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Herta Müller: Niederungen : Im deutschen Frosch steckt kein Prinz

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Der Teufel im Satzspiegel: Erstmals liegt die vollständige Fassung der „Niederungen“ vor. Mehr denn je liest sich Herta Müllers berühmtes Debüt als Schlüssel zu einem Werk, das Aufklärung und große Literatur zugleich ist.

          Herta Müllers erster Prosaband „Niederungen“ spiegelt nicht nur in Form und Inhalt, sondern peinlich auch in der Publikationsgeschichte die Lebensumstände der Autorin. 1982 erschien in Bukarest die lange verhinderte erste Buchfassung, die trotz der erheblichen Eingriffe der Zensur in der deutschsprachigen Literaturkritik Rumäniens als so kunstvoller wie widerständiger Text wahrgenommen wurde. Nicht nur die „außerordentliche Plastizität der Sätze“, die „Genauigkeit der Benennung“ und die „makellose, rhythmisch durchgestaltete“ Sprache erregten Bewunderung, sondern merkwürdig verquer formuliert auch der Versuch, „gegen die Wirkungslosmachung von Literatur bei uns anzukämpfen“.

          Gleichzeitig aber riefen die Texte des Bändchens schon die Aggressionen und Verleumdungen hervor, unter denen Herta Müller lange zu leiden hatte. 1981 war in der „Neuen Banater Zeitung“ das kurze Stück „Das schwäbische Bad“ vorab erschienen. In lakonischer Wiederholung wird darin das samstägliche Reinigungsritual, in dem die Familienmitglieder nacheinander „graue Nudeln“ von sich abreiben, während das langsam abkühlende Wasser seine Farbe augenfällig verändert, zu einer komisch-ekelhaften Allegorie des banatschwäbischen Dorflebens: „Die Nudeln der Mutter, des Vaters, der Großmutter und des Großvaters kreisen über dem Abfluss.“ Die offenkundige Satire wurde als „Greuelmärchen aus Nitzkydorf“ gelesen und brachte der jungen Autorin in den Blättern der deutschen Minderheit wüste Beschimpfungen im Vokabular des gesunden Volksempfindens ein.

          Apotheose des Hässlichen

          Das wurde später von den landsmannschaftlichen Zeitschriften der Bundesrepublik überboten. Unter dem Titel „Eine Apotheose des Hässlichen und Abstoßenden“ druckte „Der Donauschwabe“ an Weihnachten 1984 eine hasserfüllte Besprechung der westdeutschen Ausgabe der „Niederungen“, in der behauptet wurde, die Autorin sei „eine der wertvollsten Mitarbeiterinnen der Bukarester ZK-Propagandaabteilung“ und betreibe „den Abbau und Zerfall des Deutschtums“. Überdies erfreute sich der Autor an der Vorstellung, dass Herta Müller gehenkt worden wäre, hätte sie ähnlich über „ihre rumänischen Mitbewohner“ geschrieben. Da war sie schon jahrelang vom Geheimdienst gequält worden, gerade weil sie sich geweigert hatte zu kooperieren.

          Die „Niederungen“ gingen der Autorin in die Emigration voraus, und wie später sie wurde der Text im Rotbuch-Verlag als unmündig behandelt. Die Lektorin nahm vier Stücke heraus, kürzte innerhalb der Texte und veränderte die Reihenfolge. Verunsichert, wie Herta Müller damals war, glaubte sie, sich dagegen nicht wehren zu können. Trotz dieser neuerlichen Eingriffe wurde das Werk von Friedrich Christian Delius im „Spiegel“ als „mitreißendes literarisches Meisterstück“ bezeichnet. In der Folge erging sich die Kritik in der Feier der „ungeheuren sprachlichen Kraft“ der Autorin. Das Staunen äußerte sich freilich nicht selten in einem Exotismus, der das Neue dieser Schreibweise als ein Fremdartiges auf die Herkunft zurückführte und damit auf jene stammesgeschichtlichen Prägungsvorstellungen, die im Buch als repressiv erscheinen.

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