http://www.faz.net/-gr3-pnxw

: Hierher kommt der Teufel, um zu seufzen

  • Aktualisiert am

Die Geschichte beginnt mit einer Autofahrt durch das winterliche New York 1961, zum Restaurant des Ex-Boxers Jack Dempsey, der dem Ich-Erzähler wenig Talent für eine Boxkarriere bescheinigt. Dieser namenlose Junge aus einem weltfernen "north country fair" vagabundiert durch die Metropole wie ein ...

          Die Geschichte beginnt mit einer Autofahrt durch das winterliche New York 1961, zum Restaurant des Ex-Boxers Jack Dempsey, der dem Ich-Erzähler wenig Talent für eine Boxkarriere bescheinigt. Dieser namenlose Junge aus einem weltfernen "north country fair" vagabundiert durch die Metropole wie ein urbaner Huckleberry Finn, halb Unschuldslamm, halb Picaro, ohne festen Wohnsitz und mit stabilem Selbstvertrauen. Er spielt Mundharmonika in obskuren Clubs in Greenwich Village und singt die Songs der amerikanischen Traditionen, Folksongs, Country-Balladen, Bluesnummern, die irgendwie schon immer seine Atemluft waren. Er gewinnt lokalen Ruhm als wanderndes Song-Lexikon, als lebendes Archiv einer romantischen Popularkultur. Gelegentlich ertönen aus dieses Knaben Wunderhorn auch eigene Songs, frei improvisiert aus den Traditionsbeständen, Diebstahl aus Liebe, "love and theft". Und irgendwann findet sich der Hobo dann auch in kleinen Aufnahmestudios wieder.

          Die uneitle Selbstdistanz, die die amerikanischen Rezensenten an Bob Dylans "Chronicles" überrascht hat, ergibt sich schon daraus, daß dieser Erzähler sich vom ersten Kapitel an durch eine Welt trudeln läßt, in der er ganz Auge und ganz Ohr ist. Dazu gehört auch die Chuzpe, mit der er stets haarscharf an den Ereignissen vorbeierzählt, auf deren Enthüllung seine Fans so dringend gewartet haben. Nichts also über die Revolution der Rockmusik, kaum ein Wort über die wichtigsten Alben, nichts von der Ehescheidung, nichts von Jesus. Gerade so aber entsteht hier ein plastisches Selbstporträt aus schrägen Perspektiven.

          Unter der scheinbaren Spontaneität dieser autobiographischen Geschichten verbirgt sich ein Kunstbewußtsein, dessen Raffinesse der Leser nie ganz auf die Schliche kommt. Schon der Titel kann nur ironisch gelesen werden - Dylans zeitraffendes und zeitdehnendes Erzählen unternimmt einige Anstrengungen, alle Chronologie aufzuheben. Mit Techniken, wie er sie in seinen Songs seit den siebziger Jahren entwickelt hat, zielt er auch hier auf den stehenden Augenblick jenseits der verstreichenden Zeit. Und in welcher Zeit lebt dieser wandernde Held überhaupt? "Die Nachrichten, die mich interessierten und die ich im Auge behielt", berichtet er über das Jahr 1961, waren "der Untergang der ,Titanic', die Flut von Galveston, John Henry, der Schienenleger": Balladenstoffe aus einem versunkenen Amerika. Auch das Wiederauftauchen des Künstlers Dylan aus einer langen Stagnation, zwanzig Jahre später, spielt sich hier ab zwischen den Kolonialhäusern und nächtlichen Friedhöfen eines New Orleans, das außerhalb des zwanzigsten Jahrhunderts zu liegen scheint: "hierher kommt der Teufel, um zu seufzen."

          Insgeheim erzählt Dylan einen selbstironischen Bildungsroman über den Weg in eine zeitlose, mit religiösen Vorstellungen verschwimmende Sphäre der Kunst. Sein Held ist ein Ich, das lange namenlos bleibt. Seinen Geburtsnamen hören wir zum ersten und letzten Mal in dieser Anekdote: "Was Bobby Zimmerman angeht, sage ich's, wie's ist, und das kann man jederzeit nachprüfen. Einer der ersten Präsidenten der San Bernardino Angels war Bobby Zimmerman, und er kam 1964 beim Bass Lake Run ums Leben. Sein Motorrad hatte den Schalldämpfer verloren - um ihn aufzuheben, hatte Zimmerman vor den übrigen Teilnehmern kehrtgemacht und war auf der Straße überfahren worden. Jetzt gibt es keinen Bobby Zimmerman mehr. Das war sein Ende." Mit diesem ersten Erscheinen verschwindet Bob Zimmerman schon wieder aus diesem Buch, an seiner Stelle bleibt eine vor unseren Augen erfundene Kunstfigur, die den Namen "Bob Dylan" trägt.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Deutsche-Bank-Türme in Frankfurt

          Digitaler Marktplatz : Wie die Deutsche Bank von Amazon und Airbnb lernt

          Internetkonzerne bauen eigene Bezahlsysteme auf – und sind damit Vorbild und Bedrohung zugleich. Die Deutsche Bank gibt sich aber nicht geschlagen und arbeitet an einer eigenen Finanzplattform, die mehr als die eigenen Produkte zeigen soll.

          Brexit-Verhandlungen : Schlichtweg inakzeptabel

          Die Zurückweisung auf dem EU-Treffen in Salzburg hat die Briten schockiert. Premierministerin Theresa May reagiert trotzig. Die Gegner ihres Plans im Land sehen sich aber bestätigt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.