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Historie im Handgepäck

Marcelo Birmajer beschreibt die Folgen der argentinischen Diktatur

Die Welt auf Abstand halten, Grenzen ziehen, Distanz markieren. Das gelingt nicht immer, am allerwenigsten dort, wo diese Welt sich so aufdringlich und rüde zeigt wie in vielen Ländern Südamerikas. Die ganz düsteren Jahre hat der Kontinent zwar hinter sich; doch noch häufig genug geben Armut, Gewalt, Kriminalität dem Leben den Rhythmus vor. Wenn also die Verhältnisse schon nicht zu ändern sind, ist ihnen vielleicht zumindest stilistisch beizukommen. Doch läßt sich der Schrecken der Welt durch eine Sprache des Schreckens bannen? Eine ganze Reihe jüngerer lateinamerikanischer Schriftsteller - der Kolumbianer Jorge Franco etwa, die Brasilianerin Patrícia Melo oder, nicht mehr ganz so jung, der Kubaner Pedro Juan Gutierrez - hat sich einen ausgesprochen flapsig-spöttischen, bisweilen brutal-vulgären Tonfall angewöhnt, sucht den Zynismus ihrer Umwelt durch einen noch zynischeren Ausdruck zu überbieten.

Der 1966 geborene argentinische Autor Marcelo Birmajer hat sich aus dem Arsenal der Stilkunst des Groben zunächst die unterkühlt-pragmatische Variante herausgegriffen. Sein Ich-Erzähler Javier Mossen, Journalist einer großen Tageszeitung in Buenos Aires, präsentiert sich als dezidiert nüchterner Charakter, der schon auf den ersten Seiten sein Unverständnis gegenüber allen Formen politischen wie religiösen Eifers kundtut. Ihm, dem nichtpraktizierenden Juden, sind seine allzu frommen Glaubensbrüder ebenso verdächtig wie die politischen Aktivisten des Landes - allen voran die Montoneros, jene Politagitatoren aus den frühen siebziger Jahren, deren massive, zu Teilen gewalttätige Proteste und überzogen utopische Forderungen am Ende der zweiten Amtszeit Juan Domingo Peróns erheblich dazu beitrugen, die Hysterie des Militärs zu mehren und zum Putsch zu drängen.

Mit ebendiesem Teil der nationalen Geschichte wird sich Mossen aufgrund einer ihm aufgetragenen Recherche dann aber doch, und zwar sehr ausführlich, beschäftigen müssen. Denn soeben ist Elías Traúm, ein fünfzigjähriger politischer Flüchtling jüdischen Glaubens, aus dem israelischen Exil für einige Tage nach Buenos Aires zurückgekehrt; und da Juden am meisten Vertrauen immer noch zu Juden haben, wie der robuste Chefredakteur zu wissen glaubt, ist es an Mossen, die Geschichte des ehemaligen Polit-Aktivisten im Rahmen einer Verstand und Herz der Zeitungsleser nicht überfordernden Reportage zu präsentieren. Überfordert allerdings ist sehr bald Mossen selbst. Literatur, bemerkt der Erzähler einmal, "ist darauf angewiesen, daß die Geschichte, die sie erzählt, einen bestimmten Wahrheitsgehalt hat".

Um so überraschender ist ihr fiktionaler Gehalt, und der wird den sonst so distanzierten Journalisten gründlich aus der Bahn werfen. Denn längst nicht alle Teile von Traúms Geschichte erschließen sich ihm, am allerwenigsten die Gründe, die ihn nach so vielen Jahren wieder nach Buenos Aires führen. Hinter der Rückkehr seines Gesprächspartners wittert Mossen eine aberwitzige Verschwörung, der er bald selbst zum Opfer zu fallen fürchtet. Fast über Nacht nimmt die sonst so vertraute Welt bedrohliche Züge an, konfrontiert ihn mit den Spätfolgen einer nationalen Tragödie, die zumindest psychologisch längst nicht so weit zurückliegt, wie der Erzähler es bislang glauben wollte.

Birmajer bündelt die Erinnerungen an die Jahre der Diktatur zu einer packenden Geschichte. Leider schwächt er deren Spannungsbögen regelmäßig durch die ausgewachsene Erotomanie, an der er seinen Erzähler leiden läßt. Zahllos die weiblichen Hintern, an die der Protagonist sein Auge heftet, unüberschaubar die Menge der Beine und Brüste, deren Reize Mossen mit den immer gleichen öden Metaphern beschreibt. Wieder und wieder muß der Leser die erotische Besessenheit des Helden ertragen, Zoten hinnehmen, die allenfalls beim ersten Mal - und auch dann nur mäßig - erheiternd wirken. Wie bei vielen Autoren seiner Generation läßt sich auch die drastische Sprache Birmajers einen Moment lang als künstlerische Reaktion auf eine oft abstoßende, menschenverachtende Umwelt deuten. Aber schon im nächsten läßt sie erkennen, was sie vor allem ist: Mode, Marotte, Marketing, ersonnen, ihrem Urheber Aufmerksamkeit zu verschaffen.

Zum Glück für den Leser aber läßt sich neben dem dröhnenden Sprachlärm bisweilen noch ein anderer, sensiblerer Ton vernehmen. Ihn schlägt der Erzähler immer dann an, wenn er sich seinem eigentlichen Thema widmet: den Spätfolgen der Militärdiktatur, von deren Schrecken sich manche ihrer Opfer bis heute nicht erholt haben. Anders als viele seiner damaligen Mitstreiter hat Elías Traúm seinen Einspruch zwar nicht mit dem Leben bezahlen müssen, wird aber bis heute von entsprechenden Erinnerungen heimgesucht. "Traúm hatte seine Vergangenheit mitgebracht. Die hatte er immer im Handgepäck", charakterisiert der Erzähler seinen Gesprächspartner - und beschwört so jene Literatur zwanghafter, den Wahn streifender Erinnerung, die vor allem sein chilenischer Schriftstellerkollege Roberto Bolaño mit schier unerschöpflicher Energie in Szene gesetzt hat. In den besten seiner Szenen erreicht auch Birmajer eine beklemmende erzählerische Intensität. Leider läßt er sie immer wieder durch Mossens vulgäre Ausfälle zunichte werden. Der Druck der Politik hätte dem Roman Stoff genug gegeben. Von dem des Eros hätte Birmajer schweigen sollen.

KERSTEN KNIPP

Marcelo Birmajer: "Das argentinische Trio". Roman. Aus dem Spanischen übersetzt von Stefanie Gerhold. Verlag C. H. Beck, München 2004. 220 S., geb., 19,90 [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.04.2004, Nr. 87 / Seite 34

 
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Veröffentlicht: 14.04.2004, 12:00 Uhr