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: Houdini in Mississippi

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Kleine Mädchen, die zuviel lesen, können erschreckende, aber auch faszinierende Romanheldinnen sein, wie Ian McEwan in "Abbitte" zuletzt eindrucksvoll bewiesen hat. In Gestalt von Harriet Cleve hält nun erneut eine kindliche Protagonistin auf der literarischen Bühne Einzug, und auch sie beharrt eigensinnig auf ihrer Version der Welt.

          Kleine Mädchen, die zuviel lesen, können erschreckende, aber auch faszinierende Romanheldinnen sein, wie Ian McEwan in "Abbitte" zuletzt eindrucksvoll bewiesen hat. In Gestalt von Harriet Cleve hält nun erneut eine kindliche Protagonistin auf der literarischen Bühne Einzug, und auch sie beharrt eigensinnig auf ihrer Version der Welt. Glücklich ist sie nicht, diese Welt, wenngleich Harriet das nicht weiter stört: Denn es ist die einzige, die sie kennt.

          Seit jenem Sonntagabend, an dem man den neunjährigen Robin im Garten von einem Ast des Tupelobaums baumelnd fand, sind die Cleves keine richtige Familie mehr, sondern nur mehr eine Wohngemeinschaft. Die Mutter versinkt in einem medikamentösen Stupor, der Vater beginnt einen Job in einer fernen Stadt und verläßt die Familie, ohne daß dies je deutlich ausgesprochen wird; die ältere Tochter, Allison, bei Tag ein stilles, verträumtes, schüchternes Mädchen, wird nachts von Albträumen gequält. In dieser bedrückten, geisterhaushaften Atmosphäre, in die nur Haushälterin Ida, Großmutter Edie und die ältlichen Tanten etwas Wärme und Fürsorge bringen, wächst Harriet heran. Robins Tod wird eisern beschwiegen, obwohl er ständig gegenwärtig ist. Harriet kann sich zwar an ihren Bruder kaum erinnern, doch sie ist wild entschlossen, ihn zu rächen. Denn für sie war Robins Tod kein Unfall, sondern Mord.

          Harriet tritt uns als selbstgerechter, vorlauter und rechthaberischer Wildfang entgegen, eine gelungene, wenngleich nicht gerade liebenswerte Mischung aus Harper Lees Scout ("Wer die Nachtigall stört"), Louise Fitzhughs Detektiv-Heroine "Harriet" und Scarlet O'Hara. Als eifrige Leserin von Abenteuergeschichten hat sie den vermeintlichen Mörder Robins bald ausgemacht: Danny Ratcliffe, einen ehemaligen Schulkamerad ihres Bruders und Mitglied der asozialen Ratcliffe-Sippe. Eindeutiger ist ein Bösewicht kaum gezeichnet worden: Verwahrlost, gewaltbereit und gesellschaftlich längst stigmatisiert, erträgt Danny sich und sein Leben nur durch ständigen Drogenkonsum. Die Autorin, die uns über lange Strecken an seiner umnebelten Wahrnehmung teilnehmen läßt, zeichnet das Milieu ihrer Figuren mit stoisch unbeteiligter, bewußt langatmiger Genauigkeit, so daß der Roman seinen Antrieb weniger aus dem Geschehen denn aus der inneren Verfassung der Beteiligten bezieht.

          Donna Tartt, die vor zehn Jahren mit dem berückenden Debüt "Die geheime Geschichte" einen Welterfolg landete, hat sich für ihr zweites Buch viel Zeit gelassen. Als "Der kleine Freund" im letzten Herbst endlich im amerikanischen Original erschien, war die Aufregung groß - und die Enttäuschung auch. Wie sein Vorgänger will auch dieser Roman mit einer Mischung aus Thriller und Entwicklungsroman becircen, aber, anders als sein Vorgänger, will er nicht zuvörderst unterhaltend, sondern bedeutend sein, als Hommage an Klassiker wie Stevenson, Dickens oder Kipling verstanden werden. "Der kleine Freund" ist ein vielschichtigeres, reiferes Buch als sein Vorgänger - und doch weniger gelungen. In den besten Passagen beweist Donna Tartt, daß sie sich entwickelt hat, etwa wenn sie die Cleves, die Ratcliffes und das beschauliche Leben in Alexandria, Mississippi, schildert. Den Ennui, der sich wie Mehltau über die Kleinstadt legt, evoziert sie ebenso gekonnt wie die träumerisch-gespenstische Atmosphäre in Harriets Elternhaus. Dennoch liest sich der Roman mühsam, als plumpes, überlanges Gebilde aus Einzelteilen, die so gar nicht zueinander passen wollen.

          Die deutsche Übersetzung macht die Mängel noch auffälliger. Wo im amerikanischen Original Donna Tartts Prosa immer wieder zu einem eigenen Rhythmus, wenn schon nicht zu einem kohärenten Erzählton findet, versucht die deutsche Übersetzung zu überspielen, was nicht überspielt werden kann. Da "galoppiert" dann Harriets Herz vor Nervosität und Anstrengung, statt schlicht heftig zu pochen. Solche Dramatisierungen, im Original weniger penetrant, verleihen dem Roman etwas Reißerisches, das Donna Tartt früher nicht nötig hatte.

          Der legendäre Entfesselungskünstler Houdini ist Harriets Vorbild, doch offenbar nicht jenes ihrer Schöpferin. Bis zum Schluß wartet man auf einen literarischen Stunt, darauf, daß die Schriftstellerin sich aus den selbstgelegten Schlingen mit einem ähnlich überraschenden Kunstgriff befreien möge wie in der "Geheimen Geschichte" - vergebens. So wahrhaftig und glaubwürdig das Ende ist - es gibt zwar noch einen Toten, aber nicht den von Harriet geplanten, keinen des Mords an Robin überführten Schuldigen -, so sinnlos erscheint der lange, gewundene Weg dorthin.

          Zwar kann Donna Tartt Harriets geradezu zwanghafte Vorstellung, Robins Tod rächen zu müssen, plausibel machen, und sie zeigt auch auf, welche Zurücksetzungen, Demütigungen und Frustrationen Danny Ratcliffe so haben werden lassen, wie er am Ende ist. Sie vermag es jedoch nicht, uns nachhaltig für ihre Charaktere zu interessieren, geschweige denn 760 Seiten lang. Wenn Donna Tartt, die berühmt wurde mit einem Roman, dessen wenige Schwächen man aufgrund der Spannung geflissentlich überlesen konnte, mit diesem Buch beweisen wollte, daß sie auch einen Roman schreiben kann, der Spannungselemente benutzt, ohne sie sich zunutze zu machen, so hat sie ihre Mission erfüllt. Ihrer nächsten Protagonistin und uns jedoch wünschen wir inspirierenderen Lesestoff.

          Donna Tartt: "Der kleine Freund". Roman. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Rainer Schmidt. Verlag Wilhelm Goldmann, München 2003. 763 S., geb., 24,90 [Euro].

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