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Holger Hof: Gottfried Benn : Seine Muse war die Krise, seine Freundin war das Bier

Bild: Klett-Cotta

Für Gottfried Benn war das Ende seiner Ehen, Affären, militärischen und zivilen Karrieren kein Unglück, sondern eine Chance, neu zu beginnen. Das zeigt Holger Hof in einer vorbildlichen Biographie.

          Der junge Mann ist „ein blonder schlanker, typisch preußisch aussehender Mensch, in der Art der jungen Bredows und Unruhs. Er macht Verbeugungen beim Herein- und Hinausgehn, Verbeugungen reicht man ihm eine Hand. (. . .) Geringe Beziehung zum Westen, Entwicklung auf naturwissenschaftlicher Basis“. So beschreibt Thea Sternheim im Jahr 1917 den Dichter Gottfried Benn, der als Armeearzt in Brüssel stationiert und auf dem belgischen Landsitz der Sternheims zu Gast ist. Benn, aufgewachsen „unter Begriffen wie Gottes Zorn, Vaterland, Bereitschaft für den Staat zu sterben“, stelle sich nicht gegen den Krieg - da er „einmal da“ sei, müsse er „ausgekämpft“ werden, „Milde“ sei „in keiner Hinsicht am Platze“. Dann fragt die Tagebuchschreiberin erstaunt: „Wie kommt sein Wortschatz so ins Blühen?“

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Es ist die Frage aller Fragen, der Kern des Rätsels Gottfried Benn. Wie konnte ein Mann, dessen Talente als Liebhaber, Familienvater und Freund so mäßig, dessen politische und menschliche Einsichten so begrenzt waren, zu einem der großen Dichter deutscher Sprache werden? Woher nahm er seinen Ton, seinen Rhythmus, seine Worte? Benn selbst hat, wenn er über sein Schaffen Auskunft geben sollte, immer wieder vom „Geist“ geraunt, den Reichen des „Gegenglücks“, zu dem gewöhnliche Sterbliche keinen Zutritt hätten, „denn in meinem Haus kann man nicht landen, / in dem Haus muss man geboren sein“. Zugleich aber war er Korpsstudent - sein linkes Augenlid hing als Folge einer Duellverletzung herab -, Facharzt für Geschlechtskrankheiten und bekennender Biertrinker, der mit Vorliebe Kriminal- und Abenteuerromane las, Zigaretten der Marke „Juno“ rauchte und abends beim Pils in seiner Stammkneipe gern im „Spiegel“ blätterte.

          Der Dichter katzbuckelt vor der Macht

          Diese Banalitäten des Alltags mit dem elegischen Hochmut der Bennschen Lyrik zu versöhnen, ohne in Kaffeesatzleserei oder Klatschspaltenprosa zu verfallen, ist die Herausforderung jeder Benn-Biographie. Zahlreiche deutsche Geistesgrößen, von Hans Egon Holthusen bis Dieter Wellershoff, von Bruno Hillebrand bis Fritz J. Raddatz, haben sich ihr in den vergangenen Jahrzehnten gestellt, ohne dass der „Fall Benn“ dadurch seiner Erledigung auch nur eine Handbreit näher gekommen wäre. Jetzt hat Holger Hof, Autor eines vor vier Jahren erschienenen prachtvollen Bildbands über Benn, eine neue Lebensbeschreibung des Dichters vorgelegt, die man schon heute ohne Übertreibung kanonisch nennen darf. Auch sie bildet nicht den Schlussstein der Benn-Biographistik - falls es diesen Schlussstein jemals geben kann. Aber sie kommt dem Ideal einer unverzerrten Darstellung dieses zwischen Bierdunst und Ätherluft schwebenden Poetenlebens ziemlich nah.

          Hofs Leitgedanke ist ebenso einleuchtend wie seinem Gegenstand gemäß: Er will die Lebensgeschichte Benns aus den Quellen selbst, aus den Texten des Dichters und seiner Zeitgenossen, zum Sprechen bringen. Deshalb finden sich in seinem keineswegs ausufernden Buch - mit vierhundertfünfzig Textseiten bleibt es deutlich unter dem Schnitt neuerer Großbiographien - etliche mehrseitige Zitate. Etwa jener Brief vom April 1939, den der abermals im Waffenrock praktizierende Benn an seinen Vorgesetzten Waldmann schrieb, um sich gegen die Denunziationen eines völkischen Malers namens Willrich zu wehren. Unter anderem gibt er darin zu Protokoll, „dass von einer Gegensätzlichkeit zwischen meinen Büchern und dem Nationalsozialismus keine Rede sein kann“ und „dass ich 1933, 1934 ein leidenschaftlicher Anhänger der Bewegung war“. Das ist schmerzlich zu lesen; am schlimmsten aber, schlimmer noch als Benns Beteuerung, in seiner Familie gebe es „keinen Bolschewismus, weder politischen noch kulturellen“, ist der Satz, mit dem der Autor am Ende sein Werk verleugnet: „Meine Bücher haben immer nur einen ganz kleinen Kreis von Lesern beschäftigt, sie gehören einer vergangenen Epoche an.“ Über Benns Affäre mit dem Nationalsozialismus ist viel spekuliert worden; dieser Brief, den er zeitlebens unterdrückte, gibt die entscheidende Auskunft. Der Dichter, dessen Fiebertraum von der intellektuellen Neugeburt im Hitlerstaat seit dem Röhm-Putsch zerstoben ist, katzbuckelt vor der Macht. „Leben - niederer Wahn“? Von wegen: Benn tat damals alles, um zu überleben.

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