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Hiromi Kawakami: Am Meer ist es wärmer : Spuk des Verlusts, Geist der Heilung Literatur

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag

Wenn der verlorene Geliebte weiter durch unser Leben spukt, können Gespenster helfen: Hiromi Kawakami entführt eine Trauernde ans Meer und lässt sie im Kontakt mit Geistern Trost und Genesung finden.

          Kommt zwei Menschen die Liebe abhanden, bleibt oft nur Fassungslosigkeit. Was aber, wenn nicht die Gefühle zwischen zweien dahin sind, sondern einer ganz verschwindet? Zwölf Jahre sind vergangen, seit Kei von ihrem Mann Rei aus heiterem Himmel verlassen wurde. Kei leidet unter einem dumpfen Liebesphantomschmerz, obwohl seit Reis Verschwinden einige Zeit verstrichen ist. Die Routinen des Alltags halten ihren Kummer unter Verschluss, doch Gewohnheiten und auch eine längere Affäre mit dem verheirateten Seiji können die Lücke der Verlassenheit nicht schließen: „Rei, der nicht da und doch da war, und Seiji, der da war und doch nicht da.“

          Als Keis heranwachsende Tochter Momo, mit der die Mittvierzigerin gemeinsam mit ihrer Mutter einen Drei-Generationen-Frauenhaushalt bildet, sich von ihr zu lösen beginnt, verdichtet sich die Einsamkeit, und eine schwelende Verlustangst lodert auf. Kei beschließt, in Erinnerung an frühere Familienreisen mit Mann und Kind ans Meer, nach Manazuru, zu reisen.

          Zwiegespräche mit der Schattenfrau

          Der Name jener Insel, deren Umrisse einem Kranichkopf ähneln, gibt dem vorliegenden Roman „Am Meer ist es wärmer“ im japanischen Original seinen Titel. Der Eintrag „Manazuru“ ist für Kei auch der einzige Hinweis, den sie im Tagebuch ihres Mannes auf seinen möglichen Verbleib gefunden hat. Tatsächlich findet Kei auf ihrer Reise einen unerwarteten Schlüssel zu den Geschehnissen der Vergangenheit. Eine geisterhafte, nur für Kei sichtbare Frau, die dort auftaucht, wird mit ihr in einen Dialog treten; hinzu kommen weitere, ins Surreale spielende Ereignisse, die die Realität anreichern und der Verlassenen neue Wege eröffnen, mit dem Verlust des Geliebten umzugehen.

          Die 1958 in Tokio geborene Hiromi Kawakami, die bereits mit den ins Deutsche übersetzten Romanen „Der Himmel ist blau, die Erde ist weiß“ und „Herr Nakano und die Frauen“ erzählerisch überzeugte, schlägt mit diesem Buch einen neuen, ungewohnt schwermütigen Ton an. Wo sich in den vorangegangenen Romanen Menschen annäherten, stehen hier Ablösung, Selbstreflexion und die Konfrontation der Protagonistin mit dem Verdrängten und der Vergangenheit im Zentrum.

          Kawakami gelingt eine eindringliche Schilderung von Keis Innerem, die frei ist von Selbstbefreiungs- und Selbstfindungskitsch. Ohne ihre Protagonistin bloßzustellen, wahrt die Autorin Distanz, indem sie sich jeglicher Wertung enthält. Die Knappheit der Rede, die die zentralen Figuren auszeichnet, verweist auf die Isolation der Heldin, wie sehr Kei durch das rätselhafte Verhalten ihres Mannes auf sich zurückgeworfen ist. Die geisterhafte, womöglich nur in der Einbildung vorhandene Frau hingegen wirkt wie eine Selbstverständlichkeit, eine Personifikation des Auswegs aus der inneren Sackgasse. In den Zwiegesprächen mit der Schattenfrau wird Kei begreifen, dass die tiefe Kränkung womöglich nicht ohne ihr Zutun geschehen ist.

          Das nötige sinnliche Gegengewicht

          Symbolisch lassen sich die Orte des Romans lesen: das Meer als Ort des Unergründlichen, die Insel in den Umrissen des Kranichs, der in der japanischen Mythologie für ein langes Leben und für Frieden steht, jenen Frieden, den Kei nach einem streckenweise phantastisch anmutenden Prozess des Gleitens durch Zeit, Träume, Visionen und Erinnerungen mit sich und ihrer Vergangenheit machen wird. Klänge es nicht seltsam folkloristisch, könnte man Kawakamis Stil als eine Art Sprachikebana bezeichnen. Hinter den präzise gewählten Worten scheint deren Vieldeutigkeit auf, es entspinnt sich ein soghaftes Geflecht von Bildern, das Keis Gefühle und Wünsche erhellt. So wird nicht nur ihr Weg aus der Trennungskrise glaubhaft, sondern auch die Fragilität von vermeintlich tragenden Liebesbeziehungen und Selbstgewissheiten enttarnt.

          Bei aller Schwermut wird in „Am Meer ist es wärmer“ - wie auch in den vorangegangenen Romanen Kawakamis - viel gegessen: Rossmakrelentatar, salzige Tintenfischinnereien, tellerweise Garnelen. Dieser kulinarische Kontrapunkt ist bedeutend: Er schafft das nötige sinnliche Gegengewicht zur melancholischen Seelenschau ihrer Hauptfigur. Deshalb kommen die Anhänger schnörkellosen Erzählens ebenso auf ihre Kosten wie die Liebhaber japanischer Küche.

          Hiromi Kawakami: „Am Meer ist es wärmer“. Roman. Aus dem Japanischen von U. Gräfe und K. Nakayama-Ziegler. Hanser Verlag, München 2010. 208 S., geb., 17,90 Euro.

          Quelle: F.A.Z.

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