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Helmut Krausser: Substanz Beamen ist machbar, Herr Nachbar

26.03.2010 ·  Hinterm Surround-Horizont geht’s weiter: Helmut Krausser findet Kunst nicht demokratisch und bietet der Elite unter den Lesern ein Best-of aus seinen Tagebüchern.

Von Richard Kämmerlings
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Tagebuch, welch ein Anachronismus im Zeitalter der Blogger und Twitterer. Am 11. Dezember 1999 notiert Helmut Krausser: „Das Thema der Neunziger war die Emanzipation des Virtuellen gegenüber dem Realen. Wird im nächsten Jahrzehnt die Realität bereits sekundär? Weil das Leben im Netz z. B. authentischer wird als im von Masken und Lügen verschütteten Alltag? Für einige sicher. Dann wird man morgens an den Bildschirm gehen wie früher an die frische Luft.“

Kurz vor der Jahrhundertwende schossen die Zukunftsvisionen allerorten ins Kraut. In seinem Tagebuch des Dezembers 1999 spielt auch Krausser ein bisschen den poeta vates. Er räsoniert über das E-Book, die in naher Zukunft erreichbare Unsterblichkeit („Ist von hier nur noch ein paar Generationen entfernt“) und das Beamen als Transportmittel, das Experten erst in mehreren hundert Jahren erwarten: „Aus den Erfahrungen der letzten Jahrzehnte heraus halte ich das für viel schneller machbar, selbstverständlich – aber vielleicht kommt eine NEUE LANGSAMKEIT auf uns zu? Die müsste sich spirituell verbrämen, um nicht lähmend zu wirken.“ Zugleich gibt er zu, sich früher Handys als tragbare Telefonzellen nach Art einer Föhnhaube vorgestellt zu haben, „die man aufsetzen muss, um mit anderen Haubentauchern zu kommunizieren“.

Gegenwart ist Science-Fiction

Gerade das Anachronistische am Tagebuch – 1998 schrieb Rainald Goetz seinen wegweisenden Ur-Blog „Abfall für alle“– macht es zur idealen Form, um die Erfahrung einer ungeheuren Beschleunigung wiederzugeben. Denn nur wer nicht an ihr teilhat, kann die Bewegung messen: „Die Gegenwart IST Science-fiction geworden“, notiert Krausser und beginnt sich zu wundern, dass manches längst Ausgedachte noch nicht Wirklichkeit geworden sei: „Unbekannt ist nur noch das Ausgabedatum uns bereits wohlbekannter Produkte.“

Helmut Krausser begann 1992, in der Endphase der Arbeit an dem umfangreichen historischen Roman „Melodien“, der seinen Durchbruch bedeutete, mit einem auf zwölf Jahre angelegten Tagebuchprojekt. In jedem Jahr wird ein anderer Monat festgehalten: Auf den Mai 1992 folgt der Juni 1993 und so weiter, bis zum April 2004; aus diesen bereits in verschiedenen Einzelausgaben verfügbaren, insgesamt fast zweitausend Seiten hat Krausser jetzt eine Auswahl getroffen, die er „Substanz“ nennt. Der Titel klingt gewohnt vollmundig, so wie er im vergangenen Jahr seine „besten Gedichte“ herausbrachte.

Beeindruckend vielseitig

Doch benennt Krausser mit „Substanz“ auch ein ästhetisches Programm: „Es gibt hierzulande zu wenige Autoren mit Surround-Horizont. Solche, die sich nicht mit Phänomenen aufhalten bzw. sich nicht von ihnen täuschen und becircen lassen, sondern – von einem Punkt aus in alle Richtungen – zur Substanz vordringen, dem jenseits der Dekade Gültigen.“ Für dieses neuplatonische Konzept – durch die flüchtigen Erscheinungen hindurch zum Wesen vorzudringen – ist das Tagebuch nur auf den ersten Blick das falsche Gefäß, weil es sehr begrenzt filtern und destillieren kann. Die Herausforderung besteht darin, im mehr oder weniger banalen Alltag eines Schriftstellers, der noch dazu kein Kind von Traurigkeit ist, das überzeitlich Wahre zu entdecken. Der tolle, dem Kraft- und Bildungsprotz Krausser in puncto Megalomanie und élan vital gar nicht unähnliche Niederländer A. F. Th. van der Heijden hat seine Tagebücher sehr treffend „Engelsdreck“ genannt.

