19.05.2007 · Was haben Truman Capote und Christian Kracht gemein? Das Drama des Ästheten? Mysteriöses Auftreten? Alles zutreffend, aber jetzt gibt es eine neue Verbindung: Kracht ist als Leser von „Frühstück bei Tiffany“ zu hören.
Von Wolfgang SchneiderIst Christian Kracht der Capote der Generation Golf? Das Drama des Ästheten mögen beide Autoren mit Leib und Schrift verkörpern, und immerhin ist Kracht verwöhnt, weltläufig und im Auftreten mysteriös genug, um den Vergleich mit dem schrillen Literaturstar der sechziger Jahre zu bestehen. Und sicher sind wahlverwandtschaftliche Effekte beabsichtigt, wenn er nun als Leser von „Frühstück bei Tiffany“ zu hören ist. Zu begrüßen ist dieses Hörbuch schon deshalb, weil es die überfällige Neuübersetzung von Heidi Zerning zur Vorlage nimmt.
Kracht hat eine angenehme Stimme in mittlerer Tonlage. Von Stimmentheater hält er allerdings nichts; er ist das Gegenteil eines Rufus Beck. Während sich der Vorleser von „Harry Potter“ mit clownesker Verwandlungsfähigkeit in jede neue Rolle hineinwirft, um sie zum Spektakel zu machen, bietet Kracht eine Low-fatProduktion, die gerade in der Manier der völligen Zurückgenommenheit ihren Ausdruckswert gewinnen will. Wer leise spricht, dem hört man zu. Wenn sich nichts bewegt, dann muss das wohl die Seelenlähmung der Melancholie sein. So etwa. Und diese Darbietungsweise funktionierte auch sehr gut, als Kracht seinen eigenen kleinen und sehr traurigen Roman „Faserland“ las. Funktioniert sie auch hier? Immerhin hat die Jury des Hessischen Rundfunks seine Capote-Lesung zum Hörbuch des Monats April gewählt.
Die Geliebte und der Staunende
Es gehört zum Reiz und zum Hörbuch-Dilemma von „Frühstück bei Tiffany“, dass es zwei Zentralfiguren gibt: einerseits die angestaunte und auf vertrackte Weise geliebte Holly Golightly, das achtzehnjährige New Yorker Partygirl, Schrecken aller ruhebedürftigen Nachbarn; andererseits den Staunenden und vertrackt Liebenden selbst, den Ich-Erzähler der Geschichte, den eine merkwürdig unfleischliche Romanze mit Holly verbindet. Ein Ersatzbruder ist er für sie - der wirkliche stirbt im Zweiten Weltkrieg, der den düsteren Fernhintergrund der nur vordergründig heiteren Geschichte abgibt.
Alles sehen wir durch die Augen des Erzählers, auch wenn er ein viel unauffälligeres Medium ist als etwa der egomane Humbert Humbert in „Lolita“. Bei Nabokov ist ein männlicher Vorleser zwingend, bei Capote fällt die Entscheidung schwer. Ein Mann entspricht dem korrekten Erzählergeschlecht; eine Vorleserin dagegen kann die schillernde Holly-Figur besser zur Geltung bringen. Beiden Rollen lässt sich aber kaum zugleich gerecht werden.
Keine jugendliche Lebensgier
Kracht klingt wunderbar, wenn er mit seinem andächtig leisen Ton die Erinnerungen an Holly und die Anfänge eines Schriftstellerlebens beschwört. Problematisch wird es jedoch, wenn in den Dialogen die Vergegenwärtigung des Gelegenheitsfotomodells, das mit diversen Herren für fünfzig Dollar auf der Toilette verschwindet, gefordert wäre. Bei Kracht vernimmt man rein gar nichts von der jugendlichen Lebensgier, der quirligen Anmut, Aufgekratztheit und Luder-Schrillheit, die der Figur zweifellos zukommen. Nichts mehr vom koketten, rehäugigen Charme, den ihr die berühmte Verfilmung zu verleihen wusste. Holly Golightly also endlich befreit von der übermächtigen Audrey Hepburn? Aber wieso prangt die dann schon wieder auf dem Cover?
Capote selbst empfand die Hepburn übrigens als Fehlbesetzung. Verärgert wandte er ein, dass seine Figur ganz anders sei. Eben keine feine Femme fragile, sondern ein freiheitsdurstiges Mädel mit vitalem Provinzhintergrund und unverwüstlicher „Frühstücksflockengesundheit“. Die bleibt auch bei Kracht auf der Strecke. Souverän schlägt er alle Regieanweisungen in den Wind. Ihre „Stimme war auf alberne Art jung und machte sich über sich selbst lustig“, heißt es zum Beispiel. Aber wie soll ein männlicher Vorleser dergleichen auch reproduzieren, ohne zu klingen wie Dieter Hallervorden im Rüschenrock?
Immerhin könnte Christian Kracht schon ein kleines bisschen aus der Ruhelage herausgehen, wenn ein Satz des Barmanns Joe Bell von der Beschreibung begleitet wird: „wobei sich seine Krächzstimme vor Aufregung überschlug“. Nein, in den Dialogen ist Krachts Vortrag nicht laid-back, sondern lahm. Bei ihm klingen alle Figuren gleich, als hätten sie einen kräftigen Schluck vom selben Schlaftrunk genommen. So werden auch dem Zuhörer nach einer Weile die Lider schwer.