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Veröffentlicht: 19.07.2013, 16:57 Uhr

Henry James: Das Tagebuch eines Mannes von fünfzig Jahren Die Festung, die nie einen Angriff erlebte

Henry James erzählt über einen Mann von fünfzig Jahren und greift dabei einige zentrale Motive aus Balzacs berühmter Erzählung „Die Frau von dreißig Jahren“ auf. Er verändert dabei aber die Erzählperspektive grundlegend.

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© Edition 5plus

Siebenundzwanzig Jahre nach den entscheidenden Ereignissen seines Lebens kehrt ein Mann an den alten Schauplatz zurück. Er ist gesund und wohlhabend, ein ehemaliger General, der in Indien und anderenorts der englischen Krone gedient hat und bei verschiedenen Gelegenheiten, wie er sagt, dem Feind gegenübertreten musste. Aber am meisten waren sein Mut und seine Entschlossenheit gefordert, als er damals in Florenz eine Entscheidung traf, die er rückblickend als „die Großtat seines Lebens“ bezeichnet. Worin bestand diese Großtat? Er verließ die Frau, die er über alles liebte und mit der er hätte glücklich werden können.

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In der Sprache des Militärs wäre diese Tat je nach Einschätzung der Lage als geordneter Rückzug oder als ehrlose Desertion zu bezeichnen. Henry James trieb sich jahrzehntelang auf Schlachtfeldern herum, in England, Frankreich, Italien und den Vereinigten Staaten, aber dabei handelte es sich um die Schlachtfelder der Salons mit ihren strengen Konventionen und kunstvoll verhüllten, überwiegend unerfüllt bleibenden Leidenschaften. Militärisches interessierte ihn nicht, sein Jargon ist der einer feinen Gesellschaft, die ihre Wünsche und Motive, ihre Begierden und Beschädigungen nicht preisgeben will. Es ist eine Sprache, die nicht offenbaren, sondern verhüllen, die nicht berühren, sondern manipulieren soll. Henry James hat mit dieser Sprache das Gegenteil dessen betrieben, wozu sie bestimmt war: Er hat die Verhüllungen so subtil fixiert und genau beschrieben, dass das Verborgene zutage trat und sichtbar wurde. Maskierung und Demaskierung sind bei ihm eins.

Europa und Amerika treffen aufeinander

Als der General in Florenz eintrifft, findet er die Stadt nahezu unverändert. Nun stürmt seine Vergangenheit auf ihn ein. Der Giardino di Boboli ist wie erfüllt von der Gegenwart der toten Geliebten. Wenn er die Augen schließt, ist ihm, als höre er „das Rauschen ihres Kleides auf dem Kies“. All die vergessenen Eindrücke jener Jahre kehren zurück, und er fragt sich, in welchen Winkeln seines Bewusstseins sie sich versteckt gehalten hatten: „Sie sind wie die Zeilen eines in Geheimtinte geschriebenen Briefs; man halte den Brief ein Weilchen ans Feuer, und die wohltuende Wärme treibt die unsichtbaren Worte hervor.“ Zunächst bereitet es ihm Vergnügen, die frühere Geliebte, das schöne Gespenst seiner lange zurückliegenden Vergangenheit, heraufzubeschwören. Denn er ahnt nicht, welche Botschaft dieser Brief für ihn bereithält: dass er selbst längst zum Gespenst geworden ist.

„Das Tagebuch eines Mannes von fünfzig Jahren“ ist eine elegante Verbeugung vor Balzac. James greift einige zentrale Motive aus dessen berühmter Erzählung „Die Frau von dreißig Jahren“ auf, verändert aber die Erzählperspektive grundlegend. Wir betrachten das Geschehen mit den Augen des Generals, denn was wir lesen, ist sein Tagebuch. Dass es zunehmend den Charakter einer Konfession annimmt, leitet James mit subtilen Signalen bereits von der ersten Seite an ein: Alles, was in diesem Florentiner Frühsommer des Jahres 1874 geschehen wird, dient der Selbstrechtfertigung des Generals. Er ist ein Mann wie eine Festung, die nur deshalb als uneinnehmbar gilt, weil sie noch nie angegriffen wurde.

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Immer wieder hat Henry James (1843 bis 1916) in seinen Romanen Europa und Amerika, die Alte und die Neue Welt, aufeinandertreffen lassen. In seiner 1879 erschienenen Erzählung, die Friedhelm Rathjen jetzt souverän erstmals ins Deutsche übersetzt hat, ist der Geschlechterkonflikt innereuropäisch situiert: puritanischer Engländer trifft auf „kokette“ und „gefährlich“ schöne Südländerin, ergreift die Flucht und klammert sich fortan an die Lebenslüge, er habe die richtige Entscheidung getroffen. Aber James verdoppelt dieses Szenario, indem er es spiegelt: So linkisch und zögernd, wie der General damals um die verwitwete Gräfin Salvi warb, so unbeholfen wirbt sein junger Landsmann Mr Stanmer jetzt um deren gleichfalls verwitwete Tochter, die ebenso schön und bezaubernd ist, wie ihre Mutter es war. Der General tut alles, um die Verbindung zu hintertreiben. Er sät Misstrauen, verleumdet die Gräfin, spricht ihr Moral und Tugend ab, erfindet einen heimlichen Geliebten. Er will seinen jungen Landsmann vor einem Fehler bewahren, weil er mehr ahnt als weiß, dass er die eigene Lebenslüge nur aufrechterhalten kann, wenn der junge Stanmer den Fehler des Generals wiederholt.

Henry James ist sein eigener literarischer Kontinent. Wer sich ihm nähern will, sollte zu dieser ungewöhnlich schön gestalteten Ausgabe greifen. Sie ist in jenen acht literarischen Buchhandlungen erhältlich, die sich zum Gemeinschaftsprojekt Edition 5plus zusammengeschlossen haben: Buchkunst, die aus schönster Nische kommt.

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