Krausser, geboren 1964, ist ein außergewöhnlich vielseitiger Mensch, nicht nur als Autor von zahlreichen Romanen und Erzählungen, Gedichten, Hörspielen, Theaterstücken und Libretti. Er ist ein exzellenter Kenner der Musikgeschichte und ein Schachspieler von regionalem Rang, aber auch, wie seinen Aufzeichnungen zu entnehmen ist, ein Sammler antiker Münzen, begeisterter Cineast und Fan von Computerballerspielen. Sein Surround-Horizont stimmt jedenfalls. Der Wille, in jeder seiner Passionen auf der Höhe der Zeit zu sein, verbindet ihn mit der Popliteratur. Der Unterschied ist, dass er kein Popfan (mehr) ist, sondern es mit dem Komponisten Gottfried von Einem hält: „Kunst ist ein aristokratisches Phänomen, kein demokratisches, und erst recht kein plebejisches“. 1995 erteilt er der Spaßkultur eine „Kampfansage“ und nimmt sich vor, „den absurden und wichtigtuerischen Pop-Diskurs lächerlich (zu) machen, wo immer möglich“. 1999 heißt es: „Den Berufsjugendlichen geben, das ist nicht meine Sache. Ich spüre den Verfall.“ Da ist Krausser gerade mal Mitte dreißig und spürt, dass der Britpop-Hype um Oasis sein „persönlicher Knackpunkt“ war.

Kritikerbeschimpfung

So steht Krausser irgendwo in der Mitte zwischen dem Gegenwartsstenographen Rainald Goetz und dem Ewigkeitsmythomanen Botho Strauss, zwischen der Lupe medialer Mikroanalyse und dem Radioteleskop für angewandte Äonenforschung. Großen Raum nimmt die oft maßlose Beschimpfung seiner Kritiker (und der seiner Freunde) ein; Selbstzweifel kennt Krausser nicht. „Manche attestieren mir Größenwahn. Aber mich zu kritisieren, hielte keiner von denen auch nur entfernt für Größenwahn.“

Nachdenklich, ja regelrecht kleinlaut wird er eher im Moralischen, beim Gefühl eigenen Versagens. So beobachtet er einmal bei einer Bahnreise in Italien mit seiner Frau Beatrice eine Zigeunerfamilie, die einen Rucksack stiehlt: „Wussten genau, wir würden nichts tun . . . Korrekt wäre gewesen, den Rucksack zu nehmen, durch den ganzen Zug zu laufen und zu fragen, wem er gehört. Wäre ganz klar die gute Tat gewesen. Keineswegs spießig. Nur aufwendig . . . Ein Gefühl der Ohnmacht blieb, auch der Scham, dem unbekannten Opfer nicht geholfen zu haben.“ Solche Alltagssituationen und die damit verbundenen Dilemmata registriert Krausser des Öfteren. Als Beobachter ist er nie unbeteiligt.

Bekenntnis zum Elitären

Das gilt auch für Politisches. 1996 vermerkt er mit Schrecken den Triumph der Taliban in Afghanistan; zwei Jahre zuvor geißelte er die „verharmlosende Haltung vieler Intellektueller zur Hausse des Islams“ und mahnt, lange vor dem 11. September, eine entschiedene Haltung des Westens gegenüber den Fundamentalisten an: „Religionsfreiheit darf kein Basiswert an sich sein. Religion ist Gewalt, und Gewalt steht nicht frei.“

Krausser versteht sich als Konservativer; die Kulturkritik des Ernst-Jünger-Verehrers will ausdrücklich elitär sein. An der Konjunktur von Pornographie im Internet erkennt er, dass die Menschheit „aus einer geilen Bande“ besteht, getrieben „von primitivsten Instinkten“. Er habe sich jahrelang zum Anschauen der Talkshows morgens ab elf gezwungen: „Habe alle Illusionen in mir wie Bakterien abgetötet. Seither schreibe ich nicht anders. Nur für sehr viel weniger Leser.“ Wenn Krausser hinter das Bonmot „Alle großen Künstler sind überbewertet. Außer mir“ einen Smiley setzt, dann ist das doppelte Ironie. Man sollte Helmut Krausser lieber ernst nehmen. Und nicht unterschätzen.

Helmut Krausser: „Substanz“. Das Beste aus den Tagebüchern. DuMont Buchverlag, Köln 2010. 464 S., geb., 24,95 €.

Quelle: F.A.Z.
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