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Honoré de Balzac: Modeste Mignon : Aufschneiderei mit dramatischem Paukenschlag

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Bild: Verlag

Einer seiner schönsten Romane liegt endlich in einer neuen Übersetzung vor: Mit „Modeste Mignon“ wagte Honoré de Balzac 1844 den doppelten Befreiungsschlag.

          Die menschliche Komödie“ – als Honoré de Balzac 1840 den Titel für sein titanisches Projekt findet, muss ihm bewusst sein, dass er ihn auch wörtlich meint: In den Romanen des Zyklus treiben komische Figuren ihr Unwesen, und dramatisch schreibt Balzac schon deshalb, weil im neunzehnten Jahrhundert die Bühne das Maß der Dinge bleibt. Unter den komischen Typen, die als Blaupause dienen, hat Molières Tartuffe einen Ehrenplatz: In einer Welt, deren Motoren Ambition, Leidenschaft und materielles Interesse sind, gedeiht der scheinheilige Erb- und Mitgiftschleicher wie Unkraut auf dem Mist. Diese Einsicht drängt sich Balzac spätestens 1844 auf, denn zu diesem Zeitpunkt befindet sich der Romancier im Zweifrontenkrieg: Die Erfolge der Feuilleton-Konkurrenten Eugène Sue und Alexandre Dumas drohen, ihn publizistisch kaltzustellen. Die amouröse Front ist ähnlich gefährdet. Er hat zwar den Sommer 1843 mit seiner polnischen Gräfin Eveline Hanska verbracht, die endlich verwitwet und wieder zu haben ist. Aber die lang Umworbene liebäugelt mit Franz Liszt, dem Herzensbrecher. Mit „Modeste Mignon“, verfasst zwischen März und Juli 1844, wagt Balzac den doppelten Befreiungsschlag.

          Der Roman aus der Reihe der Sittenstudien ist einer der schönsten, wenn auch selten gelesenen, aus der Feder Balzacs; er liegt, erstmals seit Jahrzehnten, in neuer Übertragung vor. Erzählt wird die Geschichte einer mehrfachen Aufschneiderei, in deren Zentrum Modeste steht, zwanzig Jahre alt, eine jener „himmlischen Blondinen“, „deren atlasartige Haut wie über dem Fleisch ausgespanntes Seidenpapier ist, das unter einem kühlen Blick erzittert und unter einem sonnenwarmen erblüht, so dass die Hand auf das Auge eifersüchtig wird“. Die Schöne ist Tochter von Charles Mignon, Graf de La Bastie, der unter Napoleon gedient und anschließend in Le Havre als Kaufmann erst das Glück und dann den Ruin gefunden hat. Seitdem ist er verschwunden, um in Übersee neue Millionen zu machen; der Getreue Dumay, ein sturer Bretone, und seine Pyrenäenhunde sollen der Mutter helfen, die Tochter zu behüten. Modeste erliegt derweil der Lesewut: Unter der Ruhe der normannischen Provinz brodelt ihre phantasievolle Leidenschaft.

          Durchschnittsmenschen mit Tugend

          Wagemutig schreibt sie dem verehrten Canalis, „Dichter der seraphischen Schule“, der den Brief aber seinem Sekretär überlässt. Ernest de La Brière, „einer jener Durchschnittsmenschen mit wirklichen Tugenden und einer verlässlichen Moral“, der weder Genie noch Erbe, dafür aber Karriereaussichten hat, gibt sich fortan als Canalis aus, anfangs mit dem Ziel, Modeste über die Gefahr ihres Tuns zu belehren. Mademoiselle ist erbost und spielt ihrerseits die reiche Erbin; Ernest beißt an, die Maskerade nimmt ihren Lauf. Der erste Teil von „Modeste Mignon“ ist ein reizvoller Briefroman, in dem eine falsche Erbin und ein falscher Schriftsteller einander an der Nase herumführen.

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