzüberschreitend oder auch vagabundierend nennen könnte. Schneider begann schon in den siebziger Jahren damit, sich mit den ideologischen Einigelungen seiner Kampfgenossen der Achtundsechziger-Ära auseinanderzusetzen. In seinen "Mauerspringer"-Geschichten erzählte er 1982 von Menschen, die sich aus unterschiedlichsten Gründen mit der Teilung nicht abfinden wollten. Schon damals prophezeite er als geübter Grenzgänger zwischen West und Ost: "Die Mauer im Kopf einzureißen wird länger dauern, als irgendein Abrißunternehmen für die sichtbare Mauer braucht."
In seinem aktuellen Erzählungsband liefert Peter Schneider nun eine letzte Mauergeschichte nach. Sie handelt von der Orientierungslosigkeit, die das Abrißunternehmen zurückgelassen hat. Fred, Hauptfigur dieser Erzählung, ist am Tiefpunkt seines Lebens angelangt. Verlassen von Frau und Sohn liegt er mit blutender Nase auf einer feuchten Parkbank im eigenen Alkoholdunst, als ihm ein Schäferhund übers Gesicht leckt und fortan nicht mehr von der Seite weicht. Selbst Tritte können das Tier nicht verjagen. Der Hund ist ziemlich räudig und hochgradig verstört. Er frißt nicht richtig, kann nicht bellen, fürchtet sich vor dem kleinsten Dackel, entfaltet aber ein unglaubliches Zärtlichkeitsbedürfnis und eine treue Anhänglichkeit, die den neuen Herrn zu Tränen rührt. Nur in einer Situation ist dieser Hund, der den Namen "November" bekommt, nicht zu halten: An Fassaden von Amtsgebäuden oder Friedhofsmauern läuft er wie an der Schnur gezogen auf und ab und vergißt alles um sich herum.
Schließlich stellt sich heraus, daß November einer der 6500 Mauerhunde gewesen sein muß, der im Grenzstreifen zwischen Ost und West seinen Dienst verrichtete. Angeschlossen an die Hundelaufanlage hatte er in völliger Einsamkeit und Eintönigkeit jahrelang preußisch vegetiert, bis ihm das Schlimmstmögliche widerfuhr: Die Freiheit. Die seltsame Freundschaft zwischen Fred und November wird damit zu einer Metapher des West-Ost-Verhältnisses, der räudige Hund zum Sinnbild für den Zustand der verstörten deutschen Psyche. Damit ist die Geschichte zwar etwas überstrapaziert, und doch gelingt es Schneider hier, unaufdringlich und leise zu erzählen. Die Bedeutungen werden von ihm nicht triumphierend vorgeführt, sondern stellen sich nebenbei ein.
Alte und neue Erzählungen stehen in diesem Band nebeneinander, ohne daß deshalb ein ästhetischer oder ideologischer Bruch sichtbar würde. Einige sind bereits 1978 in dem Sammelband "Die Wette" erschienen, aus dem Schneider nun einige Texte ausgewählt hat, die vom Verhältnis zwischen Männern und Frauen handeln. Sie stammen aus der Zeit, in der das Private für politisch erklärt und das Geschlechterverhältnis stellvertretend für die ganze Gesellschaft revolutioniert werden sollte. Die Macker und Machos, die da im Mittelpunkt stehen, sehen sich mit irritierend selbstbewußten Frauen konfrontiert, die gleich zur Begrüßung derbe Sätze formulieren: "Ich interessiere mich nicht dafür, was Männer machen, außer sie arbeiten an ihrer Abschaffung." Dennoch geht es ihnen, ebenso wie den sportlich-souveränen Schneider-Männern, beruhigenderweise weiterhin nur um das eine. Die Umwälzung der Geschlechterverhältnisse, das war schon 1978 abzusehen, würde eine lange und schwierige Angelegenheit werden. So kommt es, daß diese alten, zumeist im sonnig-utopischen Italien angesiedelten Erzählungen ihre Frische bewahren konnten: Sie sind immer noch aktuell.
Politisch entschiedener als die Spätachtundsechziger-Geschichten sind erstaunlicherweise die neueren Texte, in denen weltanschauliche Grundsatzthemen wie Antifaschismus und Pazifismus behandelt werden. In der "Skizze eines Enthüllers" geht es um einen Mann, der die Aufklärung der Verbrechen der Medizin im Dritten Reich so verbissen selbstgerecht und unversöhnlich betreibt, daß ihm das eigene Leben völlig entgleitet. In dem reportagehaften "Frühling in Sarajevo" berichtet ein mit dem Autor scheinbar weitgehend identischer Ich-Erzähler von einer Reise durch das kriegszerstörte Bosnien. In Sarajevo, wo er eine Konferenz besuchen will, übernachtet er allein in der Wohnung einer befreundeten Fernsehredakteurin, auf die er vergeblich wartet. Über die Brücke vor ihrem Haus geht er in die andere, die serbische Hälfte hinüber, beweist sich also auch hier als gelernter Berliner: als Grenzgänger in einer geteilten Stadt. Doch in Sarajevo bleibt der Mauerspringer in beiden Stadthälften ein Fremder. Die Differenz zwischen kriegserfahrenen Bewohnern und dem reisenden Tagesgast ist nicht zu überbrücken.
Die neueren Texte leiden daran, daß Schneider Positionen, die er in seinen Essays vertritt, allzu direkt ins Literarische hineinschreiben wollte. "Dieser aggressive deutsche Unschuldskomplex", heißt es in klischeehafter Kritik eines Bellizisten an Kriegsskeptikern, "der Glaube, man könne unschuldig bleiben, indem man den Blick abwendet. Das Nichtstun wird als die moralisch überlegene Haltung verkauft. Eine Abweichung erträgt man nicht und diskreditiert den Abweichler." Schlimmer noch ist der Meinungsüberhang in der Geschichte "Das Ende jeder Diskussion", in der ein alternder Professor mit zwei Einbrechern in seiner Wohnung fraternisiert, um so das Schlimmste zu verhüten. Vom Revolver, den er plötzlich in der Hand hält, macht er keinen Gebrauch und hilft statt dessen mit, die eigenen Wohnung auszuräumen. Man kann sich denken, daß die Aktion übel gewalttätig enden wird. Die Parabel auf den hilflosen deutschen Pazifismus - Schneiders Lieblingsthema - ist überdeutlich, literarisch aber wenig ergiebig. In besseren Momenten ist Peter Schneider ein sensibler Beobachter, der eine klare und präzise Sprache spricht. Am besten ist er immer dann, wenn er nichts beweisen will, sondern bloß erzählt. Aber das fällt ihm recht schwer.
JÖRG MAGENAU
Peter Schneider: "Das Fest der Mißverständnisse". Erzählungen. Rowohlt Verlag, Reinbek 2003. 186 S., br., 12,- [Euro].