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Herta Müller: Die blassen Herren mit den Mokkatassen Ich bin ein Wort, gebrauche mich!

Schnipseln Sie doch mal: Herta Müllers Text-Bild-Collagen eignen sich als Anregung für große und kleine Leute, die Freude am spielerischen Umgang mit der Sprache haben oder sie wecken wollen.

© Verlag Vergrößern

„Nehmt eine Zeitung. Nehmt Scheren. Wählt in dieser Zeitung einen Artikel von der Länge aus, die Ihr eurem Gedicht zu geben beabsichtigt. Schneidet den Artikel aus. Schneidet dann sorgfältig jedes Wort dieses Artikels aus und gebt sie in eine Tüte. Schüttelt leicht. Nehmt dann einen Schnipsel nach dem anderen heraus ...“ - so entsteht nach Tristan Tzaras Empfehlung ein originelles dadaistisches Gedicht.

Auf den ersten Blick frappiert der Eindruck, Herta Müllers Schnipsel-Poesie könnte nach diesem provozierenden, bürgererschreckenden Rezept aus dem Jahr 1920 angefertigt worden sein. Aber bei näherer Betrachtung stellt sich heraus, daß sie alles andere im Sinn hat als solche Provokationen. Ihre zusammengefügten bunten Wort-Schnitzel ergeben schon rein visuell ein reizvoll-gefälliges Bild, einem Patchwork nicht unähnlich, dessen Farben und Formen man gern anschaut. Daß ihre ersten Collagen dieser Art als Postkartenserie (“Der Wächter nimmt seinen Kamm“, 1993) erschienen sind, leuchtet ein; sie eignen sich zur adressierten Mitteilung der Augenlust, des ästhetischen Vergnügens, das sie schon unabhängig von ihrem wörtlichen „Sinn“ bereiten.

Das Reale kippt um ins Surreale und Groteske

Nur zögernd trennt man sich daher vom schönen Schein der Gebilde, um ihrem Wortlaut zu folgen; es will nicht zwingend erscheinen, die Texte buchstäblich zu lesen, statt sie nur anzuschauen. Doch die Lektüre fördert Einblicke in die Konstruktion und Eigenart poetischer Texte überhaupt zutage. Denn ob und wie (gegebenenfalls) das Zerschnittene und Zusammenhanglose doch zu einem Zusammenhang geführt wird, das erweist sich als eine generelle Frage an Texte, insbesondere an poetische Texte. Stets muß ja eine Auswahl aus Wörtern, die zur Verfügung stehen, getroffen werden. Jeder Text ist das Ergebnis vielfacher Wahl- und Ausschlußprozesse. Aber wie frei ist die Wahl eigentlich, und woran orientiert sie sich? Sucht Herta Müller genau die Wörter, die sie - zu welchem Zweck auch immer - braucht, oder schlagen die vorgefundenen Wörter ihr vor, zu welchem Zweck sie zu gebrauchen sind? Will sie beispielsweise reimen, oder finden sich die Reime ein, will sie eine zusammenhängende Geschichte schreiben, oder wird ihr der Sinn zudiktiert? Setzt sich das Sinngebungspotential der vorgefundenen Wörter durch, oder ringt die Autorin ihnen ihre vorgängige Intention ab?

Der martialische Akt des Zerschnipselns suggeriert die autonome Verfügungsgewalt der Autorin über ihr Material, bewirkt aber zugleich ihre gänzliche Abhängigkeit von ihm. Diese weitreichende „Lehre“ illustrieren Herta Müllers collagierte Texte nachdrücklich und auf vergnügliche Weise. Die Schnittstellen zwischen der ausgeübten Herrschaft über die Wörter und ihrer Herrschaft über die Autorin werden sichtbar und drängen sich vor: Die Grammatik beginnt zu wackeln, die Reime purzeln übereinander, das Reale kippt um ins Surreale und Groteske - ein Vorgang, den die stark stilisierten kleinen Bildcollagen, die den Textgebilden zugeordnet sind, noch einmal steigern; diese Bildchen müßten daher, wollte man aus diesem Buch zitieren, eigentlich mitzitiert werden.

Das Buch kann Sprach- und Literaturwissenschaftlern, besonders den poststrukturalistischen Dekonstruktivisten unter ihnen, zur professionellen Analyse empfohlen werden; es eignet sich aber auch als Anregung für große und kleine Leute, die Freude am spielerischen Umgang mit der Sprache haben oder sie wecken wollen: Schnipseln Sie doch mal!

Herta Müller: „Die blassen Herren mit den Mokkatassen“. Hanser Verlag, München, Wien 2005. 112 S., geb., 17,90 €.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.09.2005, Nr. 227 / Seite 34

 
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Veröffentlicht: 29.09.2005, 12:00 Uhr