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: Hiob vom Safranberg

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Ein Mann schreibt ein Buch über ein Buch, das über Jahrzehnte von seinem Vater in kaum zu entschlüsselnden Hieroglyphen geführt wurde - als Tagebuch eines taubstummen, analphabetischen Teppichflickers, der sich mit den Seinen nur in einer rudimentären Zeichensprache verständigen konnte. Für den Sohn ...

          Ein Mann schreibt ein Buch über ein Buch, das über Jahrzehnte von seinem Vater in kaum zu entschlüsselnden Hieroglyphen geführt wurde - als Tagebuch eines taubstummen, analphabetischen Teppichflickers, der sich mit den Seinen nur in einer rudimentären Zeichensprache verständigen konnte. Für den Sohn Esmail, einen Ende der achtziger Jahre vor den fundamentalistischen Klerikern in Iran ins europäische Exil entkommenen Oppositionellen, ist dieses Buch, das ihn in der Fremde erreicht, das Brückenstück zwischen einer schmerzhaften, schuldbeladenen Vergangenheit und dem Neuanfang in den Niederlanden. So wie der Vater sein Buch in einer gleichsam fremden, erfundenen Sprache schrieb, erzählt der Sohn die Geschichte auf niederländisch, dessen er sich erst seit wenigen Jahren bedienen kann. Es ist gerade die sprachliche Distanz, die - einem Schmerzfilter gleich - die Annäherung an die Erinnerung erleichtert und schärft.

          Der Vater, Agha Akbar, wird Anfang der zwanziger Jahre als halblegaler Sohn eines Edelmanns und seiner Dienstmagd in die archaische Welt eines persischen Bergdorfes nahe der russischen Grenze hineingeboren. Als die Mutter erkennt, daß ihr Sohn taubstumm ist, erkämpft sie die offizielle Anerkennung der Vaterschaft. Den Fürstennamen darf der Sohn führen, das Erbe bleibt ihm freilich verwehrt. Vater und Mutter sterben früh, so daß Agha Akbar unter dem Einfluß seines Oheims, eines Dichters und Volkshelden, aufwächst. Dieser führt den Neffen eines Tages in die Höhle im nahe gelegenen Safranberg und zeigt ihm die in den Fels gehauenen Zeichen einer alten persischen Keilschrift. Von diesem Tag an beginnt Agha Akbar sein Tagebuch in einer den Felszeichen nachempfundenen Geheimschrift zu führen.

          Das Leben dieses eigensinnigen Parias bewegt sich in den Konturen der iranischen Geschichte des vergangenen Jahrhunderts: Zuerst in den Jahrzehnten der Modernisierungsdiktatur der Schahs Reza Chan und seines Sohnes Reza Pahlewi, die Eisenbahnen und Fabriken bauen ließen, deren Soldaten und Polizeischergen aber auch den Frauen die Tschadors auf offener Straße herunterrissen und den Mullahs die Bärte stutzten. Agha Akbar, ein Hüne von Mann, wird Schah Reza Chan zu Diensten sein, um mit einer Spitzhacke eine Eisenbahnlinie über den Safranberg bis zur russischen Grenze zu bauen, ohne dabei die Felsinschrift, ein nationales Heiligtum, durch Sprengungen zu zerstören. Er wird zum Dank ein Haus errichten können, erlernt das Handwerk des Teppichflickens, schließlich verheiratet ihn sein Onkel mit einer Bauerstochter. Um seinen Kindern den Schulbesuch zu ermöglichen, bringt er die Familie in die Stadt, wo er im Lärm und Schmutz der Akkordarbeit in einer Teppichfabrik fast den Verstand verliert.

          Später wird Agha Akbar mit Hilfe der Kinder einen kleinen Flickladen errichten. Esmail, der einzige Sohn, studiert Physik und beginnt, sich in der linken Opposition zu engagieren, zunächst gegen den Schah, später gegen Chomeini, und er wird die jüngste Schwester, die der Vater in seiner Gebärdensprache liebevoll Goldglöckchen nennt, mit seinen revolutionären Ideen anstecken. Schließlich benutzt der Sohn den eigenen Vater im Auftrag der kommunistischen Partei als unwissenden Kurier an der iranisch-russischen Grenze - ein Wunder, daß der Alte nicht aufgegriffen wird. Esmail selbst entkommt in letzter Minute in die zerfallende Sowjetunion, wo er längst nicht mehr willkommen ist, und schlägt sich weiter nach Ost-Berlin und Holland durch. Goldglöckchen gerät ins Netz der Fundamentalisten, wird gefoltert und für Jahre inhaftiert. Am Ende reißt die Gewaltmaschinerie Vater und Tochter in den Abgrund.

          Kader Abdolah, dessen Name an zwei ermordete iranische Freunde erinnert, ist selbst 1988 aus Iran geflohen. Seitdem lebt er in den Niederlanden. 1999 ist auf deutsch sein erster Roman "Die Reise der leeren Flaschen" erschienen. Schon darin ging es um Sprache und Erinnerung in den Wechselstuben der Kultur - in einem suggestiven, oft surreal-märchenhaften Stil, der an den großen Mann der modernen iranischen Literatur, Huschang Golschiri, erinnert. Abdolahs zweiter Roman "Die geheime Schrift" ist ein Stück, das einen nicht losläßt. Eine Familiensaga, ein postmoderner Roman über die geistige Unbehaustheit des Exils, ein Buch über die Höllen der Diktatur. Vor allem aber ist es ein Buch über die mystische und heilende Kraft der Sprache. Die Gestalt des taubstummen Teppichflickers, der sich über sein Schicksal hinwegsetzt, wird zur Metapher des persischen Volkes, das in seiner Dichtung rebelliert.

          Schließlich geht es auch um die Hommage eines Sohnes an einen Vater, ohne den er nicht geworden wäre, was er ist. Und verhalten hört man ein Liebeserklärung an das Land des Exils, wo Esmail einen väterlichen Freund findet. Der junge Mann wird den an Muskelschwund leidenden alten Holländer Louis über Hunderte von Metern zum Strand tragen, damit dieser das Meer sehen kann - eine Geschichte von bedingungsloser Liebe und vom Kampf gegen die Ideologien.

          SABINE BERKING

          Kader Abdolah: "Die geheime Schrift". Die Notitzen des Agha Akbar. Roman. Aus dem Niederländischen übersetzt von Christiane Kuby. Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2003. 360 S., geb., 22,50 [Euro].

          Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.02.2004, Nr. 34 / Seite 34

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