Home
http://www.faz.net/-gr3-6k2sf
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Herman Koch: Angerichtet Henkersmahlzeit für einen Lehrer

Selbstbetrug als Leibgericht: Herman Kochs brillante Tragikomödie über die Dehnbarkeit der Moral hat die Holländer fasziniert. Jetzt wird auch auf deutsch „Angerichtet“.

© Verlag Vergrößern

Als Aperitif des Hauses haben wir heute einen Champagner rosé.“ Vollendet ist die Höflichkeit dieses Maître d’Hôtel, alles an ihm eine unablässige Verbeugung. Man weiß ja wirklich nie, ob sich hinter der gespreizten Etikette nicht abgrundtiefe Verachtung für die Gäste verbirgt. Es mag andererseits wohl sein, dass sich dieser Gast, sagen wir es gleich: dass sich Paul Lohmann, der Bruder des berühmten, mit besten Aussichten für den Posten des Ministerpräsidenten kandidierenden Landespolitikers Serge Lohmann, ein wenig in die Überlegung hineinsteigert, etwas, das den Zusatz „des Hauses“ trage, müsse doch eigentlich gratis sein und dürfe nicht, wie die Karte ausweist, zehn Euro kosten: „Das ist doch wirklich irreführend! Das klingt doch eher nach einer Einladung als nach zehn Euro? Zehn Euro! Zehn! Oder mal anders betrachtet: Hätten wir ein Glas schalen Champagner rosé des Hauses bestellt, wenn wir zuvor gewusst hätten, dass wir zehn Euro dafür zahlen müssen?“ Nein, so nicht. Nicht mit ihm! Das Mädchen wird gerufen, doch da erscheint der Bruder samt Gattin in der Tür. Der Maître, der später dann doch „Dreckskerl“ gerufen wird – aber das ist, wie gesagt, erst später –, hat noch einmal Glück gehabt.

Abstreiten lässt es sich nicht: Wer sich von der roséfarbenen Servilitätsarroganz vollendet höflichen Spitzenpersonals nicht einschüchtern lässt, der hat unsere Sympathie. Und auch das affige Mise-en-scène des allseits hofierten Bruders bricht Paul für uns auf Menschenmaß herunter. Wer sich hier aus Distinktionsinteresse als Weinkenner zu erkennen gebe, so verrät der Erzähler, leerte früher locker eine Familienflasche Cola beim Abendessen, um darauf „voluminöse Rülpser“ zu produzieren. Überhaupt seien die Schulhof-Rülpser der Ursprung seiner Popularität gewesen. Und im Grunde sei er darüber nie hinausgekommen: „In seinem tiefsten Inneren war Serge immer ein Bauer geblieben, ein ungehobelter Arsch.“ Ja, dieser Paul, das ist unser Mann: unbestechlich, hart, charmant neurotisch, wie spätestens klar wird, als ihn der Gedanke verrückt macht, Serge spüre nach einem Platztausch mit Pauls Frau Claire deren „Körperwärme durch den Stoff seiner Hose“.

Rotzlöffel-Ansprache

Und auch als liebender Vater, das zeigen die Rückblicke, solidarisiert sich Paul nie mit der Gesellschaft und ihrer Disziplinierungswut: Nein, er ist kompromissloser Anwalt seiner Brut. Selbstverständlich verspricht er dem Fahrradladenbesitzer, dessen Scheibe nun leider einmal zu Bruch gegangen ist, den Schaden zu übernehmen. Aber dessen „Rotzlöffel“-Ansprache, die muss er sich nicht anhören: „Ich kam mit meinem Sohn hierher, um die Scheißscheibe zu ersetzen, und nicht, um mir dein ätzendes Palaver über Fußball spielende Kinder anzuhören. Worum geht es hier eigentlich, du Arschgesicht?“ Gut gegeben, auch wenn das den Geschädigten noch weiter auf die Palme bringt. Dann muss es eben eine Stehfahrradpumpe richten, die sich zufällig in der Nähe befindet und gut in der Hand liegt: „‚Du bleibst besser, wo du bist, sagte ich ganz ruhig. ‚Bis jetzt ist es nur eine Fensterscheibe.“

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Pierre Boulez zum Neunzigsten Verständlich sein!

Er ist der mächtigste Musiker der Moderne und braucht kein C-Dur, um in die Ewigkeit zu finden: Zum neunzigsten Geburtstag des Komponisten und Dirigenten Pierre Boulez. Mehr Von Eleonore Büning

26.03.2015, 07:45 Uhr | Feuilleton
Koch-Olympiade Norwegens Küche ist die Beste

Im französischen Lyon wird geschnippelt, gerührt und gebraten, was das Zeug hält. An die Feinschmeckermesse Sirha schließt sich zum 15. Mal der auch als Koch-Olympiade bezeichnete Wettbewerb "Bocuse d'Or" an, benannt nach dem in Lyon ansässigen Koch-Papst Paul Bocuse. Schon zum vierten Mal steht schließlich ein Norweger ganz oben auf dem Treppchen. Mehr

29.01.2015, 16:07 Uhr | Stil
Am Lago Maggiore Langsame Fahrt durch die gestirnte Nacht

Die Kurhäuser am schönen Ufer, illustre Nachbarn, komponierende Maestros und ein kleiner dicker Berliner mit Schreibmaschine: Das Familienhotel Rivabella in Brissago hat sie alle überlebt. Mehr Von Astrid Ludwig

26.03.2015, 13:22 Uhr | Reise
Kochwettbewerb Die Meisterköche versammeln sich

Hier treffen die besten Köche der Welt aufeinander: Der Bocuse d'Or ist der bekannteste und größte Kochwettbewerb der Welt. Alle zwei Jahre wird er im französischen Lyon unter Aufsicht von Koch-Legende Paul Bocuse ausgetragen. Was braucht man, um hier aufs Podest zu kommen? Mehr

30.01.2015, 14:19 Uhr | Stil
Getöteter Koch auf Sylt Überflüssig wie ein Kropf

Wegen eines angeblich schlechten Essens gerieten ein Kunde und sein Freund mit dem Koch aneinander. Am Ende war der Sylter Imbissbetreiber tot. Nun verhängte das Gericht die Strafen. Mehr

23.03.2015, 20:28 Uhr | Gesellschaft
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 27.08.2010, 11:28 Uhr